Baltic Opera Festival 2026
Die Waldopernbühne Zopott wurde im Jahr 1909 eröffnet, und avancierte schnell zu einer höchst erfolgreichen Spielstätte. Anfangs traten Sänger aus verschiedenen Teilen Deutschlands auf, später bevorzugt mit Kräften der Berliner Staatsoper besetzt, wurden vor allem die Wagner-Aufführungen zu Publikumsrennern.
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges schien ein Neubeginn zunächst nicht möglich. Die Beharrlichkeit und das Charisma des polnischen Bassbaritons Tomasz Konieczny führten aber schließlich doch zu einer Revitalisierung der Bühne, die nun auch ein regensicheres Zeltdach erhielt.
von Peter Sommeregger
Zum vierten Mal fand in diesem Sommer das Baltic Opera Festival statt, das außer der Waldoper auch das Baltische Opernhaus in Gdansk mit einer Produktion einbezieht. Erwies sich die Waldbühne einmal mehr als ideale Spielstätte für Wagner-Opern, und knüpfte mit einer Produktion der „Walküre“ an die alte Tradition an, so wartete das Opernhaus in Gdansk mit einer Rarität auf. Die Operette „Polnische Hochzeit“ des galizisch- jüdischen Komponisten Joseph Beer erlebte in Anwesenheit der Töchter des Komponisten ihre polnische Erstaufführung.
Für die „Walküre“ hatte man eine Inszenierung der Königlichen Dänischen Oper von John Fulljames übernommen, die sich als sehr geeignet für die Freiluftbühne erwies. Eine drehbare Holzkonstruktion diente erst als Hundings Hütte, später als perfekte „Showtreppe“ für die Akte zwei und drei. Der finale Kampf zwischen Siegmund und Hunding, aber auch der Walkürenritt wirkten auf der steilen Schräge besonders intensiv. Weniger überzeugend, ja teilweise sogar störend wirkte die Rahmenhandlung: eine Gruppe von Mädchen, die späteren Walküren, sind an Arbeitstischen zugange, programmieren wohl die handelnden Figuren unter der Anleitung Wotans.

Mit dem französischen Tenor Stanislas de Barbeyrac war der Siegmund hervorragend besetzt. Der Tenor, der auch in Mozart-Partien erfolgreich ist, verfügt über eine gute Technik, ein angenehmes Timbre und ist auch als Darsteller glaubwürdig. Als Sieglinde konnte die polnische Sopranistin Izabel Matula überzeugen. Ihre dunkel timbrierte Stimme harmonierte ausgezeichnet mit der ihres Partners und ihr gelang stimmlich wie darstellerisch ein stimmiges Rollenporträt.

Der Bass René Pape ist nach wie vor eine sichere Bank als knorriger, gefährlicher Hunding. Ein wenig enttäuschend die Brünnhilde von Stéphanie Müther, deren Höhe doch sehr eng klang, und dadurch mit den Hojotoho-Rufen Schwierigkeiten hatte. Im Lauf des Abends gewann sie aber an Sicherheit, und war in der Schluss-Szene dem Wotan eine adäquate Partnerin. Eindrucksvoll der volle Mezzosopran von Malgorzata Walewska als Fricka, die ihren kurzen Auftritt optimal nutzte.
Dominiert wurde die Aufführung jedoch eindeutig von Tomasz Konieczny als Wotan, dessen Interpretation des Göttervaters inzwischen zu den weltweit besten und berührendsten zählt.

Sein runder, voller Bassbariton verleiht der Rolle die gewünschte Wucht und Durchschlagskraft, gleichzeitig stehen ihm aber auch weichere, differenziertere stimmliche Mittel zur Verfügung, mit denen er die Gebrochenheit des Charakters abbilden kann.
Bemerkenswert war die stimmliche Qualität der acht Walküren, komplett mit polnischen Sängerinnen besetzt, die eine Ahnung vom künstlerischen Potential der Gesangskultur des Landes lieferten.
Dem Dirigenten Axel Kober gelang ein temperamentvolles, ausgewogenes und gut strukturiertes Dirigat, das ausgesprochen sängerfreundlich ausfiel. Als Orchester wirkte eine Kooperation aus dem Orchester der Baltischen Oper Gdánsk mit der Lemberger nationalen Philharmonie, denen ein authentischer Wagner-Klang glückte.
Der riesige, eindrucksvolle Zuschauerraum, mitten im Wald gelegen, verfügt über etwa 5000 Plätze, und war weitgehend mit einem enthusiastischen Publikum gefüllt. Kräftige Regenschauer während des zweiten und dritten Aktes blieben dank des schützenden Daches ohne Einfluss auf die Aufführung.

Den größtmöglichen Kontrast bildete am nächsten Tag die Aufführung der Operette „Polnische Hochzeit“ in Gdánsker Opernhaus. Der Komponist Joseph Beer, 1938 aus Wien nach Frankreich geflohen, entging dem Nazi-Regime nur knapp, wie bei vielen Künstlern wurde seine Karriere aber massiv durch das Zeitgeschehen beeinträchtigt. Erst in jüngerer Zeit besinnt man sich wieder auf die Kompositionen Beers.

Die „Polnische Hochzeit“ ist ein klassischer Operettenstoff, Liebe, Intrige, Verwicklungen, und am Ende ein versöhnliches Happy-End. Offenbar hatte das Regie-Team von Paweł Miśkiewicz Bedenken, das Werk in seiner ursprünglichen Form auf die Bühne zu bringen, und griff zu einer, den Stil der Aufführung total sprengenden Idee: die sehr konventionell begonnene Inszenierung wird durch zwei völlig aus dem Rahmen fallende Szenen „angereichert“. In düsteren Monologen erzählen junge Frauen von schrecklichen Begebenheiten, die ohne direkten Bezug zur Handlung stehen, und in einer sehr geschmacklosen Szene wird die Buffo-Figur der Operette, im rosa Schweinchen-Kostüm inklusive Ringelschwanz von einer Domina gequält. Das waren dann doch arge Entgleisungen, die den positiven Eindruck der Aufführung schmälerten.
Dabei hatte die Aufführung musikalisch durchaus Schwung, und das Sängerensemble schlug sich ausgezeichnet, allen voran der Tenor Piotr Buszewski, der mit kräftigem, sicheren Tenor aufhorchen ließ.
Der Dirigent Łukasz Borowicz gab der Partitur Beers ein schmissiges Dirigat, das die Qualität von dessen Musik zur Geltung brachte. Ein wenig irritierend, dass die Sänger trotz ihrer kräftigen Stimmen mit Mikrophonen ausgestattet waren, auffällig auch, dass die aus Wroclaw stammende Inszenierung überhaupt nicht den Dimensionen der Gdánsker Bühne entsprach, so mussten die Solisten und das Ballett immer wieder auf Podeste seitlich der Bühne, und den schmalen Raum vor der ersten Parkettreihe ausweichen. Insgesamt erwies sich das Werk als durchaus lebensfähig und musikalisch gehaltvoll.
Man kann das Engagement von Tomasz Konieczny gar nicht genug würdigen, mit dem er versucht, nicht nur dieses Festival, sondern die Opernkultur Polens insgesamt zu fördern, und auf einen höheren Level zu heben.

Nicht zuletzt die Besetzung der „Walküre“ hat gezeigt, welches Potential an guten Sängern in Polen vorhanden ist. Wichtig für eine Internationalisierung ist aber natürlich auch das Erlernen des deutschsprachigen Repertoires. Konieczny nutzt klug seine Stellung als international erfolgreicher Sänger, um ein Netzwerk aufzubauen, das für das Erreichen seiner Ziele unbedingt notwendig ist, wobei er auch noch gegen keine geringen Widerstände im eigenen Land zu kämpfen hat, wie er in einem ausführlichen Pressegespräch durchblicken ließ.
Als Gast des diesjährigen Festivals verlässt man Gdánsk beeindruckt und dankbar für wertvolle Eindrücke, und mit Vorfreude auf das Festival 2027, bei dem ein konzertanter „Fidelio“ und ein „Freischütz“ in der Regie von Andreas Homoki auf der Waldbühne bereits bestätigt sind.
Peter Sommeregger, 6. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Baltic Opera Festival 2024 Waldoper in Zoppot vom 20. bis 25. Juli 2024
Beethoven, Fidelio, Konieczny, Apokalypse, Opera Baltycka, Danzig, 12. März 2022