Daniels Anti-Klassiker 20: Richard Strauss – Also Sprach Zarathustra (1896)

Daniels Anti-Klassiker 20: Richard Strauss – Also Sprach Zarathustra (1896)  klassik-begeistert.de, 5. September 2026

 

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Mit „Also sprach Zarathustra“, oder dem „Welthit aus 3 Tönen“ hat Strauss ein zeitloses Epos geschaffen, das bis heute allgegenwärtig scheint. Es braucht nicht erst den Blick auf den Fernseher, um beispielsweise bei der Werbung für eine wohlbekannte Biermarke erneut die glorifizierende Eingangsfanfare dieser Komposition zu hören. Wie konnte das passieren, dass eine der epischsten Orchestermusiken so zur Ikone der Marketingindustrie wurde?

Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch mein Lieblingskomponist auf dieser Liste der klassischen Anti-Hits landen musste. „Also sprach Zarathustra“ lässt sich reihenlos in eine ganze Serie epischer Programmmusiken von Richard Strauss einordnen. Die Suche nach Erkenntnis und Erfüllung ist eines jener Motive, das auch in anderen Strauss‘schen Kompositionen immer wieder zentral ist, hier inspiriert durch Nietzsches Schriften aber einen besonderen Fokus erlebt.

Auf Basis der Figur des Zarathustra (historisch Zoroaster) hat Strauss dabei ein Meisterwerk von knapp fünfunddreißig Minuten Länge geschaffen. Dieses programmmusikalische Epos stellt in sich eine Welt voller Lebenserfahrungen, wie dem im Fanatismus endenden religiösen Glauben, der in die Irre führenden Wissenschaft, zwanglose aber leere Heiterkeit, Depression, Genesung, Verdrängung und schwere Krisen, dar. Ein Ende, das sich bewusst jeglicher Auflösung verweigert und die Frage vom Anfang des Werkes wieder aufflammen lässt, rekapituliert den in Summe endlosen Kampf des Menschen in seiner Suche nach Erlösung.

Was aber ist von diesem so inhaltlich spannenden und absolut empfehlenswert reichen Werk heute übriggeblieben? Welcher wohlberieselte Fernsehzuschauer erinnert sich noch an Nietzsche, wenn da auf der Bildschirmfläche zu den ersten paar Tönen dieses musikalischen Monolithen mal wieder das flüssige alkoholhaltige Gold eingeschenkt wird oder nachhaltiges Mobiliar beworben wird? Wem ist die Suche nach Erkenntnis noch präsent, wenn in einer Spieleshow oder einer Filmszene erneut der Auftakt von Straussens Werk malträtiert wird? Wie vielen Menschen ist wohl bewusst, dass eigentlich noch eine halbe Stunde Musik folgen müsste, nachdem ihnen in bester Jingle-Manier die erste halbe Minute vorgeträllert wurde?

Die ökonomisch motivierte Kastration dieser Musik blickt selbst bereits auf eine lange Geschichte zurück. Wo man auch hinsieht, finden sich Referenzen zu Zarathustra, sei es in Filmen, wie „Werner – Beinhart!“, „WALL-E“, „Toy Story“ oder „Cars“. Und im Hinblick auf Fernsehserien sind „die Simpsons“, „Futurama“, „Eine schrecklich nette Familie“, „Big Bang Theory“, „Alf“ und viele weitere zu nennen. Die berühmte Eröffnungssequenz aus Stanley Kubriks „2001 – Odyssey im Weltraum“ ist also bei weitem nicht das einzige Beispiel für diese Art Zweckentfremdung:

Und dabei ist Kubriks Film so ikonisch gemacht, dass er bereits selbst ein Kulthit geworden ist, auf den sich (mitsamt der Musik von Strauss) dutzende weitere parodistische Anlehnungen beziehen. Nicht alle dieser Parodien bedienen sich Zarathustra (Spongebob Schwammkopf lässt zu einer sehr ähnlichen Szenebeispielsweise nur eine Musik abspielen, die stark an Strauss erinnert). Und einige Beispiele, wie die Simpsons, wurden bereits genannt. Aber die Anlehnungen inklusive weiterer Entkontextualisierung der Musik scheinen in den letzten Jahren zahlreicher geworden zu sein. Wer erinnert sich beispielsweise noch an „Zoolander“, „Charlie und die Schokoladenfabrik“ oder den erst kürzlich erschienenen „Barbie“-Film?

Und das sind nur die Referenzen in Film und Fernsehen. Darüber hinaus füllt dieser Ausschnitt auch den Alltag als Klingelton, als Untermalung von Popsongs (alleine die deutschsprachige Wikipedia zählt bis zum Jahr 2020 14 Beispiele), als Jingle in Videospielen oder als Hymne für Wrestler. Selbst Planetarien bedienen sich ihr beim Herauffahren des Sternenprojektors.

Der Fluch von Straussens Musik scheint zu sein, dass ihr Anfang so gut ist, dass jeglicher Anspruch und Inhalt, den sein Werk ursprünglich hatte, an diesem Ruhm zerbricht. Die ersten Takte dieser Komposition erscheinen so markant, dass sie als Synonym für bahnbrechende Erkenntnis und Offenbarung jederzeit wiedererkennbar sind. Gleichzeitig aber verliert die Musik durch diese Fokussierung auf den – zugegebenermaßen genial-simplen – Anfang ihre gesamte Tragweite und inhaltliche Kohärenz. Die Folge ist eine derart ausufernde Verwendung, dass es nur noch nervt, wenn man schon wieder über dieses Signal stolpern muss.

Diese dadurch klischeehaft gewordene Trope ist dementsprechend so sehr überreizt und überverwendet, dass sie nicht einmal mehr ernst genommen werden kann. Da entdecken die ersten Menschenaffen das Feuer oder lernen Werkzeuge zu benutzen? Okay – C-G-C! Auf einem unentdeckten Planeten wird Leben entdeckt? Zarathustra untermalt! In Scott und Huutsch tritt der Hund Huutsch zum ersten Mal auf? Nicht wirklich weltbewegend, aber Huutsch ist ein Hauptcharakter – also wieder Strauss! Homer Simpsons Bauch dehnt sich aus? Zarathustra wird gespielt. Ernsthaft? Was kommt als nächstes? Eine Person gießt sich beim Frühstück zu Zarathustra den Kaffee ein? In China fällt ein Sack Reis um? Eine so genannte Popikone geht zur Musik von Strauss auf die Toilette? Ich möchte das nicht sehen!

Diese immer mehr ins Spöttische und ab einem gewissen Zeitpunkt auch ins Lächerliche abdriftende Verwendung im Sinne moderner Meme-Kultur tut der ursprünglichen Komposition einen Bärendienst. Wären Strauss und seine Musik wie vor 100 Jahren noch im breiten öffentlichen Bewusstsein, wäre dies gar kein Problem. Die traurige Realität ist aber, dass sich die meisten gar nicht der eigentlichen Komposition bewusst sein dürften, wenn sie nicht in der Schule einmal damit konfrontiert worden sind. Und das werden heutzutage die Wenigsten.

Eine solche Verbindung zur Popularsatire, wie bei Strauss aber auch Händel, birgt die Gefahr, die ursprüngliche Absicht hinter der Musik für ein Publikum bis zur Unerkennbarkeit zu zerstören. Im Fall von Zarathustra wäre das tragisch, steht hinter dessen Eingangssignal doch eine in sich geniale Komposition, in der jede Minute voller Ekstase, neuer Eindrücke und durch ihr Programm auch mit Inhalt steckt. Das für einen im Vergleich geradezu flachen Ausdruck von Grandiosomanie einzubüßen wäre wirklich ein Verlust.

Wohl gemerkt: Straussens auf wenige Töne heruntergebrochener Epos wird wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Nur wahrscheinlich weniger für das, was er eigentlich aussagt. Eher wird die Kunst, mit nur 3 Tönen eine ganze Welt auszukleiden, überdauern. Da kann man schon fragen, ob das wirklich sein muss, oder ob es nicht an der Zeit wäre, in Bildung und öffentlichem Bewusstsein wieder mehr Aufmerksamkeit auf das ursprüngliche Musikstück in seiner Vollständigkeit zu richten. Denn diese Komposition ist als Musik und Erlebnis viel zu atemberaubend, um sie für den platten Gebrauch als Kommerzmusik zu beschneiden. Und darüber hinaus wäre Zarathustra auch ein sehr viel dankbarerer Gegenstand für den Schulmusikunterricht als die X-te Wiederholung einer Mozartkomposition. Ich bin sicher, das wäre nicht nur ein Dienst an unseren Kulturbetrieben.

Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.de

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