Daniels Anti-Klassiker 21: Ludwig van Beethoven – Tripelkonzert (1804)

Daniels Anti-Klassiker 21: Ludwig van Beethoven – Tripelkonzert (1804)  klassik-begeistert.de, 6. September 2026

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Drei Solisten begleitet von einem Orchesterapparat, die mal gegen-, mal miteinander ihre Fertigkeiten demonstrieren – eine spannende Auseinandersetzung voller Möglichkeiten. So ähnlich dürfte wohl Beethovens Gedankengang gewesen sein, als der Bonner Klassik-Meisters sein Konzert für Klavier, Violine und Violoncello in C-Dur (opus 56), kurz „Tripelkonzert“ konzipierte. Was er da ersann, war modern, gewagt, fast schon eine kleine Revolution – mit ernüchterndem Ergebnis.

Es hätte eine gänzlich neue Gattung werden können, die Beethoven da in einem Gedankenblitz parallel zur Komposition seiner bekannten 3. „Eroica“-Sinfonie, der 5. „Schicksals“-Sinfonie und seiner einzigen Oper „Fidelio“ ersann. Einen Solisten oder eine Solistin vor ein Orchester zu positionieren, um höchstes Können auf einem Instrument zu präsentieren stellt immer eine besondere Erfahrung dar. Warum dies also nicht mit dreien gleichzeitig tun? Man stelle sich nur das Spannungsfeld der Solisten zum Orchester, geschweige denn untereinander vor.

Die Möglichkeiten, die sich aus so einer Konzeption ergeben erscheinen mannigfaltig. Solcherlei Experimente sind es, die heutzutage einen Teil der freien Besetzungen und auch Verteilung im Raum bei „Neuer Musik“ ausmachen. Es verwundert daher umso mehr, dass nach diesem Beethov’schen Experiment keine Tendenz unter Komponisten einsetzte, Tripel-, Quadrupel- oder sogar Quintupel-Konzerte zu erstellen. Gerade auch in Anbetracht der Tatsache, dass Trios, Quartette und Quintette in der Kammermusik zu Beethovens Zeit Gang und Gebe waren. Da ist es nur ein kleiner Schritt, ihnen ein Orchester zur Seite zu stellen. Der Ansatz war da!

Man muss sich also fragen, warum diese Beethov’sche Komposition nicht die Auswirkungen hatte, die andere Werke von ihm erreichen konnten. So sind seine Oper Fidelio und seine 3. und 5. Sinfonie auch heutzutage noch in aller Munde und zählen zu den nachträglich einflussreichsten Kompositionen aller Zeiten; seine Schicksalssinfonie dürfte als eines der weltbekanntesten Meisterwerke der Klassik sogar strengen Klassik-Abstinenzlern ein Begriff sein.

Im Gegensatz dazu fristet das „Tripelkonzert“ ein trauriges Schattendasein und lässt sich eher als gelegentlich aufgeführtes Kuriosum im Konzertbetrieb finden. Gründe dafür findet man bereits in der historischen Rezeption. Es spricht bereits Bände, dass nach der Uraufführung 1808 die zweite Aufführung dieses Werks erst 1820 stattfand. Zum Vergleich: Beethovens „Eroica“ wurde nach der Uraufführung noch in demselben Jahr mindestens weitere 4 Mal innerhalb weniger Monate aufgeführt. Dass Beethovens „Tripel“-Experiment vom Publikum eher eisig empfangen wurde, belegen auch Zeugen, wie Leon Plantinga, der dem Werk „Undeutlichkeit im Ausdruck“ und eine „schwammige Konstruktion“ bescheinigte.

 Ein Blick auf die Musik selbst untermauert solche Aussagen noch. Denn der Vorteil dreier Solisten verkehrt sich schnell zum Nachteil, wenn die Solo-Parts zu stringent gesetzt sind. Bis dato alle Solokonzerte, die ich gehört habe, gelangen irgendwann an den Punkt, an dem das Orchester schweigt und nur noch das Soloinstrument als einsame Stimme zu hören ist. Das kann mal geschickter, mal plakativer, mal als harter Bruch umgesetzt sein. Es fällt aber immer klanglich und meist auch als Knick in der Dramatik auf. Man stelle sich solche Knicke nun für drei Soloinstrumente vor: Da kommt schnell die Befürchtung auf, dass das Orchester mehr schweigt, als spielt.

Tatsächlich bewahrheitet sich diese Befürchtung beim Trippelkonzert. Damit die Solisten im Vordergrund bleiben, ist eine sparsame Instrumentation ab und an zwar notwendig. Wenn diese aber dazu führt, dass das Konzert auch ohne das Orchester hätte stattfinden können, darf man schon fragen, wozu Beethoven all die anderen Musiker benötigt. Für die Fülle im Klang reicht ihm beispielsweise oft nur das Soloklavier, während im Hintergrund ein komplett besetzter Streicherapparat tatenlos herumsitzt – ganz zu schweigen von den 11 Bläsern. Zum eigentlichen Werk dürfen diese nur wenig beitragen und werden so auf Schulklassen-Niveau reduziert. Bei immerhin mindestens 40 weiteren Musikern doch ein Statement in sich!

Dazu kommt ein Umstand, an dem speziell hochklassische Solo-Konzerte kranken: Jedes Soloinstrument muss das vom Orchester aufgestellte Hauptthema noch einmal vorstellen, um sich dann in aufwändigen Solokadenzen und Koloraturen als Solist zu emanzipieren. Das sorgt bei drei Solisten doch für ein Übermaß an Wiederholungen und unzusammenhängend wirkenden Zwischenspielen. Die perfekte Bauanleitung für Überdruss und Langeweile! Von den 37 Minuten, die das Stück dauert, ließen sich mindestens 10 kürzen und man würde ein reicheres Konzerterlebnis erfahren.

Zwar macht die Variation in den Klangfarben der einzelnen Soloinstrumente etwas aus. Diese täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Musik sich ab einem gewissen Punkt ausreizt. Die Themen erstrahlen fast leitmotivisch in nahezu unverarbeiteter Form, um einen roten Faden zu ermöglichen, verlieren dadurch aber ihre Aussagekraft. Hier hätten mehr Tonartenspiel und Spannung der Soloinstrumente zueinander einen entscheidenden Unterschied gebracht. Wenn diese sich aber immer nur wie beim „Ja“ und „Amen“ in der Kirche die Parts gegenseitig zuwerfen oder einvernehmlich ihre auf Kunstfertigkeit hochpolierten Koloraturen runterträllern, anstatt in Konflikt zueinander zu treten, kann von Spannung keine Rede sein.

Gleichzeitig lenken die vielen solistischen Spielereien von den Themen so sehr ab, dass Beethoven kaum eine andere Wahl hatte, als immer wieder dasselbe aufzugreifen. So stellt sich ein merkwürdig unbestimmtes Gefühlsmischmasch zwischen thematischer Einfallslosigkeit und musikalisch ausladender Willkür ein. Bei mir hinterlässt das deshalb auch immer einen fahlen Beigeschmack zu einer Komposition, die so viel atemberaubender hätte sein können.

Beethovens Trippelkonzert könnte man durchaus als revolutionären Ansatz bezeichnen. Eigentlich hätte dieses Werk zu einem zeitlosen Favoriten unter den Solokonzerten werden können. Doch als Blaupause für eine neue Gattung Solokonzerte scheitert die Umsetzung an Beethovens technisch eingefahrenen Konventionen. Diesem Werk fehlt die – für Beethoven sonst typische – Freiheit in der Gestaltung der Themen und damit der spannungsreiche Dialog der Solisten untereinander und zum Orchester. Es wirkt eher wie ein Nebeneinander, als ein Miteinander. Eine dramaturgische und in der Konsequenz auch emotionale Schwäche, die es schwermacht, zu einem anderen Urteil zu kommen, als der Zeitgenossen Leon Plantinga. Dieses Werk reicht daher nur schwerlich über den Status eines Experiments hinaus. Und das ist schade, wenn man bedenkt, was der Meister Beethoven sonst noch so alles vollbracht hat.

Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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