Daniels Anti-Klassiker 18: Nikolay Rimsky-Korsakov – „Hummelflug“ aus „Das Märchen vom Zaren Saltan“ (1899/1900)

Daniels Anti-Klassiker 18: Nikolay Rimsky-Korsakov – „Hummelflug“  klassik-begeistert.de, 3. September 2026

 

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Rimsky-Korsakov – einer der mächtigen russischen Vier – galt Zeit seines Lebens als einflussreicher Komponist und bereitete in der Tradition von Tschaikowski stehend einer breiten russischen Klassikkultur mit das Feld. Bekannt wurde er vor allem durch seine Orchesterwerke – und das, obwohl er sich als Komponist eher der Oper verschrieben hatte. Letztere wiederum werden jedoch selten, fast schon stiefmütterlich behandelt, was bis hin zur Zerstückwerkelung und Dekontextualisierung einzelner Passagen reicht. Ein Beispiel dafür ist Korsakovs berühmter Hummelflug.

Den Allerwenigsten dürfte der Ursprung dieser heiteren Komposition bekannt sein. Denn Korsakov hat den Hummelflug bei weitem nicht als einen programmmusikalischen Ausdruck entwickelt. Als Teil des dritten Aktes ist dieses Zwischenspiel eigentlich Hintergrundmusik zum Gesang eines magischen Schwans.

Bei der Frage nach dem Titel der Oper dürften aber wohl die meistens ins Stocken geraten. Denn seien wir ehrlich: Wem von uns ist „das Märchen vom Zaren Saltan“ ein Begriff? Wer hat diese äußerst selten aufgeführte Oper womöglich schon einmal live gesehen? Selbst auf weltbekannten Internetportalen ist diese Oper fast unauffindbar. Erst eine 1978 in Dresden aufgenommene (und heutzutage nicht mehr ganz ernsthaft wirkende) Aufnahme kann hier Abhilfe schaffen:

 

Der ursprüngliche Inhalt dieser Oper lässt sich durchaus mit den mächtigen Werken von Wagner oder Strauss vergleichen: Zar Saltan lässt seine Zarin Militrissa und ihren gemeinsamen Sohn Gwidon nach einer Verleumdung durch Militrissas Schwestern in einem Fass ins Meer werfen. Beide überleben die Tortur und landen auf der Insel Bujan, wo Gwidon eine zum Schwan verwunschene Königstochter rettet und zum Dank dafür Herrscher über die Stadt Ledenez wird. Als Gwidon sich jedoch nach seinem Vater sehnt, verzaubert die Schwanprinzessin ihn in eine Hummel, sodass er Zar Saltan begegnen und ihn zur gemeinsamen Hochzeit einladen kann. Die Oper endet in einer großen Familienzusammenführung, in der Zar Saltan mit seiner Militrissa wieder vereint wird und alle Beteiligten in freudiger Erwartung die Eheschließung von Gwidon und seiner Prinzessin begehen.

Eine solche von Intrigen, Magie und Drama geleitete Handlung hat durchaus Potenzial. Sowohl bildhaft, als auch inhaltlich ließe sich Einiges daraus auf eine Bühne zaubern. Das einzige, was sich aber von diesem episch anmutenden Stoff heute im Konzertbetrieb dauerhaft erhalten hat, ist dieser gerade einmal 4 Minuten kurze Ausschnitt zum Hummelflug. Ein Drama in sich, wenn man so will!

In diesem Bruchstück finden wir regelrecht lautmalerisch den Flug dieses unbeholfenen Insekts präsentiert. Ein ziellos, chaotisch wirkendes Surren durch den Raum, planlos und instinktiv gesteuert wirkend – wie bei einer echten Hummel. Als solche Art der Programmmusik ist dieses Zwischenspiel auch wirksam – gerade dadurch beflügelt, dass der dazu ursprünglich vorgesehene Gesang selbst recht monoton gehalten ist und nicht viel zur musikalischen Raffinesse beiträgt.

Als Ausschnitt aus einer Oper fallen jedoch schnell Stellen auf, die im Konzertbetrieb absolut unwirtschaftlich sind. So sieht Korsakov für die gesamte Komposition beispielsweise ein gewaltiges Orchester vor: Unter anderem eine ausladend besetzte Blechbläser-Sektion und Schlagzeug, nur um sich am Ende dann fast ausschließlich auf Streicher, Holzbläser und Hörner zu beschränken. Aber welcher Musiker macht denn einmal „Trööt“, sitzt dann für den Rest der Musik stillschweigen da und hat daran auch noch Freude? Mal davon abgesehen, dass das alles Geld kostet! Hier einmal ein Ausschnitt, wie sich das Werk aus Perspektive der Bassposaune anfühlt:

Es ist also kein Wunder, dass dieses Stück sich vor allem in Bearbeitungen und Neuarrangements erhalten hat. Als solches kann man dem Eindruck erliegen, dass es inzwischen zu einer Art Pop-Klassiker herangewachsen ist. So finden sich Bearbeitungen für Soloinstrumente, Kammerorchester, Bigbands, Blaskapellen, sowie Variationen von Popmusikern – sogar Rock und Metalbands, wie Manowar, Anvil oder Europe bedienen sich dieser Komposition (mal mit mehr, mal mit weniger Wiedererkennungswert).

Dazu hat auch noch der unsägliche Trend eingesetzt, dieses Stück so schnell wie möglich aufführen zu wollen. Natürlich – beim ziellosen Flug einer Hummel bietet sich eine gewisse Hektik an. Aber warum muss man auf Teufel komm raus dieses Stück so sehr verhaspeln, dass es inzwischen sogar Einträge im Guinnes-Buch der Weltrekorde gibt? Amtierende offizielle Bestzeit 65,25 Sekunden, wobei ausgerechnet ein Tubist mit 53,82 Sekunden den inoffiziellen Rekord hält. Ob sich ein solches Gefiepe und Gehasche auf der Tuba noch gut anhört? Hier eine Kostprobe:

Was darüber hinaus komplett vergessen wird ist der Kontext, in dem diese Musik einst stand. Dass die Oper heutzutage fast unbekannt und der „Hummelflug“ eher als ein Relikt daran überliefert ist, ist irgendwo auch ein Verlust, genauso wie die Tatsache, dass die Oper von der Popularität dieses winzigen Ausschnittes überhaupt nicht profitieren konnte. Ob das ein Spiegel unserer von Social Media geprägten Zeit ist, wo es auch immer mehr darum geht, alles in winzige Häppchen runterzubrechen und in unerträglicher Hektik alle Aufgaben möglichst gestern noch erledigt zu haben?

Dass die Oper selbst auch Schwächen hat und die Handlung nicht jedermanns Sache sein dürfte, sind Aspekte für eine andere Diskussion. Was den Hummelflug angeht lassen sich die Prädikate „aus dem Kontext gegriffen“ und „überverwendet“ sehr gut anbringen. Die alleinige Vorführung dieses Ausschnittes als Zugabe oder Konzertadaption funktioniert als Ausdruck des Insektenflugs zwar recht gut. Dass der ursprünglich völlig andere Zusammenhang jedoch gänzlich in den Hintergrund rückt, ist schade und in Anbetracht der Instrumentation auch eine immense Verschwendung. Es bleibt jedenfalls zu wünschen, dieses Werk auch einmal wieder in seinem ursprünglichen Kontext genießen zu dürfen. Vielleicht lässt sich ja mal ein europäisches Opernhaus auf das Experiment ein? Wir dürfen gespannt sein.

Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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