Bayreuth Baroque: „Was ist das Leben, wenn es nicht frei ist?“

Georg Friedrich Händel, Floridante, Max Emanuel Cenčić  Markgräfliches Opernhaus Bayreuth, 6. September 2026

Max Emanuel Cenčić als Floridante und Bruno de Sá als Timante © Clemens Manser Photography 

„Was ist das Leben, wenn es nicht frei ist?“ fragt die weibliche Hauptfigur Elmira, als sie sich gegen ihren tyrannischen und grausamen (vermeintlichen) Vater Oronte wendet, der sie heiraten will, und dem unfreien Leben den Tod vorzieht.

Damit behält sie die Macht in den eigenen Händen, über ihr eigenes Leben wenn auch in den vom Tyrannen gesetzten Grenzen zu bestimmen, und setzt im Ergebnis letztlich der Gewaltherrschaft Orontes ein Ende. Aus der Ablehnung von Gewalt und Hass erwächst damit das Leben nicht nur für Elmira, sondern für alle, die mit ihr und für sie Unschuld und Treue beschützt haben.

Am Abend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt konnte es kaum ein passenderes Zeichen geben.

Bayreuth Baroque

Floridante
Dramma per musica von Georg Friedrich Händel
Libretto von Paolo Antonio Rolli

Markellos Chryssicos  Musikalische Leitung und Cembalo

Max Emanuel Cenčić  Regie
Helmut Stürmer (†)  Bühne
Corina Gramosteanu  Kostüme, Bühnenfertigstellung
Christoph Pöschko  Licht

Max Emanuel Cenčić  Floridante
Sonja Runje  Elmira
Bruno de Sá  Timante
Eva Zalenga  Rossane
Gerrit Illenberger  Oronte
Yannis François  Coralbo

Wrocław Baroque Orchestra Residenzorchester des Bayreuth Baroque Opera Festival 2026

Chor des Bayreuth Baroque Opera Festival

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth, 6. September 2026

von Sandra Grohmann

Bayreuth Baroque-Chef Max Emanuel Cenčić beschreibt das, was aus seiner Sicht als Leitfrage über Händels Werk stehen könnte, im Programmheft so: „Was bleibt von der Macht eines Mannes, wenn eine Frau ihm die einzige Sache verweigert, die er trotz aller Herrschaft nicht besitzen kann – ihre Zustimmung?“ Eine Frage, die sich sicherlich für die kommenden langen Herbst- und Winterabende als Anlass zu nicht enden wollenden philosophischen Gesprächen im Freundeskreis eignet.

Yannis François als Coralbo, Sonja Runje als Elmira und Eva Zalenga als Rossane © Clemens Manser Photography 

In Händels Floridante wird eine simple Antwort gegeben: Nichts. Nichts bleibt von dieser Macht. Das ist sicher keine zwingende Folge, aber hier ist sie sehr zufriedenstellend. Denn Cenčić, der außer der Titelpartie auch wieder die Regie übernommen hat, inszeniert den gewaltvollen Handlungsverlauf einschließlich der im Libretto bereits angelegten Vergewaltigung (Oronte: „Zunächst gebrauche ich Schmeicheleien und Schwüre, dann Gewalt“) so lebendig, so gewaltig, dass sich die Aufführung mit allem Recht als Musiktheater bezeichnet. Ausnahmslos das gesamte Ensemble mit allen Sängern und zusätzlichen Schauspielern agiert vom ersten bis zum letzten Moment so spannungsgeladen, dass nach den besonders gewaltvollen Szenen kaum eine Hand sich zum Klatschen zu regen vermag.

Das tut der musikalischen Qualität der Aufführung glücklicherweise keinen Abbruch. Zu erleben ist eine herausragende Ensembleleistung. Keine und keiner der Sängerinnen und Sänger singt oder spielt sich in den Vordergrund – das gilt auch für den anerkannten Star des Abends, Bruno de Sá, dessen Sopran zu dem von Eva Zalenga auch von der Färbung her so perfekt passt, dass beide Stimmen in den Duetten kaum auseinanderzuhalten sind.

Eva Zalenga als Rossane, Bruno de Sá als Timante, Max Emanuel Cenčić als Floridante und Sonja Runje als Elmira © Clemens Manser Photography 

Welch ein Verschmelzen des Paares Timante/Rossane. Beide scheinen auch Spitzentöne mühelos zu erreichen und lassen ihre Stimmen fast kindlich einander necken. Dass die beiden in herrlicher Spielfreude das eher frivole Buffopaar neben dem tragischen Titelhelden und der ihm zugehörigen Elmira geben, kontrastiert mit den zahlreichen traurigen Momenten und unterstreicht diese nur umso mehr.

Nicht ganz so miteinander in der Wolle gefärbt, aber ebenfalls ausgesprochen harmonisch stellt sich dieses Titelpaar dar. Mit zarten Altstimmen freuen sie sich, schmeicheln, klagen und trauern. Sonja Runje gelingt dies mit ihrer zwar nicht durchdringendsten, aber traumhaft warmen Stimme trotz den Herausforderungen, die Cenčić mit der Personenregie besonders an sie stellt und die sie auf der Flucht vor dem gewalttätigen Oronte in hoher Verzweiflung über die ganze Bühne treiben. Ob man es erträgt, hinzuschauen, oder nicht: Man fühlt erschüttert mit.

Sonja Runje als Elmira und Gerrit Illenberger als Oronte © Clemens Manser Photography 

Tausendsassa Cenčić als Floridante ist bereit, es mit Tod und Teufel aufzunehmen, um sein Leben nicht einsam in der Verbannung, fern von der geliebten Elmira, fristen zu müssen. Er will daher dem Befehl zu verschwinden gehorchen, Elmira jedoch mitnehmen, womit diese mehr als einverstanden ist.

Nicht mit diesem Vorgehen einverstanden hingegen ist Oronte, den der ganze Hof für Elmiras Vater hält, was er aber nicht ist. Dies verrät er Elmira mit seiner eindringlichen, mächtigen und wunderbar geführten Stimme erst in dem Moment, als er ihr eröffnet, dass er sie begehre und heiraten wolle. Elmira, die eigentlich Elisa heißt, ist als letzte Überlebende der von Oronte gestürzten Herrscherfamilie die rechtmäßige Thronerbin. Oronte will er sich durch die Heirat mit ihr auch den legitimen Anspruch auf den Thron sichern.

Max Emanuel Cenčić als Floridante, Gerrit Illenberger als Oronte und Yannis François als Coralbo © Clemens Manser Photography 

Den darauf folgenden Vergewaltigungen durch Oronte kann Elmira sich nicht entziehen. Aber seinem brutalen Plan einer Heirat auch noch zuzustimmen, zu dessen Durchsetzung er sogar den inzwischen eingekerkerten Floridante einzuspannen sucht, dazu lässt Elmira sich nicht hinreißen. Lieber wählt sie den ihr als einzige Alternative angebotenen Tod und sorgt mit dieser Entscheidung für einen Ohnmachtsmoment des Herrschers, der Oronte in zornige Ohnmacht treibt.

Mit reger Beteiligung des Orchesters, das unter Markellos Chryssicos die Handlung auf der Bühne während der gesamten etwa dreistündigen Spielzeit hinreißend kommentiert und begleitet – mit barockem Schmiss sozusagen –, kommen Elmira/Elisa schließlich ihre rechtmäßigen Untertanen zu Hilfe und setzen sie wieder als Königin ein. Unschuld und Gerechtigkeit siegen. Dass Oronte in dieser Bayreuther Fassung von Elisas Untertanen erschlagen wird und die ursprünglich vorgesehene Vergebung gestrichen worden ist, kann als realistischer Wermutstropfen Anerkennung finden und entspricht einem gewissen Rachebedürfnis, das sich im Publikum breitgemacht hat. Schade? Jedenfalls lebensnah.

Max Emanuel Cenčić als Floridante, Bruno de Sá als Timante, Yannis François als Coralbo, Sonja Runje als Elmira und Eva Zalenga als Rossane © Clemens Manser Photography 

Auflösung im barocken Opernsinne bietet der ohrwurmtaugliche Schlusschor, der während des Schlussapplauses da capo gegeben wird (Chryssicos dirigiert von der Bühne aus und singt gleich selbst mit). Er schickt uns mit den denkwürdigen Worten „Wenn die Standhaftigkeit kämpfen muss, hoffe, dass sie schließlich doch frohlockt“ hinaus in die Wahlnacht und zu den Ergebnissen aus Sachsen-Anhalt. Mögen nun alle, auf die es ankommt, standhaft bleiben.

Sandra Grohmann, 8. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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