Berliner Festspiele, Wiener Philharmoniker © Fabian Schellhorn
Es ist selbst für ein Spitzenorchester wie die Wiener Philharmoniker kein Leichtes, in der mittleren Generation Dirigenten aufzuspüren, die sich als Nachfolger von Altmeistern aufbauen lassen, wenn diese früher oder später einmal die Bühne verlassen haben werden.
Der Russe Tugan Sokhiev, der sich unter anderem als Chefdirigent des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin (2012-2016) einen Namen machte, bis zum Ukraine-Krieg 2022 das Moskauer Bolschoi leitete, ist einer, der berechtigte Hoffnungen schürt.
Antonin Dvořák: Konzert für Violine und Orchester a-moll op. 53
Sergej Prokofjew: Romeo und Julia, Ballett op. 64, Sätze aus der Suite Nr. 1 und 2
Hilary Hahn, Violine
Wiener Philharmoniker
Leitung: Tugan Sokhiev
Philharmonie Berlin, 9. September 2026
von Kirsten Liese
Das fiel mir schon 2022 auf, als er bei den Salzburger Osterfestspielen am Pult der Sächsischen Staatskapelle mit einer aufwühlenden Wiedergabe von Schostakowitschs „Leningrader“ debütierte.
Für 2027 haben ihm die Wiener das prestigeträchtige Neujahrskonzert anvertraut, und – vielleicht um sich darauf schon einmal einzustimmen – haben sie mit ihm nun ihre jüngste Tournee unternommen. Nach Stationen in Luzern und in der Hamburger Elbphilharmonie gastierten sie beim Berliner Musikfest.

Das will sich sein besonderes Profil mit wenig Bekanntem und zeitgenössischer Musik geben, aber ich bin doch recht froh, dass Spitzenorchester wie die Berliner Staatskapelle und die Wiener Philharmoniker mit bedeutenden Werken der Klassik und Romantik zu erleben sind. Wie dem Violinkonzert von Dvořák, mit dem nach langer, gesundheitsbedingter Abwesenheit Hilary Hahn als vorzügliche Solistin aufs Podium zurückkehrte.

Das Stück ist voll von herrlichen Melodien und dramatischem Furor. Hahn meistert das alles mit einem Ton, der unwiderstehlich schön anmutet. Sie spielt eigentlich nicht, sie singt auf ihrer Geige. Und noch die hauchfeinsten Flageoletttöne sprechen auf ihrem Instrument ideal an.
Das Adagio, dessen trostreiche Kantilene im zartesten Piano einsetzt, wird dabei zu einem ganz besonderen Moment, als würde mit einem Mal das Licht alle trüben Gedanken aus dem Saal vertreiben. Ein Ausflug wie in ein Märchenland, herbeifantasiert von der jungen Frau, die in ihrem rosa Glitzerkleid, ein Diadem im Haar, selbst aussieht wie eine Prinzessin.
Sokhievs sensiblen Antennen bleibt diese Magie nicht verborgen, er stellt sich wohltuend ganz in den Dienst von Werk und Solistin, zieht sich mit sparsamen Zeichen auf die Rolle des Mittlers und Stichwortgebers zurück, steht dabei aber bestens im Kontakt mit ihr.

Auch in dem von slawischer Tanzmusik geprägten fröhlichen Finalsatz bleiben wir im Lichtkorridor, springt die unbändige Freude, die sich sichtlich bei allen Mitwirkenden einstellt, auf den Saal über.
Gleich zwei Sätze, Gigue und Loure aus der dritten Bach-Partita, serviert Hahn dann nach verdientem Jubel als Zugaben, beredt strukturiert mit seidigem Ton.
Als ein toller Geschichtenerzähler ist Sokhiev dann im zweiten Teil mit Auszügen aus Prokofjews Ballettmusik „Romeo und Julia“ zu erleben. Ebenso verschmitzt wie mit klaren plastischen Zeichen formt er das tragische Liebesdrama, angefangen von den ehernen Familienkonflikten zwischen den Capulets und Montagues mit schwergewichtigen Pfundnoten in Blech und tiefen Streichern. Von da an hat jede Gruppe, jedes Instrument seinen Auftritt.
In einem leichtfüßigen Huschen der Geigen vermittelt sich Julias unbeschwerte Jugend, das Saxofon seufzt über die Trennung der Liebenden, deren Leidenschaft sich ekstatisch im Großklang schmerzlicher Schönheit entfaltet. Tybalts Tod schließlich spielen die Wiener mit Gänsehaut-Furor.

Unweigerlich stellen sich bei dem mitreißenden Spiel des Orchesters die Ballettszenen vor dem inneren Auge ein. Jedes Bläsersolo von der Piccoloflöte bis zu Hörnern und Tuba ist ein Ereignis.
Am Ende lässt der Dirigent sie alle einzeln bejubeln und schickt mit der schwungvollen Polka „Eljén a Magyar“ (Es lebe der Ungar) von Johann Strauss noch ein Stück als Zugabe hinterher, das schon einen Vorgeschmack auf das Neujahrskonzert gibt. Und bei dem sich die Wiener mindestens so hoch engagiert präsentieren wie bei ihrem letzten Konzert zum Jahreswechsel.
Kirsten Liese, 11. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Martha Argerich, Wiener Philharmoniker, Tugan Sokhiev Musikverein Wien, 23. September 2025