Die Amerikaner und der Franzose legen einen fulminanten Saisonstart hin

Pittsburgh Symphony Orchestra, Honeck, Kantorow  Wiener Konzerthaus, 10. September 2026

Archiv Manfred Honeck © Pittsburgh Symphony Orchestra / Edward DeArmitt

Auf Tourneebesuch in Wien waren das Pittsburgh Symphony Orchestra mit ihrem Chefdirigenten Manfred Honeck. Dazu gesellte sich noch der unvergleichliche Pianist  Alexandre Kantorow. Und gleich zu Saisonbeginn lieferten sie alle eine Vorlage, wo es für andere Ensembles und Solisten schwierig wird, diese zu erfüllen oder gar zu übertreffen.

Johannes Brahms: Klavierkonzert Nr. 1 in d-moll op. 15
Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr. 5 d-moll op. 47

Pittsburgh Symphony Orchestra
Alexandre Kantorow, Klavier
Manfred Honeck, Dirigent

Wiener Konzerthaus, 10. September 2026

von Herbert Hiess

Und wiederum ist so ein Ereignis eingetreten, wo man sich eigentlich nicht viel erwartete; dieses aber alles übertraf. Natürlich – der junge französische Pianist und Ausnahmetalent Alexandre Kantorow ist von der jüngeren Garde so ziemlich der Profilierteste; er vereinigt eine gewaltige Virtuosität mit einer unglaublich reifen Musikalität. Aber die Überraschung des Abends war das Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck.

Kantorow stellte in diesem 1. Brahms Klavierkonzert sein Talent begeisterungswürdig unter Beweis. Dieses Konzert ist von der Romantik eines der allerschwierigsten; und wie könnte es bei Brahms anders sein – es ist fast eine Symphonie mit obligatem Klavier. Also stürzte sich der junge Franzose gemeinsam mit dem hervorragenden Pittsburgh-Orchester (dazu noch später) ins Geschehen und ließen dieses Brahms-Opus gewaltig erklingen. Und Maestro Honeck ließ es als symphonisches Werk spielen, ohne jedoch Kantorow auch nur einmal „zuzudecken“.

Alexandre Kantorow © Sasha Gusov

Toll, wie Pianist und Dirigent harmonierten. Der eine nahm vom anderen seine Interpretation auf und gemeinsam gestalteten sie ein Ereignis, das man sich noch lange merken wird.

Und als Beweis seiner Musikalität spielte Kantorow noch das verträumte Intermezzo in Es-Dur von Johannes Brahms. Das kurze Werk ist technisch bei weitem nicht so anspruchsvoll wie das Klavierkonzert; aber musikalisch eine extreme Herausforderung. Und auch hier blieb Kantorow nichts schuldig – das wird man sich noch lange merken.

Danach kam die am häufigsten gespielte Symphonie Nr. 5 von Schostakowitsch. Sie ist mit ihren vier Sätzen relativ „überschaubar“ – aber für das Standard-Publikum sehr effektvoll. Die Tücke liegt aber im Detail; Schostakowitsch lässt brutal sein Trauma der Stalin’schen Unterdrückung hören. Er und seine Familie wurden ja politisch verfolgt; der Komponist war eigentlich ein Widerstandskämpfer und setzte in den meisten seiner Symphonien diese Zerstörung mit fast perversen Marschrhythmen um. Allein im ersten Satz, der nach den pointierten Kontrabasspassagen lyrisch wird, begann das Klavier abrupt mit wilden Bassnoten eine mitreißende und brutale Sequenz die (natürlich) zu einem skurrilen Marsch mutierte.

So geht es weiter bis hin zu dem effektvollen Schluss. Da muss man tatsächlich den Hut vor Maestro Honeck und den Pittsburghern ziehen. Heutzutage schon fast ungewohnt, schafften es Dirigent und Orchester das ganze dynamische Spektrum abzudecken. Also vom fast unhörbaren dreifachen Piano bis hin zum dreifachen Fortissimo.

Und in allen Instrumentengruppen war das Orchester formidabel; angefangen von den Holzbläsern (vor allem Flöte und Oboe) bis hin zu den exzellenten Streichern. Mit Gänsehaut vernahm man im vierten Satz das Streichertremolo, das man selten noch in einem solchen dreifachen Piano hörte.  Das war eine Aufführung dieser Symphonie, an die man sich noch lange erinnern wird.

Natürlich verabschiedeten sich Honeck und das Orchester mit einer Zugabe, bei der sie ganz traditionell auf einen beliebten Wunschkonzert-Klassiker setzten  nämlich die „Morgenstimmung“ aus der Peer-Gynt-Suite. Und natürlich klang es hier nicht wie in einem Wunschkonzert –
es war ein vollendetes Klangerlebnis.

Wenn alle Konzerte im Konzerthaus und Musikverein dieses Niveau haben, dann ist die Saison 2026/27 gerettet!

Herbert Hiess, 11. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Alexandre Kantorow, Filarmonica della Scala, Riccardo Chailly Wiener Konzerthaus, 22. März 2026                                                    

hr-Sinfonieorchester, Manfred Honeck, Leonidas Kavakos, Violine Alte Oper Frankfurt, 14. November 2025

Concertgebouworkest, Manfred Honeck, Dirigent Concertgebouw, Amsterdam, 9. Februar 2025

Anne-Sophie Mutter, Pittsburgh Symphony Orchestra, Manfred Honeck Köln, Philharmonie, 5. September 2024

Interview: Jörn Schmidt im Gespräch mit Manfred Honeck (Teil 1) klassik-begeistert.de, 23. August 2024

Interview: Jörn Schmidt im Gespräch mit Manfred Honeck (Teil 2) klassik-begeistert.de, 24. August 2024

Interview: Jörn Schmidt im Gespräch mit Manfred Honeck (Teil 3) klassik-begeistert.de, 25. August 2024

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