ARD Viatores Katarina Fugue ARD 2026 (c) Daniel Delang
Bei der nunmehr 75. Auflage des ARD-Musikwettbewerbs gewinnt das Viatores Quartet den ersten Preis; das Katarina String Quartet und Quartet Fugue erhalten jeweils einen dritten, einen zweiten Preis vergibt die Jury nicht. Insbesondere mit dem Viatores Quartet erlebt man in München eine kammermusikalische Sternstunde.
Prinzregententheater München, 12. September 2026
von Willi Patzelt
Fast sechs Stunden dauert das Streichquartett-Finale des ARD-Musikwettbewerbs mitsamt Preisverleihung. Das Prinzregententheater ist ausverkauft, vor der Tür werden noch Karten gesucht. Dass gerade das Streichquartett solches Interesse weckt, überrascht wenig. Es gehört zu den wichtigsten Fächern des ARD-Musikwettbewerbs; ein Preis in München kann tatsächlich zum Beginn einer internationalen Karriere werden – das Quatuor Ébène, Sieger von 2004, ist dafür das prominenteste Beispiel. Dessen Primarius Pierre Colombet sitzt diesmal selbst in der Jury.
Auf der Bühne beginnt das kanadisch-amerikanische Katarina String Quartet mit Beethovens B-Dur-Quartett op. 130 und einem warmen, sehr homogenen, beinahe etwas althergebrachten Klangbild. Die vier Instrumente verschmelzen so gründlich, dass gerade in den Mittelstimmen wenig Licht bleibt; manches wird bisweilen teigig, Konturen verschwimmen. Jeanel Liang führt an der ersten Violine deutlich, bisweilen zu deutlich: Manche Linie zieht sie an sich, wo etwas mehr Gespräch guttäte.

Am überzeugendsten gelingt bei diesem Klangbild noch die Cavatina. Zwar etwas unter Unruhe gebaut, öffnet sich der Klang, bekommt Luft und jene Innigkeit, die zuvor eher behauptet als wirklich erreicht wird. Der nachkomponierte Finalsatz – ursprünglich sollte bekanntlich die Große Fuge das Werk beschließen – plätschert etwas arglos ins Ziel.
Bartóks erstes Quartett liegt dem Ensemble besser. Noch steht diese Musik tief in spätromantischem Boden, während sich daraus bereits eine schärfere Tonsprache herausschält. Das Katarina String Quartet gewinnt hier an Farbe und Beweglichkeit, ohne seinen weich gezeichneten Grundcharakter ganz abzulegen.
Mit Quartet Fugue wird das Klangbild heller. Beethovens Es-Dur-Quartett op. 127 bekommt Kontur, die Stimmen stehen klarer nebeneinander; durchaus wohltuend wird dieses erste der späten Quartette nicht übermäßig mystifiziert. Das große Adagio nimmt das japanische Ensemble verhältnismäßig zügig, stellenweise vielleicht schon an der Grenze dessen, was noch genügend Ruhe zum Ausschwingen lässt. Dafür behält die Musik Zug.
Nicht ganz auf gleicher Höhe bewegen sich die beiden Violinen. Mako Ochiai besitzt an der ersten mehr Präsenz und gestalterische Sicherheit als Kentaro Konishi an der zweiten. Bei Beethoven fällt das auf. Bartóks fünftes Quartett kommt dem Ensemble deshalb womöglich noch stärker entgegen: Die schroffen Kontraste, rhythmischen Verschiebungen und das Scherzo alla bulgarese bekommen Biss, klare Farben und jene unmittelbare Wirkung, die diesem Werk gutsteht.
Beim Viatores Quartet entsteht Geschlossenheit anders. Schon die beiden Violinen haben hörbar einen unterschiedlichen Ton. Das passt trotzdem – oder gerade deshalb. Die Unterschiede werden nicht eingeebnet, sondern Teil des Zusammenspiels. Bartóks zweites Quartett bekommt so eine Spannung, die vor allem aus dem Leisen kommt. Im Piano entwickelt das Viatores Quartet bemerkenswerte Farben; bisweilen wird das fahl, gläsern, stellenweise bis an die Grenze des Hörbaren zurückgenommen, ohne dabei seine Spannung zu verlieren. Im Allegro molto capriccioso entlädt sich diese Energie, das abschließende Lento kühlt sie wieder aus. Schon hier hört man einen Zusammenhang, der über schönen Quartettklang hinausgeht.

Regelrecht genial gerät Beethovens cis-Moll-Quartett op. 131 – Beethovens mutigster, zukunftsweisendster, vielleicht allergrößter Geniestreich überhaupt. Die sieben Sätze gehen ineinander über, die eröffnende Fuge hebt gesanglich an, stolpert kurz, wird dann nach und nach herber, zwingender, ja regelrecht soghaft. Die großen Linien, sie stimmen vollends. Die Übergänge tragen, Entwicklungen bekommen Richtung, nichts steht bloß neben dem nächsten. Oder frei nach Nikolaus Harnoncourt: Eine 40-minütige „Klangrede“.
Und in der stimmt auch nicht jedes Komma, nicht jedes rhetorische Bild ist gerade. Mal legt das Cello etwas viel dunkles Fundament unter den Gesamtklang, manche Balance könnte genauer sitzen; gegen Ende wird vor allem die Intonation hörbar zum Problem. Auch der große Vorwärtszug, von dem die Interpretation lebt, kippt gelegentlich ins allzu Drängende.
Aber das Entscheidende ist da: Architektur. Das Viatores Quartet weiß, wohin diese Musik will. Die großen Spannungen halten, die Proportionen stimmen, aus einzelnen Sätzen wird eine Erzählung. Ein Rohdiamant also, bei dem weniger die Form als der Schliff noch Arbeit verlangt – insbesondere aber einem, der in dieser Größe und Reinheit hohen Seltenheitswert hat. Womöglich ist es im Streichquartett sogar die aufregendste Entdeckung, die der ARD-Wettbewerb seit dem Quatuor Ébène hervorgebracht hat.
Willi Patzelt, 13. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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