John Osborn erweckt Hamlet als Tenor zu neuem Leben!

Ambroise Thomas (1811-1896) HAMLET   Opera Bastille, 27. September 2026

J. Osborn, im Hintergrund L. Naouri, Foto © Bernd Uhlig

An der Pariser Oper wird momentan die ursprünglich gedachte Version der Oper HAMLET von Ambroise Thomas aufgeführt. Dieser hatte die Titelrolle für Tenor komponiert, änderte sie aber um für Bariton, weil kein adäquater Tenor zur Verfügung stand. Dieses Problem hat die heutige Pariser Oper nicht, denn mit John Osborn steht einer der aktuell führenden Tenorstimmen im französischen Fach zur Verfügung. An seiner Seite brilliert die Sopranistin Adela Zaharia als Ophélie. Leider vermiest der Regisseur Krzysztof Warlikowski mit unsinniger Deutung wieder einmal szenisch den Abend.

Ambroise Thomas (1811-1896)
HAMLET
Oper in fünf Akten (Libretto von Jules Barbier und Michel Carré)

Musikalische Leitung: Michael Schønwandt

Inszenierung: Krzysztof Warlikowski
Bühne & Kostüme: Małgorzata Szczȩśniak

Orchester und Chor der Opéra national de Paris

 Opera Bastille, 27. September 2026

 von Jean-Nico Schambourg

 Ursprünglich hatte Ambroise Thomas die Titelrolle für Tenor komponiert. Da aber kein adäquater Tenor zur Verfügung stand, schrieb Thomas die Rolle für einen der berühmtesten Bariton-Sänger  der damaligen Zeit um, Jean-Baptiste Faure. Seither hat sich diese Version auf den Bühnen der Welt durchgesetzt.

Die Pariser Oper hat keine Probleme mit der Besetzung des Hamlets. In der Titelrolle hat sie den amerikanischen Tenor John Osborn aufgeboten, der sich seit einigen Jahren stark macht für die Tenorversion der Oper. Durch die Verlagerung der Tenorpartitur um ein bis anderthalb Tönen nach oben, verliert der Charakter von Hamlet ein wenig an Düsterheit und Pessimismus. Er gewinnt dafür aber an jugendlichem Elan, der sich in Wut, aber auch in sexuelle Anziehung seiner Mutter gegenüber ausdrückt.

John Osborn ist szenisch wie gesanglich allen Anforderungen seiner Rolle gewachsen. Ausgezeichnete französische Diktion, perfekte Phrasierung, sichere Höhen und alle nötigen Klangfarben, um die verschiedenen Emotionen seiner Figur umzusetzen. Der brillante Klang seiner Stimme verleiht der Figur des Hamlets mehr Jugendlichkeit als man von der Bariton-Version gewohnt ist. Ein großartiges Rollenportrait eines der aktuell führenden Sänger im französischen Tenorfach.

Auf sehr hohem Niveau singt auch Adela Zaharia die Rolle der Ophélie. Perfekte Koloraturen und glasklare Höhen zeichnen ihre Interpretation aus. Besonders besticht sie natürlich in der Wahnsinnsarie im vierten Akt, an deren Ende ein Applausturm aufbrandet. Falls es ihrem Singen vielleicht manchmal an tiefer gehenden Emotionen fehlt, so ist dies zum großen Teil der unsinnigen Personenführung zuzuschreiben die der Regisseur ihrer Figur auferlegt hat.

Als Gertrude, Mutter von Hamlet, lässt Clémentine Margaine eine üppige Mezzosopran-Stimme erklingen, die die zum Teil hysterischen Züge der Figur gut umsetzt. Aber auch die Kälte mit der die Mutter auf den psychischen Zustand ihres Sohnes reagiert weiß sie wunderbar aufzuzeigen.

Jean Teitgen als Claudius, vor der Vorstellung als indisponiert angekündigt, erledigt sich seiner Aufgabe mit sehr viel Professionalität und Erfahrung, sodass man die Beeinträchtigung der Stimme kaum wahr nimmt. Laurent Naouri singt den Geist des ermordeten Königs und Vater von Hamlet, der hier als Clown auftritt, mit tiefschwarzer Stimme. Herrlich auch zu schauen, wie er in seinem  szenischen Spiel zwischen Komik und Schrecken schwankt.

Julien Henric als Laërte bestätigt in seinen kurzen Auftritten seine Evolution hin zu einem erstklassigen Tenor. Alle anderen Solisten passen sich ebenfalls dem hohen Niveau der musikalischen Leistung an.

Dies tun auch der exzellente Chor (Einstudierung: Ching-Lien Wu), sowie das Orchester der Opéra national de Paris unter der Leitung von Michael Schønwandt. Der Dirigent formt die musikalische Seite des Abends zu einem kohärenten Ganzen, lässt dabei den Sängern den nötigen Raum, um sich stimmlich zu entfalten in diesem Werk, das zwar mit allen Attributen einer “grande opéra” daherkommt, jedoch psychologisch viel tiefsinniger ist als andere Mammutwerke dieses Genres.

Schade, dass es wieder einmal einem Regisseur gelingt mit unsinniger Deutung einem den Abend, zumindest visuell, zu vermiesen. Die Pariser Oper hat für diese Aufführungsserie das Inszenierungskonzept, was Krzysztof Warlikowski für die Bariton-Version der Oper aus der Pariser Saison 2022/2023 entworfen hatte, wieder hervorgeholt. Dieser verlegt die Handlung in eine Irrenanstalt, wo im ersten Akt ein gealterter Hamlet mit seiner im Rollstuhl sitzenden Mutter Gertrude lebt, während am Nebentisch der König Claudius mit Ophélie und deren Bruder Laërte Karten spielt. Die Akte zwei bis vier erzählt Warlikowski als Rückblende zwanzig Jahre vorher, doch schon zu diesem Moment sitzt Hamlet im Irrenhaus.

Mit dieser Idee raubt der Regisseur der Figur des Hamlets den psychologischen Zwist, der in ihm wütet: die echten Gefühle der Liebe zu Ophélie und die Wut und Rachegelüste gegenüber den Mördern seines Vaters. Er ist ja eh verrückt und somit sind diese beiden Gefühlswelten für ihn “normal”. Die Darstellung mancher Szene erschließt sich mir nicht. So ertränkt sich zum Beispiel Ophélie vor den Augen ihres Vaters und denen des Königs und der Königin.

Dem szenischen Schwachsinn wird im letzten Akt die “königliche” Krone aufgesetzt, wenn die sich ertränkte Ophélie mit ihren Partner aus dem ersten Akt wieder Karten spielt, bevor Hamlet seinen Stiefvater endlich tötet und so der Aufforderung seines ermordeten Vaters nachkommt. Dieser ruft ihn dann zum König aus, zum König der Irren in einer Anstalt, wo meines Erachtens neurotisch gestörte Regisseure hingehören!

Die kalten Bühnenbilder von Małgorzata Szczȩśniak, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, passen sich der trostlosen Deutung an.

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