Alexey Zuev spielt Prokofjews seltene Transkriptionen für Klavier

Alexey Zuev – Sergej Prokofjew Die raren Klavierbearbeitungen  klassik-begeistert.de, 31. Oktober 2026

CD-Besprechung:

Sergej Prokofjew hat viele seiner Orchester-Werke selbst für Klavier solo eingerichtet – und diese Fassungen sind weit mehr als praktische Klavierauszüge. Sie sind brillante, höchst persönliche Neuschöpfungen, in denen der Komponist-Pianist seine orchestrale Vorstellungskraft auf die Tastatur überträgt. Die vorliegende 3-CD-Box mit Alexey Zuev vereint seltene und zum Teil erstmals eingespielte Transkriptionen und eröffnet damit eine faszinierende neue Perspektive auf Prokofjews Schaffen.

Orchestrale Fantasie unter den Fingern  

Alexey Zuev – Sergej Prokofjew
Die raren Klavierbearbeitungen
Fuga Libera, FUG856

von Dirk Schauß

Zuev, Spezialist für das russische Repertoire des 20. Jahrhunderts, steht den oft horrenden technischen Anforderungen völlig überlegen gegenüber. Er spielt mit einer Leichtigkeit und viel Spielwitz, die dem Meistern dieser Musik gerecht wird, ohne jemals angestrengt zu wirken. Die Aufnahmetechnik ist vorzüglich: warm, voll und präsent – ein Freude für alle, die virtuose Klaviermusik lieben.

Auf der ersten CD erklingt die Klassische Sinfonie op. 25 in Prokofjews eigener Bearbeitung. Was in der Orchesterfassung so transparent und sonnig wirkt, erhält am Klavier eine zusätzliche athletische Brillanz. Triller treten hervor und verleihen dem Werk einen cembaloartigen Glanz, während die modernen, anspruchsvollen Passagen die virtuose Seite des Komponisten unterstreichen. Es folgt die vollständige Klavierfassung des Balletts Chout (Der Narr, der sieben andere Narren überlistet) op. 21 – hier in der Ersteinspielung der kompletten Version. Die skurrile Handlung aus dem russischen Volksmärchen wird von Zuev mit erzählerischer Präsenz und rhythmischem Witz ausgespielt: vom lachenden Tanz über die fingierte Tötung der Frau bis zum großen Finale. Die vielen kurzen Szenen bleiben trotz ihrer Fragmentierung lebendig und bühnenhaft.

Die zweite CD versammelt die Ballette Sur le Borysthène (Am Dnjepr) op. 51 und Le pas d’acier (Der stählerne Schritt) op. 41 – letzteres ebenfalls in der Ersteinspielung der Klavierfassung. Le pas d’acier, Prokofjews Auseinandersetzung mit der sowjetischen Industrialisierung, klingt am Klavier besonders scharf und mechanisch: Fabrikhämmer, Züge, Kommissare und Arbeiter werden zu prägnanten, rhythmisch getriebenen Klaviergesten. Sur le Borysthène hingegen öffnet lyrischere, elegischere Räume und zeigt die nachdenklichere Seite des Komponisten auf dem Weg zurück in die Heimat.

Die dritte CD bringt die Sinfonietta op. 5/48 und das Divertimento op. 43 (beide Ersteinspielungen der Klavierfassungen) sowie das Ballett L’Enfant prodigue (Der verlorene Sohn) op. 46. Die Sinfonietta und das Divertimento profitieren von Prokofjews Strategie, schwer zugängliche sinfonische Werke durch die Klavierfassung einem breiteren Publikum näherzubringen. Der verlorene Sohn entfaltet am Klavier seine dramatische Kraft besonders eindringlich: der Aufbruch, die Verführung, die Ernüchterung und die ergreifende Rückkehr werden zu einer intensiven, beinahe theatralischen Klaviererzählung.

Was diese Box so wertvoll macht, ist die Doppelperspektive: Man hört die vertrauten Werke neu – reduziert auf ihre kompositorische Essenz und zugleich angereichert durch die pianistische Intelligenz des Autors. Prokofjew bleibt in diesen Transkriptionen der virtuose Pianist mit klarem Non-Legato-Anschlag, toccataartigem Schwung und plötzlichen lyrischen Aufbrüchen. Gleichzeitig bereichern unerwartete Details den Klang und verändern den vertrauten Charakter der Kompositionen.

Alexey Zuev meistert dieses anspruchsvolle Programm mit Souveränität, Farbreichtum und spürbarer Freude am Erzählen. Die Forschung von Marina Raku im Booklet liefert den historischen und analytischen Rahmen. Das Ergebnis ist keine bloße Kuriositätensammlung, sondern ein gewichtiger Beitrag zum Verständnis Prokofjews als Pianist und als orchestraler Denker am Klavier. Über drei Stunden Musik, die das Bild des Komponisten erweitern und dem Hörer die Möglichkeit geben, vertraute Werke mit neuen Ohren zu hören. Für Kenner des russischen Repertoires und Liebhaber virtuoser Klaviermusik eine echte Entdeckung – und ein Fest.

Dirk Schauß, 31. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Concertgebouworkest, Riccardo Chailly, Dirigent, Prokofjew Concertgebouw, Amsterdam,  8. März 2025

Elisabeth Leonskaja, Prokofjew, Schostakowitsch, Schnittke, Tschaikowsky, Konzerthaus Berlin, 15. März 2022

SWR Symphonieorchester, Yulianna Avdeeva, Teodor Currentzis, Prokofjew

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