”Sex and Money” regieren in der Oper “Der Wildschütz”  von Albert Lortzing

Albert Lortzing (1801-1851), Der Wildschütz  Semperoper Dresden, 3. November 2026

Der Wildschütz © Matthias Creutziger

 In seiner komischen Oper “Der Wildschütz” zeichnete Albert Lortzing ein gesellschaftskritisches Bild, das allerdings auch heute noch immer aktuell ist, wie die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog bezeugt. “Sex and Money” regieren die Welt! Unter der musikalischen Leitung von Christoph Gedschold zeigt die Semperoper Dresden, dass die deutsche Spieloper absolut nicht altmodisch und bieder ist. Georg Zeppenfeld ist mit seiner Interpretation als Baculus die Kirsche auf dem Kuchen in einem hervorragenden Sängerensemble.

Semperoper Dresden, 3. November 2026

Albert Lortzing (1801-1851)

DER WILDSCHÜTZ
Komische Oper in drei Akten (Libretto vom Komponisten)

Musikalische Leitung:  Christoph Gedschold     

Inszenierung:  Jens-Daniel Herzog
Bühnenbild:  Mathis Neidhardt
Kostüme:  Sibylle Gädeke

Sächsische Staatskapelle Dresden

von Jean-Nico Schambourg

Die deutsche Spieloper wird oft als altmodisch und bieder belächelt. Die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog zeigt, dass der Geist dieser komischen Oper von Albert Lortzing sich auch in unseren heutigen Tagen wiederfindet. Der Adel, genauso wie die Mächtigen von heute, amüsiert sich auf Kosten der einfachen Leute und egal was sie tun, am Ende erklären sie sich alle für unschuldig. Dagegen muss der einfache Mensch, hier der Schulmeister Baculus, um seine Stellung und damit auch seinen Status in der Gesellschaft bangen, weil er im Park des Grafen von Eberbach anscheinend gewildert hat.

Er versucht zwar auch zwischenzeitlich Profit aus seiner misslichen Situation zu schlagen und seine Braut Gretchen für “fünftausend Thaler” an den Baron Kronthal zu verkaufen. Schlussendlich ist er aber der Dumme, weil er keinen Rehbock, sondern seinen geliebten Esel erschossen hat. In Herzogs Inszenierung wird Baculus anfangs selbst angeschossen und versucht die ganze Oper lang seine Wunde zu verstecken. Er will seinen Schwachpunkt nicht zeigen, weil er sonst raus ist aus dem Gesellschaftsspiel, das keine Verlierer duldet.

Das Werk ist geprägt von Unanständigkeit sowie Sozialkritik, die der Komponist schon in der Vorlage “Der Rehbock oder Die schuldlos Schuldbewussten” von August Friedrich Ferdinand von Kotzebue vorfand. Niemand handelt hier in seinem Liebesleben aus echter Liebe. Hier geht es nur um Sex und Geld. Alle Paare sind aus purem Opportunismus zusammen und werden in ihren Aktionen aus absoluter Triebhaftigkeit geleitet.

Herzog setzt diese Sex- und Verwechslungskomödie mit viel Humor in Szene, bringt den Zuschauer allerdings mit Momenten auch ins Grübeln. Mit mancher Personengestaltung erinnert er uns an heutige Mitmenschen.

Das schlicht gehaltene Bühnenbild von Mathis Neidhardt und die farbigen und blumigen Kostüme von Sibylle Gädeke unterstützen visuell die Freude an dieser Aufführung.

Der Wildschütz © Matthias Creutziger

Auch musikalisch ist nichts an diesem Abend auszusetzen. Natürlich beherrscht der große Wagner-Bass Georg Zeppenfeld als Baculus die Bühne, szenisch, wie vor allem gesanglich. Mit runder wohlklingender Bassstimme beweist der Künstler, dass er auch im komischen Fach zu Hause ist. Nicht nur in seiner Arie “Fünftausend Thaler” (dem gesanglichen Höhepunkt des Abends) passt er seine Stimme an die verschiedenen Emotionsstadien des Baculus perfekt an. Bemerkenswert auch seine Deklamation in den Sprechpassagen. Da versteht das Publikum jedes Wort.

Dies ist auch ein Merkmal der anderen Sänger, wie zum Beispiel Philipp Jerkal, der den Grafen von Eberbach mit kraftvollem und autoritären Bariton singt. Maximilian Schmitt gibt mit lyrischem Tenor den Baron Kronthal, der sich als Stallmeister auf dem Schloss ausgibt. Mit seinem Sprung kopfüber aus einem Fenster hat er die Bewunderung des Publikums sicher.

Kathrin Göring zeichnet mit sicherem Sopran und viel Gespür für Komik die kulturverrückte Gräfin. Die Baronin Freimann alias falsches Gretchen alias jugendlicher Student wird in jeder Situation perfekt von Maria Perlt-Gärtner gesungen. Eine Freude ist es auch dem klaren und spritzigen Sopran von Louise McClelland Jacobsen in der Rolle des Gretchen zuzuhören.

Der Wildschütz © Matthias Creutziger

Der Pankratius von Gerald Hupach leitet im 2. Akt mit humorvollem Ausdruck in Sprache und Mimik die Geschicke der Handlung. Ekaterina Chayka-Rubinstein in der kurzen Rolle der Nanette fügt sich nahtlos in den Erfolg des Abends ein.

Die musikalische Leitung ist in den Händen von Christoph Gedschold bestens aufgehoben. Er leitet die Sächsische Staatskapelle Dresden mit ruhiger Hand und regt sie zu einem homogenen klangfarbenreichen Orchesterspiel an. Auch der Sächsische Staatsopernchor und der Kinderchor der Semperoper kann man für ihre Leistung nur loben.

Jean Nico Schambourg, 4. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at 

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