John Neumeier choreografiert Gustav Mahler in betörenden Emotionsbildern

All Our Yesterdays,  Hamburgische Staatsoper, 16. November 2019

Foto: © Kiran West

Hamburgische Staatsoper, 16. November 2019

„All Our Yesterdays“

Zwei Ballette von John Neumeier nach Gustav Mahler:

Soldatenlieder („Des Knaben Wunderhorn“)
Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler

von Dr. Holger Voigt

John Neumeier und Gustav Mahler sind unzertrennbar miteinander verbunden. Schon früh in seiner Stuttgarter Zeit resonierte Gustav Mahlers Sinfonik in dem gerade „werdenden“ Choreografen und ließ ihn fortan nicht mehr los. Die Vision einer in emotionale Bild- und Bewegungssprache umgesetzten Sinfonik sollte ein charakteristisches Merkmal Neumeiers kreativen Schaffens werden. Er beschritt damit Neuland und öffnete zuvor unbekannte Räume für das moderne Ballett der Gegenwart.

Neumeiers Kreationen sind legendär. Sein Publikum folgte seinem Schaffen mit staunender Begeisterung, die bis heute ungebrochen ist – und das sind nun bald schon fast fünfzig Jahre! Ihm gelang das Unvorstellbare – er verwandelte die eher nüchtern-rationale Hansestadt Hamburg in eine Balletthochburg von Weltrang. Wer das nicht glauben kann, mag nur in irgendeine Aufführung seiner Ballett-Kompagnie gehen. Fast südländische Begeisterungswellen rauschen durch das ehrwürdige Haus an der Dammtorstraße und nach den Vorstellungen strömen beseelte Zuschauer – die meisten von ihnen heute gar als „Ballettomanen“ bezeichnet – ins Freie und tragen unauslöschliche Begeisterung nach Hause.

John Neumeiers Ballettintendanz in Hamburg ist unzertrennbar mit dieser Stadt verknüpft. Er ist Ehrenbürger Hamburgs, das ihm aus Dankbarkeit 1989 seinen Herzenswunsch erfüllte: Ein eigenes, modernes Ballettzentrum mit Ballettschule und integriertem Internat, einzigartig in der Welt. Hier kondensieren bis heute alle kreativen Einflüsse quer durch alle Altersgruppen zu großartigen, inspirierten Produktionen. Wer das Ballettzentrum besucht, hat unmittelbar das Gefühl, ein extraterritoriales Universum der Inspiration, Liebe und Begeisterung betreten zu haben, das allen Widrigkeiten des Alltags den Zutritt verwehrt. Eine eigene Welt der gelebten Menschlichkeit.

Das erste Ausrufezeichen setzte John Neumeier bereits Mitte der Siebziger Jahre mit der grandiosen „Dritten Sinfonie von Gustav Mahler“ Erstaufführung 14. Juni 1975). Damit war die Bresche geschlagen. Es folgten mehr und mehr „sinfonische Ballette“, die auch vor geistlich-religiösen Kompositionen (z.B. Bachs „Matthäus-Passion“, „Weihnachtsoratorium“) nicht Halt machten.

„All Our Yesterdays“, aus Shakespeares „Macbeth“ zitiert und vielleicht in Anlehnung an John Quincy Adams als „Wir sind, was wir waren“ zu verstehen, umfasst unser aller Lebenswahrnehmung, wie es bei Gustav Mahler Kern seiner künstlerischen Arbeit war. Neumeiers Kreation besteht aus zwei Teilen: Mahlers Liedersammlung „Des Knaben Winderhorn“ – die Neumeier hier „Soldatenlieder“ betitelt hat – und, durch eine Pause getrennt, die „Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler“. Letztere war bereits in früheren Jahren einzeln zur Aufführung gebracht worden.

Die Uraufführung von „All Our Yesterdays“ datiert vom 10. Dezember 1989 und ist mit der Einweihung des neuen Ballettzentrums verknüpft. Nach nunmehr dreißig Jahren kehrte das Werk als Wiederaufnahme – natürlich überarbeitet – für lediglich 3 Aufführungen auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper zurück. Und versetzte dabei das Publikum in einen wahren Begeisterungsrausch.

Die musikalische Leitung des Philharmonischen Staatsorchesters lag in den bewährten Händen des finnischen Dirigenten Markus Lehtinen, dem es beeindruckend gelang, die Mahlersche Expressivität sowohl im lyrischen als auch im dramatischen Klangraum treffsicher herauszuarbeiten. Einige Intonationsfehler der Bläser hinterließen keine nachteiligen Wirkungen; dazu war die Gesamtleistung des gut eingespielten Orchesters einfach zu überzeugend – schließlich war ja die 5. Sinfonie Mahlers gerade erst vor kurzem unter dem Dirigat des GMD Kent Nagano in der Elbphilharmonie zur Aufführung gebracht worden.

Der Gesangsteil im ersten Abschnitt des Ballettabends („Soldatenlieder“), vorgetragen durch die Mezzosopranistin Katja Pieweck und den Bariton Benjamin Appl, war allein für sich betrachtet schon eine wahre Delikatesse: Hier stimmte einfach alles – ausdrucksstark, eindringlich, anrührend und nicht zuletzt auch schalkhaft-witzig (Benjamin Appl: „Lob des hohen Verstands“). Man möchte diese beiden Gesangssolisten gerne öfter hören. Da flog für Katja Pieweck dann auch ein verdienter Blumenstrauß auf die Bühne!

Gustav Mahlers Musik erschließt sich nur dem, der sich über die Umstände des Lebens zur damaligen Zeit bewusst ist. Europa zog seine Grenzen durch blutige Kriege, über lange Zeit bis hinein in das Zwanzigste Jahrhundert. Krieg und Tod waren alltägliche Lebenswirklichkeiten, denen jeder ausgesetzt war. Krankheit, Leid und Tod zerrissen Lebensentwürfe und gar ganze Familien.

© Kiran West

Neumeier zeichnet diese Lebenswirklichkeiten im ersten Teil in universeller Düsternis. Die männlichen Tänzer sind Soldaten und tragen uniformelles Einheitsgrün und -braun. Sie imponieren sportiv, athletisch, kraftstrotzend – mit ungebrochenen männlichen Attributen. Die weiblichen Tänzerinnen tragen ein schlichtes Weiß, das ambivalent sowohl einer Hochzeits- als auch Trauerfarbe entspricht. Sie gemahnen an Vergänglichkeit und erinnern an Verstorbene und Leid, das nur allzu oft im Gefolge kriegerischer Auseinandersetzungen das Leben beschwert. Dieses findet choreografisch Ausdruck in einem ergreifenden Tanzsolo von Aleix Martínez zu „Das irdische Leben“.

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Unbestreitbarer Höhepunkt dieses Teils des Balletts ist der wunderbar und zu Tränen rührende, ursprünglich für Gigi Hyatt und den viel, viel zu früh verstorbenen Jeffrey Kirk choregrafierte Pas de deux zu „Wo die schönen Trompeten blasen“, meisterhaft von Alina Cojocaru und Jacopo Bellussi getanzt, gefolgt von „Urlicht“ (Alina Cojocaru, Madoka Sugai, Xue Lin).

Feuchte Augen überall, als es zur Pause ging.

Die sich anschließende „Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler“ (cis-Moll) bricht mit der geradezu physisch spürbaren universellen Finsternis und taucht die Bühne in helles, optimistisches Licht. Das Corps de Ballet entfaltet in nicht enden wollender Bewegungsfreude sein ganzes Potenzial, so dass der Zuschauer nicht mehr aus dem Staunen herauskommt.

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Nach einem inspirierten 3. Satz/Scherzo (wunderbar: Hélène Bouchet, Matias Oberlin, Emilie Mazon, Alexandr Trusch) tanzen Alina Cojocaru und Christopher Evans in äußerster Innigkeit und fast von der Welt entrückt das berühmte „Adagietto“ in betörenden Emotionsbildern.

Nahtlos schließt sich das Rondo-Finale des Schlusssatzes an, in welchem die Tänzer in Gruppen auf die Bühne eilen und wieder von dieser verschwinden, voller Kraft und körperlichem Übermut, einer großen Schar sporttreibender Athleten gleich. Immer und immer wieder verlassen Tänzer die Bühne, während andere Gruppen dazwischen diese betreten. Bei den männlichen Tänzern sind Kraftübungen erkennbar, abgelöst von grazileren Übungen für die weiblichen Tänzer. Nach und nach entsteht ein wahres „Gewusel“ auf der Bühne, die mittlerweile übermäßig gefüllt erscheint. Alles geht munter durcheinander, kreuz und quer wird gelaufen, geübt, ausprobiert – bis dann plötzlich eine einzelne Tänzerin nach Verlassen der anderen Tänzer innehält und kontrolliert in die fünfte Ballettposition übergeht, dabei quasi mit den Armen einen selbstaufrichtenden Bogen beschreibt.

© Kiran West

In Gruppen stürmen die anderen Tänzer abermals auf die Bühne, wieder entsteht ein unübersichtliches Getümmel, alles ist ungeordnetes, freies Chaos. Dann aber drehen sich urplötzlich alle Tänzer um 360 Grad direkt in die selbstaufrichtende fünfte Position hinein und geben dem Geschehen Ordnung. Nicht für lange Zeit: Nur Sekunden später – zu den letzten Klängen der Sinfonie – verfallen alle unmittelbar wieder in das lebhafte, übermütige Arrangement von Disarrangement, während sich der Vorhang schließt. Als er sich erneut öffnet, sind alle Tänzer nach wie vor in voller Bewegung, und man scheint förmlich aus dem Hintergrund die Stimme Willi Boskovskys zu hören, der einst den Schluß von Johann Strauss’ (Sohn) „Perpetuum Mobile“ mit den Worten garnierte: „…und so geht das immer weiter…“

Frenetischer Beifall für ein wahres Festspiel der Ballettkunst und eine phantastische Leistung des Hamburg Balletts. Ein Vorhang nach dem anderen, Blumensträuße für die Tänzerinnen – was für ein wunderbarer Ballettabend. Am bislang dunkelsten Tag des Jahres in Hamburg gab es schlussendlich nur noch Licht der Freude!

Dr. Holger Voigt, 20. November 2019, für
klassik-begeistert.de

All Our Yesterdays – Zwei Ballette von John Neumeier

Uraufführung: Hamburg Ballett, Staatsoper, Hamburg, 10. Dezember 1989

Choreografie, Kostüme und Licht: John Neumeier

Mezzosopran: Katja Pieweck

Bariton: Benjamin Appl

Orchester: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Musikalische Leitung: Markus Lehtinen

Hélène Bouchet

Alina Cojocaru

Yaiza Coll

Xue Lin

Emilie Mazon

Madoka Sugai

Jacopo Bellussi

Christopher Evans

Aleix Martínez

Matias Oberlin

Alexandr Trusch

Lizhong Wang

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