Ein ganz großer Wurf von Jörg Widmann

Arche, Oratorium, Jörg Widmann, Uraufführung,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Claudia Höhne (c)
Jörg Widmann: ARCHE (Uraufführung). Ein Oratorium für Soli, Chöre, Orgel und Orchester.
Elbphilharmonie, 13. Januar 2017

Wunderbar! Umwerfend! Atemberaubend! Die Uraufführung des Oratoriums ARCHE von Jörg Widmann ist von den 2100 Besuchern des ersten öffentlichen Konzerts in der Elbphilharmonie im Hamburger Hafen mit frenetischem Beifall bedacht worden.

Erst nach 16 Minuten ließen die begeisterten Zuschauer die Musiker und den Komponisten Jörg Widmann von der Bühne gehen. Der Applaus war damit mehr als drei Mal so lang wie bei den beiden Eröffnungskonzerten der Vortage.

Der Dirigent Kent Nagano bot eine souveräne, nervenstarke und feinfühlige Leistung bei seinem ersten „Elphi“-Auftritt mit seinem ganz phantastisch aufspielenden Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Die Sopranistin Marlis Peterson und der Bariton Thomas E. Bauer verliehen der Uraufführung mit ihren tadellosen Stimmen Glanz und Erhabenheit. Die drei Kinder-Solisten – die beiden Sprecher Jonna Plathe und Baris Özden sowie der Knaben-Sopran Gabriel Böer – berührten und erfrischten. Die drei Chöre – der Chor der Hamburgischen Staatsoper (Choreinstudierung: Eberhard Friedrich), die Audi Jugendchorakademie (Martin Steidler) und die Hamburger Alsterspatzen (Jürgen Luhn) – übertrafen sich in Sangesfreude und Vokalstärke. Dass viele Sänger ein wenig zu sehr an den Noten klebten statt frei zum Dirigenten zu schauen und nach vorne zu singen, war an so einem Abend bei so einem Werk nachzuvollziehen.

Das Werk und der Auftritt waren auch ein Meilenstein in der ruhmreichen Übertragungsgeschichte von NDR-Kultur – der phantastische Klassik-Sender übertrug das Konzert live.

Klassik-begeistert.de war von dem Oratorium so begeistert, dass das Urteil unterm Strich so ausfällt: Dieses Meisterwerk von Jörg Widmann wird auch noch in 50 bis 100 Jahren die Menschen packen. Es wird, von Hamburg aus, seinen Siegeszug in viele Konzerthäuser antreten. Für jeden Dirigenten, jeden Musiker und jeden Sänger wird es eine Freude und eine Ehre sein, dieses moderne Oratorium aufzuführen.

So ist es auch kein Wunder, dass das Hamburger Abendblatt von „Kent Naganos Debüt-Spektakel“ schreibt. „Der Rihm-Schüler Widmann, seit Jahren einer der produktivsten und stilversiertesten Komponisten, hatte offenbar nicht nur eine Raum-Sensation im Neubau am Elbufer im Sinn, sondern auch ein zeit- und stilvereinnahmendes Über-Oratorium für den Menschen an sich“, sagt Joachim Mischke. „Das ist auf seine Art schöpferischer noch als Haydns ‚Schöpfung’. Wo der Wiener Klassiker das Chaos der Seinswerdung noch in harmonischer Eintracht vertonte, bediente sich Widmann virtuos bei allem, was ein riesiges Tutti hergeben kann, instrumentale Verfremdungseffekte inklusive. Avantgarde, die auch für Publikum attraktiv sein will und kann, das ansonsten vielleicht lieber keine ‚Avantgarde’ hören möchte.“

Ja, bei Widmann ist wirklich viel zu hören. Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart („In diesen heil’gen Hallen“, Sarastro, „Die Zauberflöte“), Ludwig van Beethoven (Ode „An die Freude“, 4. Satz, 9. Sinfonie), Robert Schumann, Gustav Mahler, Igor Strawinsky. Ja, Widmann geht sogar bisweilen in Richtung Wiener Kaffeehausmusik, in Richtung Broadway, in Richtung Andrew Lloyd Webber.

Aber natürlich ist das auch ganz viel Widmann pur. Ganz viel hochmoderne Musik, made for the year 2017. Hier hat der 43-Jährige wirklich einen ganz großen Wurf gelandet. 80 Minuten Ausnahmezustand für die neue Perle an der Elbe.

Der Titel „Arche“ ist programmatisch zu verstehen: Einerseits sehe die Elbphilharmonie von außen wie ein großes Schiff aus, andererseits lasse ihn der Große Saal auch an das Innere eines Schiffes denken, sagt Jörg Widmann.

„Als ich den Saal das erste Mal gesehen habe, wusste ich, wie mein Stück klingen wird und es heißen wird: ARCHE. Ich war im schönsten Sinne überwältigt von diesem Raum“, sagt Jörg Widmann. „Das Innere habe ich wie den Schiffsbauch einer Arche empfunden; es atmet den Geist von Demokratie! Selbst vom weitest entfernten Sitzplatz empfindet man sich immer noch als ein Teil des Ganzen. Wieder im Tageslicht angelangt, ließ mich die Arche-Idee nicht mehr los, der Ton dieser zu komponierenden Musik war mir ganz deutlich, als ich den Raum verließ.“

„Arche“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein großer Wurf geworden: Rund 300 Mitwirkende haben das Werk am Freitagabend vom Stapel gelassen. Gewaltig herabstürzende Klangmassen als erfahrbare Gewalt des göttlichen Vernichtungsaktes, apokalyptische Szenen und ein verheißungsvoller Neubeginn: Die alttestamentarische Erzählung der Sintflut bildet für Jörg Widmanns Oratorium einen thematischen Bezugspunkt, aber auch Texte aus unterschiedlichen Jahrhunderten von Dichtern wie Matthias Claudius, Friedrich Schiller und dem Philosophen Friedrich Nietzsche. Widmann komponierte ein Menschen- und Weltendrama, in dem sich der Mensch ungeschützt mit seinen Wünschen, Hoffnungen, Ängsten und seiner Utopie einer möglichen besseren Welt zeigt.

Die Kernbotschaft offenbart Widmann im fünften Teil: Dona nobis pacem (Herr, gib uns deinen Frieden!): Der Junge spricht: „Nicht in Götter …“ – das Mädchen ergänzt: „… in Euch selbst setzt Hoffnung!“ Der Solo-Knabensopran singt: „Keine Götter…“, der Kinderchor ergänzt: „… nur wir Menschen!“

Und so bilanziert die Frankfurter Neue Presse: „Die Kinder als Zukunftsträger waren denn auch die eigentlichen Protagonisten des fünfaktigen Oratorienwerks, das selbst oft kindlich naiv wirkte mit seinen verwirrenden Stil-Manövern, doch stets von hohem, uneitlem Kunstverstand getragen war. Im dritten ‚Liebe’-Teil erschien vieles gar so burlesk, als habe Widmann eine Mozartsche Buffa-Oper im Hinterkopf gehabt. Doch neben flott verfremdeten Mahler-, Schumann- oder Orff-Anleihen floss auch Claudius‘ ‚Der Mond ist aufgegangen’ ins gewaltige Klang-Tableau ein.“

Das klassik-begeisterte Hamburger Ehepaar Monika-Luise Carstens, 69, und Georg Carstens, 70, fand nach dem Konzert sehr schöne Worte für den außergewöhnlichen Abend in der Elbphilharmonie: „Dieses Oratorium hat uns wirklich angerührt“, sagte Monika-Luise Carstens. „Arche ist eine sagenhafte Komposition. Wir sind sehr froh, dass wir als künftige Nachbarn der Elbphilharmonie an diesem besonderen Abend live mit dabei waren. Dies ist ein Stück, das unbedingt häufiger aufgeführt werden sollte. Klassik-begeisterte Menschen sollten dieses Werk hören. Es wird nicht in der Versenkung verschwinden, da es nicht vergeistigt und abgehoben ist. Widman bedient mit seiner Musik und den humoristischen wie nachdenklich machenden Texten die unterschiedlichsten Geschmäcker.“

Andreas Schmidt, 14. Januar 2017
klassik-begeistert.de

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