„…welches Glück aus der Musik fließen kann“

Buchrezension: Reiner Lehberger, Helmut Schmidt am Klavier – Ein Leben mit Musik,  klassik-begeistert.de

Reiner Lehberger, Helmut Schmidt am Klavier – Ein Leben mit Musik
Verlag Hoffmann und Campe

von Dr. Regina Ströbl

Musik tröstet, beglückt, inspiriert, entspannt, weckt vielerlei Emotionen bei Menschen, die dafür offen und empfänglich sind. Das ist bei Politikern wie Bundeskanzlern nicht anders als bei jedem anderen Bürger. Mit „Helmut Schmidt am Klavier“ legt der Autor Reiner Lehberger sein nunmehr fünftes Buch über bzw. mit dem Ehepaar Schmidt vor und darf damit als profunder Kenner gelten. Ein solches, auf Archivmaterial basierendes Buch in Zeiten von Corona und zahlreichen Lockdowns zu schreiben, ist ein hehres Unterfangen und konnte nur mit Hilfe etlicher Mitarbeiter solcher Institutionen gelingen, die die entsprechenden Unterlagen per Scan zur Verfügung stellten. Ihnen wird zu Recht im umfangreichen Anhang gedankt. Herausgekommen ist ein Buch von geradezu überbordender Materialfülle und Detailreichtum, welche diesen Band auf Jahre hinaus singulär bleiben lässt, denn was sollte/könnte da noch ergänzt werden? So hat man unter anderem das Gefühl, dass jede jemals gesprochene oder geschriebene Äußerung der Schmidts zum Thema Musik, Klavier, Orgel und Johann Sebastian Bach hier aufgeführt ist.

Das Buch teilt sich in zwei Abschnitte, zunächst chronologisch von der Kindheit über die Schulzeit, den Kriegsdienst bis zur Stunde Null, dann thematisch wechselnd zwischen Konzerten im Kanzlerbungalow, Schallplattenaufnahmen, Musikerfreundschaften und Bach-Leidenschaft. Bekanntes Biographisches wird hier durch die Hinzufügung des musikalischen Aspekts ergänzt und gegenübergestellt.

Dass Helmut Schmidt eine gutbürgerliche Erziehung und Ausbildung genoss, die auch das Musizieren und Erlernen eines Instruments beinhaltete, unterscheidet ihn nicht von vielen Menschen seiner Zeit und ebensowenig, dass in Zeiten noch weitgehend ohne Radio, Schallplatte oder gar Fernsehen gemeinsam ausgeübte Hausmusik ein wesentlicher Bestandteil familiärer Unterhaltung darstellte. Nach anfänglich eher aus Pflicht und wenig geliebt absolvierten Klavierstunden entwickeln sich Spiel und Musik zum lebenslang präsenten Anker und Begleiter unterschiedlicher Gemütslagen nach anstrengenden Arbeitstagen wie im geselligen Beisammensein. Ein Bundeskanzler ist auch nur ein Mensch. Aber man versteht sofort, dass das spätabendliche Abschalten am Klavier ein geradezu lebensnotwendiger Gegenpol in den schwierigen Zeiten von Nato-Doppelbeschluss, RAF-Terror und parteiinternen Streitereien war. Umso tragischer ist dann auch der Verlust des Gehörs in späteren Jahren, der zunächst das Hören, dann aber auch das Spielen von Musik nicht mehr zuließ.

Doch zurück zum Anfang. Während Schmidts Vater den Klavierunterricht als notwendigen Bestandteil der Erziehung sah und sich trotz aller Suche über mehrere Generationen in dessen Familie nun gar kein Musik affiner Angehöriger finden lässt, stammte seine Mutter aus einer musikbegeisterten Familie, spielte selbst und besaß ein eigenes Klavier. Um den großen Einfluss dieser mütterlichen Familie auf die wachsende Freude des kleinen Helmut an der Musik und ihrer Ausübung zu erklären, lernt der Leser nun alle, wirklich alle irgendwie nachweisbaren Familienmitglieder kennen und wird Zeuge zahlloser Festivitäten mit viel Gesang und Instrumentenspiel.

Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass jeder, der dabei auch nur ein paar Notenblätter durch die Wohnung getragen hat, die aufglimmende Musikleidenschaft Schmidts befeuert haben muss. Ganz besonders einflussreich scheint Onkel Ottomar gewesen zu sein, der dem Jungen die Goldbergvariationen vorspielte, was dieser mit den Worten „Sie erschienen mir mit meinen zwölf oder dreizehn Jahren als der absolute Höhepunkt polyphoner Musik“ erinnerte. Dieser Episode begegnet man im Verlauf des Buches noch mehrfach mit ebendiesem Zitat.

Und darin liegt der erste Kritikpunkt an diesem Buch: Die vielen Wiederholungen, die einen während der Lektüre immer wieder denken lassen, habe ich das nicht schon gelesen? Das setzt sich fort im ausführlichen Kapitel über die Zeit in der Hamburger Lichtwarkschule, das umfassend über die moderne Intention der dortigen Unterrichtsform mit Schwerpunkt auf Kunst informiert. Hier vollzieht sich die Wandlung vom pflichtbewussten aber wenig begeisterten Klavierschüler hin zum zunehmend begeisternden Klavierspieler mit lebenslanger Passion besonders für die Musik von Johann Sebastian Bach. Diese Vorliebe durchzieht ebenfalls das gesamte Buch und, damit es niemand vergisst, gibt es dann an späterer Stelle ein großes Kapitel über Helmut Schmidt und Johann Sebastian Bach, das wiederum sämtliche Begegnungen des späteren Kanzlers mit dem Komponisten aufrollt, natürlich mit Onkel Ottomars Darbietung der Goldbergvariationen ebenso wie mit der Zeit in der Lichtwarkschule in allen Einzelheiten.

Nachdem der geliebte Bach Teil jedes Kapitels, sehr häufig auch in Form von wörtlichen Zitaten, ist, liest man plötzlich mit großen Augen den Satz: „Dass Johann Sebastian Bach der Lieblingskomponist Helmut Schmidts war, scheint so einleuchtend, dass es fast keiner weiteren Erläuterung oder Begründung bedarf“. Na, dann.

Zu viele Namenswiederholungen von Wegbegleitern wie Olga Bontjes van Beek, Christoph Eschenbach und Justus Frantz in den entsprechenden Kapiteln ermüden beim Lesen; man hat ja doch schnell erfasst, um wen es geht. Interessant, aber auch immer wieder viel zu weit und weg vom Thema des Buches führend, sind die Lebensgeschichten vieler beteiligter Personen mit ihren sämtlich greifbaren Vor- und Nachfahren sowie deren (Ehe-) Partnern. Und hier zeigt sich auch, dass das Verlassen des chronologischen Fadens zugunsten inhaltlicher Schwerpunkte nicht vorteilhaft ist.

Einen großen Teil nehmen die populären Plattenproduktionen gemeinsam mit Eschenbach und Frantz etwa in der Mitte des Buches ein, aber erst in einem der letzten Kapitel erfährt der Leser, wie und wann sich Freundschaft und gemeinsame Aufnahmen überhaupt erst ergeben haben. Es ziehen sich viele rote Fäden durch das Buch, die aber nicht die von Schmidt bei Bachs Musik so bewunderte Struktur ergeben, sondern ein großes Knäuel, bei dem gefühlt in jedem Kapitel alles, in unterschiedlicher Gewichtung, vorkommt.

Bei der Lektüre, insbesondere die Zeit der Kanzlerschaft betreffend, fragt man sich unweigerlich, wie der Mann das alles hat schaffen und dann auch noch abends Klavier spielen können.

Natürlich verfügte Schmidt über einen großen Mitarbeiterstab, der sich um alles kümmerte, aber vor allem hatte er mit Loki eine ebenso kluge wie unprätentiöse Frau an seiner Seite, ohne die, wie Helmut Schmidt selbst immer wieder betonte, er nicht der geworden wäre, der er wurde. Ihr ist ein eigenes Kapitel gewidmet und nachdem der Autor im gesamten Buch die tiefe Verbundenheit der beiden besonders auch durch die große Liebe zur Musik (beginnend in der Lichtwarkschule!) immer wieder hervorgehoben hat, muss man sich über einen Satz wie „Ein kleiner Teil von dem, was das Paar zusammenhielt, ist vielleicht auch der Musik geschuldet“ doch dann sehr wundern. Das gilt auch für die anhängende Zeittafel, in die Hochzeit, Geburt der Tochter und das Geschenk eines Klaviers an ihren Mann eingegangen sind, nicht aber Lokis Tod.

Richtig ärgerlich wird es dann an vielen Stellen, wenn der Autor meint, Aussagen, Erlebnisse oder Tatsachen erklären und vor allem (über-) interpretieren zu müssen. So findet sich im Anschluss an einen sehr emotionalen Bericht Schmidts über den Besuch eines Konzerts mit Bach’scher Musik in der Leipziger Thomaskirche, dem einfach nichts hinzuzufügen ist, eine Interpretation der Worte, ergänzt mit einem mutmaßlich noch tieferen Einblick in die Gefühle sowie einer kurzen Abhandlung über die Geschichte von Bachs Bestattung und der anschließenden Odyssee seiner Gebeine.

Warum diese Episode aus dem Jahr 1973 nun auch noch mit „Fast ein Erweckungserlebnis“ überschrieben ist, nachdem der geneigte Leser seit dem ersten Kapitel um Schmidts große Leidenschaft für Bach seit seiner Jugend weiß (erinnert sei an Onkel Ottomars Goldbergvariationen!), erschließt sich einfach nicht. Im Abschnitt über Christoph Eschenbach ist Schmidt’s Laudatio zu dessen 75. Geburtstag wiedergegeben. Sie schließt mit den Sätzen: „Glücklicherweise haben wir die Chance, noch viele wunderbare Konzerte von ihm zu hören. Ad multos annos, Christoph!“ Braucht es danach wirklich noch diesen Satz: „Es klingt, als hätte sich der 96-jährige Helmut Schmidt mit seiner Freundesrede die erfüllten Zeiten vergangener Jahre noch einmal vor Augen geführt und gleichzeitig die Hoffnung auf weitere gemeinsame Tage beschwören wollen“? Ja, was denn sonst? Viele angebliche Gedanken, Mutmaßungen, Formulierungen wie „dürften sich erinnert haben“, „man darf also annehmen“ oder „wird sicher bereits (…) gehört haben“ sind einfach nicht belegbar und lassen dem Leser kaum die Möglichkeit eigener Gedanken.

Das Buch will viel, viel zu viel und meint es stellenweise mit den detailreichen Informationen zu gut. Will man wirklich lesen, wie und von welchem Konto oder Sparbuch Schmidt seinen Baby Grand-Flügel der Firma Steinway (in dem Kapitel geht es natürlich nicht ohne eine ausführliche Darstellung der Steinway’schen Firmengeschichte) bezahlt hat und wie betreffendes Konto anschließend vermutlich aussah? Und nimmt man dem Autor die Aussage ab, dass durch Schmidts Entscheidung für einen Steinway „auch eine patriotische Verbundenheit für das seit ca. 100 Jahren in Hamburg angesiedelte Unternehmen zum Ausdruck“ kam, wenn er an anderer Stelle schreibt, dass sich der Altkanzler, oder, wie er nach der Regierungszeit in den letzten Kapiteln zu gern genannt wird, der Elder Statesman nach ausführlichen Beratungen mit dem Duo Eschenbach/Frantz für dieses Instrument entschieden hatte?

Übermäßig genau ist auch die eigentlich köstliche Darstellung der Geburtstagsfeier eines der besten Freunde des Ehepaars Schmidt, des Unternehmers Kurt A. Körber, im Jahre 1979. Man wird informiert, wann und mit welchen Verkehrsmitteln von wo nach wo der Kanzler an diesem Tag gelangte, einzig die Ankunftszeit am Festort in Bergedorf fehlt. Es muss eine berauschende Party mit illustren, geradezu entfesselten Gästen gewesen sein und auch Helmut Schmidt trug ebenso wie der sangesfreudige Walter Scheel mit musikalischen Beiträgen zum Gelingen des Abends bei. Aber es sind Sätze wie: „Im Duett mit Felicia Weathers gab er die in seiner Generation überaus beliebte Arie „Reich mir die Hand, mein Leben…“ aus Mozarts Don Giovanni zum Besten“, bei denen man innerlich leise aufstöhnt und sich für Mozart-Liebhaber freut, dass dieses reizende und populäre Duett seitdem nicht längst wegen mangelnder Aktualität gestrichen wurde.

Eigene Prominenz ermöglicht die Bekanntschaft anderer Berühmtheiten und so darf man als Freund guter Musik schon etwas grün vor Neid werden, wenn unter anderem „Lenny Bernstein, wie Schmidt Leonard Bernstein vertraut nannte,“ (nannte ihn so nicht die ganze Welt?) nach einem Konzert in Bonn den Abend in Kanzlerbungalow bei Getränken und Gershwin ausklingen ließ.

Es wären weitere Anmerkungen zu machen, beispielsweise zur Orgel, ein ebenfalls immer wiederkehrendes Thema und eine aufgrund der Umstände nur selten ausgeübte Liebe Helmut Schmidts. Dabei gibt es auch kritische Anmerkungen des Verfassers, z. B. über die jüdische Herkunft von Schmidts erster Klavierlehrerin Lilli Sington-Rosdal, von der der Politiker erst Jahrzehnte später erfahren haben will. Dies widerlegt Reiner Lehberger schlüssig, natürlich nicht, ohne deren gesamte greifbare Familiengeschichte anzuführen. Ebenso wird klar, dass der im Alter stark verklärte Blick auf die Zeit im Künstlerdorf Fischerhude als eine nazifreie Oase der Glückseligkeit, der freien Kunst und Meinungsfreiheit nicht der Wahrheit entsprach. Solche kritischen Anmerkungen hätte man gern durchaus häufiger lesen dürfen, ebenso mehr Objektivität als nicht belegbare Spekulationen über mögliche Gemütszustände und Gedanken. Oder befähigen fünf Bücher über das Ehepaar Schmidt zu solchen Aussagen?

Man hätte dem Buch ein deutlich strafferes Lektorat gewünscht, um die vielen Wiederholungen zu streichen und das ungemein umfangreiche Material in eine klare Struktur zu bringen, vielleicht auch mal das ein oder andere nicht zu übernehmen und sich, bei allen eigentlich interessanten aber an dieser Stelle zu ausführlichen Exkursionen über Generationen von Künstlerfamilien, Klavierbauer und Schulgeschichte, auf das Thema des Buches zu konzentrieren.

Wer das Buch in einem Zug liest, dürfte wie die Rezensentin die Lektüre daher als anstrengend empfinden. Wer sich aber gelegentlich das ein oder andere Kapitel zu Gemüte führt, hat sicher Spaß und Freude an der musischen Seite Helmut Schmidts. Bei allen kritischen Anmerkungen wird dieses Buch aufgrund seiner Vollständigkeit auf lange Sicht das Nachschlagewerk, weil das einzige, zu dem Thema bleiben.

Dr. Regina Ströbl, 16. Dezember 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Reiner Lehberger, Helmut Schmidt am Klavier – Ein Leben mit Musik. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021, 323 S., zahlreiche farbige und s-w Abb., € 24,00, ISBN: 978-3-455-01225-5

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