Wenn Golda singt, möchte man ihr bis zum Mond und wieder zurück zuhören

Carl Maria von Weber, Der Freischütz  Bayerische Staatsoper Nationaltheater, 5. Juli 2021

Ja, die Gewinnerin des Abends ist zweifelsohne die Sopranistin Golda Schultz. Die Südafrikanerin hat das Potenzial, ein Weltstar zu werden. Ihre Stimme ist gesegnet mit einem Bouquet aus Gold, Bordeauxrot und Bernstein. Ihre Hingabe ist sehr groß. Ihre Stimme ist Liebe. Love and devotion. Goldas Stimme hat einen maximalen Wiedererkennungswert. Sie ist kein Rohdiamant – sie ist ein Diamant.

Bayerische Staatsoper, Nationaltheater, 5. Juli 2021
Carl Maria von Weber, Der Freischütz

Foto: W. Hösl ©

von Andreas Schmidt

Auch mit diesem „Freischütz“ unterstreicht die Bayerische Staatsoper im Nationaltheater ihre Position in der Champions League der Opernfestspiele auf diesem wunderbaren Planeten. Aber nur musikalisch. Die Sänger sind fast alle sehr gut, teilweise besser. Das Bayerische Staatsorchester und der Chor unter der Stabführung von Antonello Manacorda bewegen sich auf gewohnt hohem Niveau.

Der italienische Dirigent, geboren 1970 in Turin, hat einen großen Sinn für die deutsche Romantik – er bewegt und berührt. Der Chor ist umwerfend gut und präsent – bestechend in Form ist ein Tenor asiatischer Herkunft, der die „Compagnie“ anführt.

Die Inszenierung hingegen ist traurig-simpel, langweilig und kann in keinster Weise mit dem musikalischen Niveau mithalten. Diese banale Holzanmutung mit den Hochhausbildern im Hintergrund erbaut einfach nicht. Niemand möchte in solchen kapitalistischen Geldmaximierungswohnungen leben, und niemand möchte deren Bild am Abend in seiner Frei-Zeit für den Frei-Schütz sehen.

Ich schließe mich deshalb den Worten von Peter Sommeregger zur Aufführung vom 13. Februar 2021 (Videostream wegen Corona) an:

„Bei seiner Arbeit geht Tcherniakov in die selbst gestellte Falle: Er misstraut dem Werk und greift verändernd ein. Gleichzeitig ist er gezwungen, die originalen Gesangstexte singen zu lassen. So entstehen zwei völlig gegensätzliche Narrative, die nicht miteinander zu vereinbaren sind. Tcherniakovs Lesart der Geschichte ist außerdem so erschreckend plump und banal, nimmt dem Stoff seine Ernsthaftigkeit und zerstört die im Original stimmige Dramaturgie. Wieder einmal ein klassischer Fall von European Trash.

Ungleich besser fällt der musikalische Teil der Aufführung aus. Pavel Černoch ist ein eher lyrischer Max, dem es aber nicht an der Kraft für die dramatischen Passagen der Partie fehlt. Ein sehr stimmiges Porträt des Kaspar zeichnet Kyle Ketelsen mit angerautem Bariton, der auch große Spielfreude mitbringt. Bálint Szabó (Kuno), Milan Siljanov (Kilian), Tareq Nazmi (Eremit) und Boris Prýgl (Ottokar) vervollständigen sonor die Herrenriege.

Golda Schultz (c)

Eindeutig siegreich geht Golda Schultz durchs Ziel. Ihr schön timbrierter lyrischer Sopran verfügt über schöne Farben, technisch wird die Stimme gut geführt, auch ihre Diktion ist sauber und sie bildet mit dem Max von Pavel Černoch ein gut ausgewogenes Paar. Anna Prohaska scheint dem Ännchen inzwischen aber doch entwachsen, die Umdeutung der Figur in eine mondäne Feministin bekommt der Rolle nicht.“

Ja, die Gewinnerin des Abends ist zweifelsohne die Sopranistin Golda Schultz.

Die Südafrikanerin hat das Potenzial, ein Weltstar zu werden. Ihre Stimme ist gesegnet mit einem Bouquet aus Gold, Bordeauxrot und Bernstein. Ihre Hingabe ist sehr groß. Ihre Stimme ist Liebe. Love and devotion. Goldas Stimme hat einen maximalen Wiedererkennungswert. Wenn sie singt, möchte man ihr bis zum Mond und wieder zurück zuhören. Sie ist kein Rohdiamant – sie ist ein Diamant.

Golda Schultz (c)

Golda Schultz, Tochter eines Mathematikprofessors, wuchs in Bloemfontein auf. Sie absolvierte ein Gesangsstudium an der University of Cape Town und an der Juilliard School in New York. Zudem wurde sie von Johan BothaKiri Te Kanawa und Michelle Breedt unterrichtet.

Von 2011 bis 2013 war sie Mitglied im Opernstudio und von 2014 bis 2018 des Ensembles der Bayerischen Staatsoper.[1] Daneben hatte sie 2013 bis 2015 einige Rollen am Stadttheater Klagenfurt und trat 2015 erstmals bei den Salzburger Festspielen auf, wo sie die Sophie im Rosenkavalier gab.

Im Jahr 2016 sang Schultz die Susanna in Le nozze di Figaro an der Scala in Mailand2017 war sie wiederum bei den Salzburger Festspielen zu hören, diesmal als Vitellia in La clemenza di Tito. Im Oktober 2017 hatte sie ihr Debüt an der Metropolitan Opera in New York als „Pamina“ in Die Zauberflöte.

Am 19. Dezember 2020 sang sie beim WDR-Weihnachtskonzert in der Marienbasilika in Kevelaer unter anderem das Ave Maria von Pietro Mascagni und Mariä Wiegenlied von Max Reger.

Fazit: Große Musik und Oper in einer armseligen Inszenierung, die man kein zweites Mal sehen will. Ein Stern namens Schultz, der diesen Makel vergessen lässt.

Andreas Schmidt, 6. Juli 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Carl Maria von Weber: Der Freischütz Nationaltheater München (Bayerische Staatsoper), 13. Februar 2021

Meine Lieblingsoper, Teil 10 :“ Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber

Carl Maria von Weber, Der Freischütz, Theater an der Wien, 22. März 2019

Carl Maria von Weber, Der Freischütz, Andreas Schager, Camilla Nylund, Wiener Staatsoper

Musikalische Leitung

Lothar Koenigs

Inszenierung und Bühne

Dmitri Tcherniakov

Kostüme

Elena Zaytseva

Licht

Gleb Filshtinsky

Video

Gleb FilshtinskyDmitri Tcherniakov

Video-Produktion

Show Consulting Studio

Mitarbeit Dramaturgie

Tatjana Wereschtschagina

Dramaturgie

Lukas Leipfinger

Chor

Stellario Fagone

 

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