Tcherniakovs „Freischütz“ in München: Große Musik und Oper in einer Inszenierung, die man kein zweites Mal sehen will

Carl Maria von Weber: Der Freischütz  Nationaltheater München (Bayerische Staatsoper), 13. Februar 2021

Eindeutig siegreich geht Golda Schultz durchs Ziel. Ihr schön timbrierter lyrischer Sopran verfügt über schöne Farben, technisch wird die Stimme gut geführt, auch ihre Diktion ist sauber und sie bildet mit dem Max von Pavel Černoch ein gut ausgewogenes Paar. 

Nationaltheater München (Bayerische Staatsoper), 13. Februar 2021
Carl Maria von Weber: Der Freischütz

Foto: W. Hösl ©: Ännchen: Anna Prohaska (li.) und Agathe: Golda Schultz

Kuno: Bálint Szabó
Agathe: Golda Schultz
Ännchen: Anna Prohaska
Kaspar: Kyle Ketelsen
Max: Pavel Černoch
Ein Eremit: Tareq Nazmi
Kilian: Milan Siljanov

Inszenierung: Dmitri Tcherniakov
Dirigent: Antonello Manacorda

von Peter Sommeregger

Niemand konnte ernsthaft erwarten, dass der russische Star-Regisseur Dmitri Tcherniakov Webers „Freischütz“ auch nur annähernd konventionell inszenieren würde. Schon im Vorfeld der Premiere hatte der Regisseur verlauten lassen, die mit dem „Freischütz“, dieser deutschen Nationaloper, verbundenen Traditionen würden für ihn keine Rolle spielen. Das könnte zu einem erfrischenden Ansatz führen, aber leider stellt sich heraus, dass der Regisseur mit diesem Werk grundsätzlich nichts anfangen kann. Heutzutage ja die beste Voraussetzung dafür, es trotzdem auf die Bühne zu bringen. Das Konzept, das Tcherniakov entwickelt, ist durchaus nicht ohne Reiz, trotzdem aber zum Scheitern verurteilt.

Wo man Wald und Forsthaus erwarten könnte, befindet sich die Lounge eines Mittelklasse-Hotels, die auch einzige Spielstätte während des gesamten Abends bleibt. Auch sonst ist nichts, wie gewohnt. Max ist Angestellter seines potentiellen Schwiegervaters Kuno, der nicht Förster sondern Firmenchef ist. Offenbar kein sehr geschätzter Angestellter, denn er wird von Kuno permanent vorgeführt und in den Magen geboxt. Als später Agathe und Ännchen die Szene betreten, hat man es auch mit völlig anders gearteten Figuren zu tun. Beide Damen tragen teure Designerklamotten, Ännchen outet sich als Feministin, Agathe hat angeblich mit dem Vater gebrochen. Als besonders zweifelhafte Idee erlebt man das Einblenden von Übertiteln, die angeblich die gedachten, aber nicht ausgesprochenen Äußerungen der Protagonisten wiedergeben. Diese sind reichlich plump und banal. Auch die den originalen Dialogen als Ergänzung hinzugefügten Texte sind von bemerkenswerter Schlichtheit.

Höchst verwirrend läuft ab, was in einer konventionellen Inszenierung in der Wolfsschlucht spielt. Kaspar schleppt den in Plastikfolie und Klebeband eingeschnürten Max herbei, der davor wohl zusammengeschlagen wurde. Um zu verdeutlichen, dass der wilde Jäger Samiel eigentlich Teil von Kaspars Persönlichkeit ist, darf dieser mit sich selbst einen Dialog führen. Genial!

Ännchen singt ihre zweite Arie völlig unmotiviert, die einleitenden Dialoge wurden gestrichen.

Der Jägerchor wird  anschließend von der versammelten Hochzeitsgesellschaft gesungen. Es kommt zum Probeschuss, Agathe fällt scheinbar getroffen, Kaspar darf sein Gebet im Sterben singen. Max’ Fürsprecher, der Eremit, erweist sich als Kellner des Hotels, darf aber seinen Originaltext singen.

Und dann der genialste aller Regieeinfälle: kurz vor dem versöhnlichen Ende wechselt das Licht. Es stellt sich heraus, dass in Wahrheit Agathe tot ist, und Kaspar überlebt hat.

W. Hösl © Der Freischütz: Kaspar: Kyle Ketelsen

Bei seiner Arbeit geht Tcherniakov in die selbst gestellte Falle: Er misstraut dem Werk und greift verändernd ein. Gleichzeitig ist er gezwungen, die originalen Gesangstexte singen zu lassen. So entstehen zwei völlig gegensätzliche Narrative, die nicht miteinander zu vereinbaren sind. Tcherniakovs Lesart der Geschichte ist außerdem so erschreckend plump und banal, nimmt dem Stoff seine Ernsthaftigkeit und zerstört die im Original stimmige Dramaturgie. Wieder einmal ein klassischer Fall von European Trash.

Ungleich besser fällt der musikalische Teil der Aufführung aus. Pavel Černoch ist ein eher lyrischer Max, dem es aber nicht an der Kraft für die dramatischen Passagen der Partie fehlt. Ein sehr stimmiges Porträt des Kaspar zeichnet Kyle Ketelsen mit angerautem Bariton, der auch große Spielfreude mitbringt. Bálint Szabó (Kuno), Milan Siljanov (Kilian), Tareq Nazmi (Eremit) und Boris Prýgl (Ottokar) vervollständigen sonor die Herrenriege.

Eindeutig siegreich geht Golda Schultz durchs Ziel. Ihr schön timbrierter lyrischer Sopran verfügt über schöne Farben, technisch wird die Stimme gut geführt, auch ihre Diktion ist sauber und sie bildet mit dem Max von Pavel Černoch ein gut ausgewogenes Paar. Anna Prohaska scheint dem Ännchen inzwischen aber doch entwachsen, die Umdeutung der Figur in eine mondäne Feministin bekommt der Rolle nicht.

Orchester und Chor der Bayerischen Staatsoper bewegen sich auf gewohnt hohem Niveau. Antonello Manacorda hat durchaus einen Sinn für die deutsche Romantik, nur im Finale beginnt er ein wenig zu schleppen.

Fazit: Große Musik und Oper in einer Inszenierung, die man kein zweites Mal sehen will.

Peter Sommeregger, 14. Februar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Carl Maria von Weber: Der Freischütz
Nationaltheater München (Bayerische Staatsoper), 13. Februar 2021“

  1. Bravo, Herr Sommeregger, wie beruhigend , dass es noch normal empfindende Menschen in unserer heutigen Irrenhauswelt gibt. Wüster kann man es mit dem wunderbaren „Freischütz“ nicht treiben. Aber kann man in „barbarischen Zeiten“ (so Prof. Arno Borst) Besseres erwarten?

    Lotterschmid

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