Langes Klassikwelt 8: Moderne Todsünden

Foto: © Dirk Bleicker

Händel, Hasse, Vinci: Ihre Welt scheint so weit weg. Man verlässt den Konzertsaal und tritt ins Heute. Social Media, Globalisierung, Freiheit, Komfort … Nur: Stecken unter all dem nicht immer noch der alte Adam, die alte Eva mit ihren Lastern und Tugenden, Hoffnungen und Ängsten? Man stelle sich Lady Gaga auf einer barocken Opernbühne vor. Das passt erstaunlich gut.

von Gabriele Lange

Wenn’s nervenaufreibend wird oder ich meine Gedanken ordnen muss, höre ich Barockmusik. Und so sitze ich in unserem Hotelzimmer in Venetien und spiele „Mio caro Händel“, ein Album von Simone Kermes. Ihre mühelos in die Höhen schwebende Stimme füllt den Raum, während ich auf dem Handy nach aktuellen Infos zur Verbreitung des Coronavirus suche – und auch, als wir unsere Sachen packen, um vorzeitig heimzukehren. „Langes Klassikwelt 8: Moderne Todsünden,
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Langes Klassikwelt 6: Streaming ist Tinder für Musik

Wir sind so wunderbar flexibel geworden. Wir polieren nicht mehr samstags die Familienkutsche, sondern nutzen Carsharer. Hat sich der Partner verabschiedet, findet sich online bestimmt rasch ein neuer. Und die Regale biegen sich nicht mehr unter Unmengen CDs, denn jede Art von Musik ist per Handy verfügbar. Stressfrei, unverbindlich – und irgendwas fehlt.

von Gabriele Lange

Bei jedem Umzug trennt man sich sinnvollerweise von Dingen, die man nicht mehr braucht. Ich bin in den letzten zwei Jahrzehnten ein paarmal umgezogen. Dennoch: Im Keller lagern immer noch etliche meiner Platten. Und mein Dual-Plattenspieler, den ich schon längst nicht mehr benutze. Ich kann mich nicht davon trennen, obwohl ich nahezu jedes Stück auch über einen Streamingdienst abrufen kann. Ein paar Kartons voll CDs habe ich ebenfalls nicht hergegeben, auch wenn ich beim letzten Wohnungswechsel viele Kisten in den Second-Hand-Shop ums Eck geschleppt habe. Viel haben die dafür nicht mehr bezahlt – im Zeitalter von Spotify, Tidal etc. leeren sich überall die Regale, die früher so viel über die Menschen verrieten. „Langes Klassikwelt 6
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Langes Klassikwelt 5: Von Twitter zu Beethoven – der furchtlose Humanist Igor Levit ist auch ein moderner Musiklehrer

Foto: Igor Levit. © Felix Broede

Twitter hat ja bei manchen das Image einer Krawallbude. Doch wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, wer es nutzt, wie – und wofür. Dann kann es zum Beispiel sein, dass sich plötzlich die Tür zu Beethovens Klavierwerken öffnet. Weil man sich dafür interessiert, was ein kluger Mensch zu sagen hat.

von Gabriele Lange

Liebe zur Musik – die ging bei mir praktisch immer über die menschliche Stimme. Berührte mich die irgendwie, dann beschäftigte ich mit dem ganzen Drumherum. So fand ich über Klaus Nomi zu den Kontratenören, über LeRoy Villanueva zu Monteverdi – und über Thom Yorke, Edith Piaf, Mike Patton, Billie Holiday, Missy Elliott, Louisiana Red oder Lisa Dalbello zu ganz unterschiedlichen Musikstilen. Bei Instrumentalmusik fällt mir der Zugang deutlich schwerer. Das heißt nicht, dass ich es nicht immer wieder ernsthaft versucht hätte. „Langes Klassikwelt 5
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Langes Klassikwelt 4: Nostalgie und Evergreens – Konzert-Events auf Nummer Sicher

Elvis-Imitatoren gab es schon immer. Nun treten Klons von Frank Sinatra, Freddie Mercury, Michael Jackson und den Beatles auf – in den großen Konzerthallen. Und Maria Callas war sogar schon als Hologramm auf der Bühne zu sehen. Begleitet von einem großen Orchester. Was ist da los?

von Gabriele Lange

So ein Silvesterspaziergang kann lehrreich sein. Wenn ich nach den Plakatwänden urteilen kann, sind verstorbene Sänger derzeit eine Hauptattraktion: „That’s life. Das Sinatra Musical“, „Elvis. Das Musical”, “Beat it. Das Musical über den King of Pop”, gleich mehrere Beatles- und Freddie-Mercury-Gedächtnis-Veranstaltungen. Nein ich will nicht wissen, ob der stolze Bärtchenträger vom Plakat die Noten schafft. Freddie ist tot. Ich will keine Kopie sehen. Andere aber offenkundig schon. Dieser Trend schwillt seit ein paar Jahren immer mehr an. Letztes Jahr „trat“ sogar ein Hologramm von Maria Callas in großen Sälen auf. Begleitet von einem realen Orchester. „Langes Klassikwelt 4klassik-begeistert.de“ weiterlesen

Langes Klassikwelt 3 / 2019: Willkommen im Jurassic Park! Die Telekom klont sich einen Beethoven

Künstliche Intelligenz soll Beethovens Unvollendete fertig komponieren. Mit Hilfe einiger menschlicher Experten. Die Telekom will damit ihren Beitrag zur 250-Jahr-Feier leisten. Hybris? Auf jeden Fall regt das Experiment zum Nachdenken an.

von Gabriele Lange

„Die Telekom holt das Genie zurück in unsere Gegenwart und vollendet die Skizzen zu Beethovens letztem Werk!“ Das verspricht die Telekom überaus selbstbewusst per Videoclip. Ein Team aus Experten soll eine Künstliche Intelligenz (KI) soweit füttern und trainieren, bis sie aus Beethovens Skizzen eine mögliche Version der unvollendeten 10. Sinfonie erstellen kann. Die Uraufführung ist zur 250-Jahr-Feier geplant. Mit einem menschlichen Orchester. Damit es eine runde Geburtstags-Party wird, hat die Telekom außerdem Robbie Williams engagiert. „Langes Klassikwelt 3 / 2019
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Langes Klassikwelt 2/2019: Digitalisierung killed the Weihnachtsgeschenk

Der Countdown läuft. Die Hälfte des Adventskalenders ist schon leergefuttert. Langsam wird es ernst. Ich brauche Weihnachtsgeschenke.

von Gabriele Lange

Lange Zeit war das Thema Schenken überhaupt kein Problem – im Gegenteil: Ich hatte Spaß. Es gab da eine Kiste, die sich bereits im Lauf des Jahres füllte. Mit Musik und mit Büchern. Wenn ich irgendetwas hörte, das einem meiner Freunde oder Verwandten gefallen könnte, kaufte ich die Platte, später die CD, auf Vorrat für Weihnachten und Geburtstage. Wenn ich in ein Werk komplett verknallt war, besorgte ich gleich mehrere Scheiben, weil ich die Freude mit lieben Menschen teilen wollte. „Langes Klassikwelt 2/2019
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Langes Klassikwelt 1/2019: Die Liebe zum Barock begann mit einer New-Wave-Nummer auf Bayern 3

Wie kommt man zur klassischen Musik, wenn die Eltern lieber James Last als Beethoven hören und man sich mit Deep Purple und Iggy Pop gegen diese Easy-Listening-Beschallung zur Wehr setzt? Durch einen bayerischen Kontratenor, der in New York mit David Bowie gearbeitet hatte. Und der leider viel zu früh starb.

von Gabriele Lange

Es geschah zu einer Zeit, als es kein ödes Formatradio gab, sondern man auf Bayern 3 noch aufregende Entdeckungen machen konnte: Es ist wohl Ende 1981, eher spät am Abend. Ich bereite gerade irgendwas für den nächsten Tag an der Uni vor. Das Radio läuft im Hintergrund. Da höre ich eine Stimme, die mich sofort fesselt. „What power art thou, who from below hast made me rise unwillingly and slow from beds of everlasting snow …”. Ich drehe rasch lauter – und kann diese hohe Stimme nicht einordnen. Ist das – eine Frau? Nein. Ein Mann?

Extrem langsam, intensiv – und so ein ungewohnter Rhythmus. Ich spüre klirrende Kälte – und tiefe Emotion. Der Sprecher hat den Namen des Sängers wohl vorher schon erwähnt (ja, damals lieferten noch kundige und oft begeisterte Moderatoren interessante Infos zu der Musik, die sie selbst auswählten). Als das kurze Stück zu Ende ist, sagt er etwas anderes an. Und ich bin fast verzweifelt. Ich muss wissen, wer das ist. Und ich muss die Aufnahme haben. „Langes Klassikwelt 1 / 2019
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