Langes Klassikwelt 4: Nostalgie und Evergreens – Konzert-Events auf Nummer Sicher

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Elvis-Imitatoren gab es schon immer. Nun treten Klons von Frank Sinatra, Freddie Mercury, Michael Jackson und den Beatles auf – in den großen Konzerthallen. Und Maria Callas war sogar schon als Hologramm auf der Bühne zu sehen. Begleitet von einem großen Orchester. Was ist da los?

von Gabriele Lange

So ein Silvesterspaziergang kann lehrreich sein. Wenn ich nach den Plakatwänden urteilen kann, sind verstorbene Sänger derzeit eine Hauptattraktion: „That’s life. Das Sinatra Musical“, „Elvis. Das Musical”, “Beat it. Das Musical über den King of Pop”, gleich mehrere Beatles- und Freddie-Mercury-Gedächtnis-Veranstaltungen. Nein ich will nicht wissen, ob der stolze Bärtchenträger vom Plakat die Noten schafft. Freddie ist tot. Ich will keine Kopie sehen. Andere aber offenkundig schon. Dieser Trend schwillt seit ein paar Jahren immer mehr an. Letztes Jahr „trat“ sogar ein Hologramm von Maria Callas in großen Sälen auf. Begleitet von einem realen Orchester.

Bewährtes und alte Helden

„Saturday Night Fever“, „Flashdance, das Musical”, “Bodyguard, das Musical”, “Wahnsinn. Das Musical mit den Hits von Wolfgang Petry“. Wenn man einmal auf diese Art der Werbung achtet, landet man in einer Vorhölle der Nostalgie. Im Bayerischen Hof in München sang man jüngst die Italo-Pop-Hits der Nachkriegszeit. Wir bekamen Karten geschenkt, waren neugierig und sahen uns das an. Inszenierung und Texte des „Musicals“ irgendwo zwischen Ohnsorg- und Schülertheater. Die Scherze hätten gut zu einer Rheumadecken-Verkaufsveranstaltung gepasst. Das Publikum auch. Die Arrangements versimpelten die teilweise aufwendig komponierten Songs auf Marschtakt-Mitklatschformat. Die Sänger taten mir leid – sie hatten zum Teil großartige Stimmen und hohe Professionalität und hätten viel mehr zeigen können. Aber ich verstand, warum sie das machten. Schließlich müssen auch Journalisten ihren Lebensunterhalt verdienen – nur wenige können sich den Luxus leisten, ausschließlich über die Themen zu schreiben, auf die sie Lust haben. Das Publikum jedenfalls war glücklich.

Nicht nur Kopien füllen die Säle – auch die alten Recken ziehen wieder los. Zwar hat Tina Turner wohl wirklich das allerallerallerletzte Abschiedskonzert gegeben, aber Clapton und Westernhagen gehen wieder auf Tour. Carlos Santana auch. Achso – und nach dem Revival der Kelly Family kommt jetzt noch mal Angelo samt Anhang.

Die gute alte Zeit

Die gute alte Zeit ist für jede Generation eine andere. Mich erinnern diese Nostalgieveranstaltungen an die Ü30-, Ü40-, Ü-Irgendwas-Partys, die ich vor vielen Jahren ausprobiert und rasch ad acta gelegt habe. Denn nichts demonstriert Vergänglichkeit so brutal wie ein Bifokalbrillenträger, der in Bundfaltenhose und Buttondown-Hemd bei „I can’t get no Satisfaction“ mitgrölt, eine mollige Mittfünfzigerin im Nina-Hagen-Gedächtnisoutfit, die bei „Anarchy in the UK“ doch lieber an der Bar bleibt, und ein Drüberkämmer, der versucht, zu Judas Priest zu bangen, aber den Nackenwirbeln zuliebe zügig aufgibt.

Ja, das ist fies. Aber ich darf das. Ich habe eine Gleitsichtbrille, führe meinen eigenen Kampf gegen Pfunde und knirschende Gelenke – und schlummere meist längst friedlich, wenn draußen irgendwo der Bär tobt.

Aber gucken wir doch mal genauer hin: Was hat es mit dieser Nostalgiewelle auf sich?

Entwickelt sich der Musikgeschmack nicht fort?

Psychologen haben herausgefunden, dass sich der Musikgeschmack in der Pubertät herauskristallisiert und mit Anfang 20 verfestigt. Nach einer internationalen Studie im Auftrag des Streamingdienstes Deezer hören Menschen ab einem gewissen Alter auf, neue Musik zu entdecken. Die Deutschen etwa erreichen den Höhepunkt ihres musikalischen Interesses im Schnitt mit 27 Jahren, ungefähr ab dem 31. Jahr passiert dann nicht mehr viel.

Dann mag man im Allgemeinen, was man mochte – und die Fähigkeit, neue Stile und andere musikalische Nuancen zu erschließen, lässt massiv nach. Dagegen steigt das Interesse an Oldies und Evergreens mit dem Alter rasant an – bis auf mehr als 50 Prozent bei den über 60-jährigen.

Intensiv erlebte Jahre prägen stärker

Pubertät und frühes Erwachsenenalter – in diesen Jahren haben wir unsere intensivsten Erlebnisse: Flirten, Tanzen, erste Liebe, Liebeskummer, Ausbildung, Einstieg in den Beruf, Kinder – diese Gefühle, diese Erlebnisse verknüpfen wir mit Musik. Das lief damals immer am See, zu dem Song haben wir gelacht, getanzt, geweint …, „unser Lied“! Naja, und wer eine Familie gründet und mitten im Beruf steckt, hat immer weniger Zeit, sich mit neuer Musik zu beschäftigen.

Wir werden alt …

Die Haare fallen aus, wir werden schlapper, faltiger, die Kräfte werden geringer, der Bauch wächst, die Zipperlein nehmen zu. Und dann hört man die Musik, zu der man jung war. Stark. Damals war die Welt noch voller aufregender Abenteuer. Es ist schön, dieses gute Gefühl wiederzubeleben.

Doch es scheint mir, also ob in den letzten Jahren die Nostalgieveranstaltungen zugenommen hätten.

Zum einen hat sich wohl der Markt verändert. Ältere Menschen geben sich nicht mehr mit Kaffee, Kuchen und ab und zu einem Kegelabend zufrieden. Sie wollen ausgehen. Was erleben! Und viele können sich das leisten. Also schneidern clevere Veranstalter die passenden Events für diese Zielgruppen zurecht.

… und die Welt wird komplizierter

Zum anderen hat die Unsicherheit zugenommen. Die Welt ist komplizierter geworden und sie verändert sich in rasantem Tempo weiter. Viele verstehen kaum noch die Technik, die unser Leben bestimmt. Im Job haben schon wieder irgendwelche Optimierer alles auf den Kopf gestellt, wer weiß, ob ich mir in meinem Alter noch mal eine neue Stelle suchen muss. Was wird aus meiner Rente? Klimawandel, internationale Krisen, wer weiß, wann der nächste Börsencrash kommt. Sorgen, Ängste …  Vertrautes tröstet, gibt ein Gefühl von Stabilität, von Sicherheit. Um den alten Manufactum-Slogan zu klauen: „Es gibt sie noch, die guten Dinge“.

Im Radio wurden solche Bedürfnisse schon immer bedient: Wer im Auto etwa an Bayern 3 geriet, bekam seit Jahrzehnten den Eindruck, dass Musik einfach mindestens zwei Jahrzehnte alt werden muss. Schon wird aus einstmaligem Revoluzzersound gut abgehangene Unterhaltung für die reiferen Jahrgänge.

Was zählt ist der „Event“

Tja – und manchmal geht es wohl einfach weniger um die Musik selbst als um den „Event“. Man zieht sich fein an, trinkt in der Pause ein Sektchen und hört Stücke, die halbwegs vertraut beziehungsweise nicht besonders anstrengend sind. Zauberflöte, leicht gekürzt. Best of Verdi. Die schönsten Arien von Puccini. X singt Hits aus den berühmtesten Musicals. Der Abend wird schon dadurch geadelt, weil er zum Beispiel im Münchner Gasteig oder in der Elbphilharmonie stattfindet. Kommt noch ein bekannter Name dazu, kann man sicher am nächsten Tag was erzählen. Ob der- oder diejenige wirklich noch bei Stimme ist? Gar nicht so wichtig. Und ein Hologramm der Diva aller Diven? Von der Callas hat doch jeder schon mal gehört. Und dann noch so lebensecht! Da werden alle staunen.

Glück und Neugier

Lieblingsmusik macht glücklich. Es gibt sogar medizinische Forschung dazu: Die Ausschüttung von Stresshormonen reduziert sich, dafür gibt’s mehr Endorphine in der Blutbahn. Was soll man gegen Glück und Gesundheit einwenden? Eine Cousine schickte mir vor kurzem ein Video meiner 86jährigen Lieblingstante, die zum Rock’n‘Roll des sechs Jahre jüngeren Peter Kraus groovte.

Diese Tante hatte ich allerdings letztes Jahr auch auf einen Händel-Abend geschleppt. Mit dieser Musik hatte sie bislang nichts am Hut. Aber sie hörte zu – und fand es toll. Sie ist nämlich nicht bloß nostalgisch – sie hat sich ihre Neugier bewahrt.

Was ist denn überhaupt „alt“? Für mich bedeutet das: Man glaubt, schon alles Erforderliche zu wissen, die Standpunkte sind einbetoniert, man lernt nicht mehr dazu. Jung sein heißt für mich: neugierig auf die Welt zu sein. Es gibt immer noch jede Menge spannende Musik zu entdecken. Neue. Und alte.

Klassische Musik habe ich erst jenseits des 30. Lebensjahres schätzen und schließlich lieben gelernt. Zu vielem fehlt mir aber weiter der Zugang. Vielleicht öffnet sich in den nächsten Jahren die eine oder andere Tür. Ich bin jedenfalls gespannt, was es zu entdecken gibt.

Mit dem „Besten aus den 70ern, 80ern und 90ern“ könnt ihr mir gestohlen bleiben.

Außer ich muss gerade dringend bei „Azzurro“ mitsingen.

Gabriele Lange, 7. Januar 2019, für
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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de.

 

 

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