Langes Klassikwelt 5: Von Twitter zu Beethoven – der furchtlose Humanist Igor Levit ist auch ein moderner Musiklehrer

Langes Klassikwelt 5  klassik-begeistert.de

Foto: Igor Levit. © Felix Broede

Twitter hat ja bei manchen das Image einer Krawallbude. Doch wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, wer es nutzt, wie – und wofür. Dann kann es zum Beispiel sein, dass sich plötzlich die Tür zu Beethovens Klavierwerken öffnet. Weil man sich dafür interessiert, was ein kluger Mensch zu sagen hat.

von Gabriele Lange

Liebe zur Musik – die ging bei mir praktisch immer über die menschliche Stimme. Berührte mich die irgendwie, dann beschäftigte ich mit dem ganzen Drumherum. So fand ich über Klaus Nomi zu den Kontratenören, über LeRoy Villanueva zu Monteverdi – und über Thom Yorke, Edith Piaf, Mike Patton, Billie Holiday, Missy Elliott, Louisiana Red oder Lisa Dalbello zu ganz unterschiedlichen Musikstilen. Bei Instrumentalmusik fällt mir der Zugang deutlich schwerer. Das heißt nicht, dass ich es nicht immer wieder ernsthaft versucht hätte.

Das Klavier-Konvolut

Solche Projekte packe ich meinem Naturell entsprechend systematisch an. Als etwa 2004 die Süddeutsche Zeitung die aus 20 CDs bestehende „Edition Klavier Kaiser“ herausbrachte, dachte ich auf gut bayrisch: „Gemmas an. Wenn der Joachim Kaiser sagt, das ist das Beste vom Besten, dann wird das bestimmt schön.“ Und dann hörte ich das Konvolut tapfer durch. Nicht nur einmal.

Vielleicht war es der falsche Zeitpunkt im Leben oder das Ganze hatte zu sehr den Charakter einer Pflichtübung. Es funktionierte jedenfalls ähnlich prima wie ein Blind Date mit jemandem, von dem alle sagen: „Den musst du kennenlernen!“ Man denkt eigentlich nach den ersten zwei Minuten: Liebe wird das nicht. Und hält höflich noch eine Weile durch. Nach dem Klavier-Overkill hatte ich jedenfalls erst mal genug.

Kein Verständnis für Beethoven: Die Peanuts – und Schroeder am Piano

Zu Beethoven hatte ich den rechten Zugang auch noch nicht gefunden. Obwohl ich durchaus wollte – spätestens seit ich Kubricks Clockwork Orange gesehen hatte. Ich kannte die Stücke, die man als gebildeter Mensch zu kennen hatte, probierte es auch mit Konzerten – aber ob es nun an der miesen Akustik im Gasteig lag oder an was auch immer: Der Funke sprang nicht so recht über.

Ein engagierter Mann mit Anstand

Von Igor Levit hörte ich das erste Mal, als er seinen Klassik-Echo aus Protest gegen die Auszeichnung zweier Rapper zurückgab, die ihr überaus bescheidenes Talent durch bösartige und antisemitische Texte auszugleichen versuchten – mit großem kommerziellem Erfolg. Seine Begründung war eloquent, seine Haltung klar. Ab und zu las ich irgendwo ein Gespräch mit ihm. Der Mann hat ein ziemlich gut entwickeltes Selbstwertgefühl, nimmt sich selbst dennoch nicht allzu ernst – und ist definitiv kein One-Trick-Pony. Der ist wach, vielseitig gebildet, lässt sich nicht bange machen. Der interessiert mich. Irgendwann stelle ich fest: Der ist als @igorpianist auf Twitter. Sogar sehr aktiv. Ok, dem folge ich.

Übrigens: die Welt ist ein wundervoller Ort, voller wundervollster Menschen, die ans Für- und Miteinander glauben. Sie ist es wert, dass man sie liebt, für sie kämpft, sie schützt, sie teilt und nur ihre allerdunkelsten Ecken für Rechtsradikale, Nazis und Menschenhasser freihält.“

Igor Levit, 30.12.2019, Twitter

Igor Levit bringt sich furchtlos in aktuelle Diskussionen ein. Doch er postet nicht nur eindrucksvolle Statements, er bringt auch immer wieder kleine Videoclips, in denen er das eine oder andere Stück spielt. Das kann herrlich albern sein – etwa wenn er unter einer dunklen Kapuze den Imperial March aus Star Wars auf der Melodica anstimmt. Oder sehr ernst. Als er Anfang Januar für seinen Einsatz gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus vom Internationalen Auschwitz-Komitee geehrt wird, spielt er die „Moorsoldaten“ – ein Lied, das 1933 von KZ-Häftlingen geschaffen wurde.

„Igor Levit wird zornig, wenn Musikstudenten ihn fragen, was für einen Mehrwert das bringt mit diesen sozialen Medien.“

Evelyn Roll, Süddeutsche Zeitung, 1.2.2017

Und dann gibt es noch die kurzen Clips, in denen Levit einfach seine Kunst zeigt. Man sieht seine Hände, die Tasten, hört zu. Da spielt er dann zum Beispiel Nat King Coles „Nature Boy“ an. Aber vor allem … Beethoven. Da plättet er den Zuschauer mal eben mit unfassbarer Virtuosität und Leidenschaft – oder öffnet das Herz mit der Mondscheinsonate.

Der sitzt nicht gemütlich im Elfenbeinturm

Zugleich wächst mein Respekt. Igor Levit könnte einfach die Früchte seines Erfolgs ernten. Er könnte es sich bequem machen. Tut er nicht. Kurz nach dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle spielt er zum Abschluss einer Kundgebung gegen Antisemitismus und rechte Gewalt. Das Geld, das er mit dem Internationalen Beethovenpreis erhält, spendet er einer Organisation, die sich für die Opfer von Hass und Hetze einsetzt. Mit seinem Engagement löst er Diskussionen aus, die von seiner Kunst ablenken. Und er macht sich Feinde. Mitte November droht man, ihn bei einem Konzert zu ermorden. Er spielt. Ende Dezember schreibt er einen klugen Gastbeitrag für den Tagesspiegel und zitiert die einzigartige Nina Simone: „An artist’s duty is to reflect the times“. Er bezieht sich auf Beethoven: „Wohltun wo man kann, Freiheit über alles lieben, Wahrheit nie – auch sogar am Thron nicht – verleugnen.“ Und er beschreibt, wie sich seine Interpretation durch seine Erfahrungen ändert. Er schlägt die Brücke vom Leben, vom Engagement zur Musik.

Übers Hirn ins Herz

Es funktioniert ja oft so: Man verbindet Ereignisse oder Gefühle mit Musik, die man zu einem bestimmten Zeitpunkt hörte. Das schafft Verbindungen in der Seele. Bei mir funktioniert offenbar auch der Weg über die intellektuelle Ebene. Ich fand und finde überzeugend, was der Mann sagt, wie er sich ausdrückt, wie er denkt, wie er sich engagiert. Also gucke ich mir den einen oder anderen Clip an. Und will bald mehr.

Eine volle Ladung Beethoven

Praktischerweise hat dieser Wahnsinnige eine Einspielung aller 32 Klaviersonaten Beethovens veröffentlicht. Diesmal nähere ich mich der Musik mit einer ganz anderen Einstellung als beim Kaiser-Konvolut. Jetzt ist das keine Pflichtübung. Ich habe richtig Lust drauf. Das eine Stück erschließt sich leichter als das andere. Aber jetzt geht’s mir so wie bei Monteverdis Ulisse. Ok, das ist irgendwie unzugänglich, aber ich probiere es einfach nochmal. Die Motivation: Wenn ein großartiger Mensch und Musiker sich so intensiv mit Beethoven beschäftigt, dann habe ich sehr wahrscheinlich bisher was versäumt.

Irgendwann beginne ich, die menschliche Stimme im Instrument zu hören. Als ich dann von dem Projekt der Telekom höre, per KI das letzte Werk des Komponisten zu „vollenden“, habe ich jede Menge Stoff zum Nachdenken.

Es klingt prosaisch, aber die Lebenserfahrung lehrt: Die Basis der Liebe ist Kommunikation. Da kommt mir der Podcast von BR Klassik gerade recht: Zusammen mit seinem Freund Anselm Cybinski wird Levit in 32 Folgen über Beethovens Klaviersonaten sprechen. Die ersten vier Teile habe ich an einem Vormittag gehört. Ich werde sie alle nochmal hören. Einen besseren Musikunterricht habe ich nie bekommen. Ganz eindeutig habe ich viele Jahrzehnte lang was Wichtiges verpasst. Ich kann die nächsten Folgen kaum abwarten. Es gibt viel zu lernen.

Nachsatz: Schläft der Kerl irgendwann auch mal?

Gegen richtig gute Rapper hat Levit übrigens nichts. Er hat gerade getwittert, dass Eminem neue Musik rausgebracht hat.

Verdammt. Jede Menge Konzerte weltweit mit unterschiedlichster, anspruchsvoller Musik. Eine Professur an der Musikhochschule in Hannover. Politisches Engagement. Kluge Texte, Interviews und Podcasts. Empfiehlt laufend spannende Bücher. Schafft es irgendwie, zwischendurch Ernstes – und tiefenentspannt Unsinn – zu posten. Und dann hört er bereits „Music to be murdered by“, bevor ich über irgendein anderes Medium mitkriege, dass Marshall Mathers sein elftes Album veröffentlicht hat.

Also – ich bewundere Igor Levit. Aber es wäre nett, wenn er uns Normal-Sterblichen einen Rest Selbstwertgefühl ließe.

Gabriele Lange, 20. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de

Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
Langes Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.

Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.
Lieses Klassikwelt (c) erscheint jeden Freitag.
Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.
Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.