Langes Klassikwelt 2/2019: Digitalisierung killed the Weihnachtsgeschenk

Langes Klassikwelt 2/2019  klassik-begeistert.de

Der Countdown läuft. Die Hälfte des Adventskalenders ist schon leergefuttert. Langsam wird es ernst. Ich brauche Weihnachtsgeschenke.

von Gabriele Lange

Lange Zeit war das Thema Schenken überhaupt kein Problem – im Gegenteil: Ich hatte Spaß. Es gab da eine Kiste, die sich bereits im Lauf des Jahres füllte. Mit Musik und mit Büchern. Wenn ich irgendetwas hörte, das einem meiner Freunde oder Verwandten gefallen könnte, kaufte ich die Platte, später die CD, auf Vorrat für Weihnachten und Geburtstage. Wenn ich in ein Werk komplett verknallt war, besorgte ich gleich mehrere Scheiben, weil ich die Freude mit lieben Menschen teilen wollte.

Der Spion vorm Wohnzimmerregal

Bei neueren Bekanntschaften war es ziemlich einfach, rauszufinden was passen könnte. Spätestens, wenn der- oder diejenige in die Küche oder zur Toilette verschwand, stand ich vor Plattenregal und Bücherschrank. Das war in vielerlei Hinsicht aufschlussreich. Bach und Hermann Hesse? Comedian Harmonists und Erich Kästner? Arnold Schönberg und Thomas Mann? Frank Zappa und Herbert Marcuse? Für Gesprächsstoff war danach gesorgt, und ich hatte einen ganz guten Eindruck, mit wem ich es zu tun hatte. Falls ich Wildecker Herzbuben, Modern Talking und Scooter sowie Heinz G. Konsalik oder Esther Vilar fand, war klar: Da gibt es größere Kompatibilitätsprobleme.

Bequem. Günstig. Und anonym.

Diese hilfreichen Regale werden immer seltener – vor allem, aber nicht nur bei den Jüngeren. Denn immer mehr Menschen streamen Musik und lesen Bücher auf dem E-Reader oder dem Handy. Ja, ich gebe es zu – ich auch. Es ist so wunderbar komfortabel. Ich schleppe meine Lektüre nicht mehr in der Handtasche oder (viele Kilos schwer) im Koffer mit. Und wenn ich Lust auf ein bestimmtes Musikstück habe: Ein paar Klicks und es erfüllt den Raum (oder meine Kopfhörer) – egal, wo ich mich gerade befinde. Ich kann die ganze Welt in eine kleine Wohnung holen. Jederzeit.

Bloß: Da habe ich also zum Beispiel kürzlich Jakub Józef Orliński für mich entdeckt und würde gern eine Freundin beschenken, die ich im letzten Jahr auf Kontratenöre gebracht habe. Früher hätte eine CD in der Kiste auf Weihnachten gewartet. Aber: Sie streamt. Sie hat eine Musik-Flatrate. Wie ich. Super. Ich brauche ihr nur den Tipp zu geben, schon kann sie „Anima Sacra“ genießen. Ist per WhatsApp sofort erledigt. Kostet nix extra. Irgendwie Unsinn, mit der Empfehlung bis Weihnachten zu warten. Eine rote Schleife kann ich ohnehin nicht drumrum wickeln.

Video killed the radio star

They took the credit for your second symphony
Rewritten by machine on new technology
And now I understand the problems you can see

Aua, aua
I met your children
Aua, aua
What did you tell them?

Video killed the radio star
(The Buggles, 1979)

Ach ja – Musiktipps

Diesen Job versuchen uns jetzt die Algorithmen abzunehmen. Und die machen das nicht mal schlecht. Das merkt jeder, der zum Beispiel in Spotify einsteigt, einige Zeit seine Lieblingsmusik hört – und dann die Playlists durchprobiert, die Interpreten und Stücke vorstellen, die sich an seinen Hörgewohnheiten orientieren. Ich habe auf diesem Weg viele spannende Entdeckungen gemacht. Die künstliche Intelligenz bekam mit, dass ich einen ziemlich bunten Musikgeschmack habe und stöberte für mich manche bisher unentdeckte Perle auf.

Eigentlich war sowas mal meine Aufgabe. Ungezählte Stunden verbrachte ich vor meiner Anlage und stellte liebevoll Mixtapes für Freunde zusammen. Motto: Kennst du noch nicht, könnte dir gefallen, solltest du kennenlernen, guck mal – eine ganz neue Musikwelt! Solche Kompilationen verschenkte ich an besondere Menschen – und freute mich wie ein Pudel übers Leckerli, wenn sich jemand die gleiche Mühe für mich machte. Die Kunst starb langsam aus, als der Kopierschutz bei CDs Hackerfertigkeiten nötig machte und schließlich neuverkaufte Rechner immer seltener mit CD- oder DVD-Brenner ausgestattet wurden.

Un-sinnlich.

Alles ist nun immateriell. Kein Kampf mit dem Paketband, kein knisterndes Papier, keine Überraschung, wenn man das Cover sieht. Alles ist jederzeit verfügbar. Welchen Wert hat das dann noch? Und wie präsent bleibt es? Heute in der Playlist, morgen schon gibt es neue Vorschläge. Elektronische Bücher öffnen sich nicht fast von selbst an der Lieblingsstelle. In meinem Kindle schlummern noch etliche Anschaffungen, die (nee, jetzt erst mal das…) irgendwie nach hinten und aus dem Bewusstsein gerutscht sind.

Alles so schön bunt hier!

Der nächste Titel, die nächste Netflix-Serie. Welche war noch mal die mit dem US-Mafioso, den es nach Norwegen verschlagen hat und der da seinen eigenen liebenswerten Mini-Mob aufbaut? Souffleur aus der Küche: „Lilyhammer!“ Genau. Ist irgendwo zwischen Better Call Saul, Good Omens und Peaky Blinders in Vergessenheit geraten. Alles übrigens großartig. Und schon wieder 50 Titel auf der Warteliste.

Jeder hat jederzeit Zugriff auf (fast) alles. Toll. Aber ich habe keine Ahnung, was der oder die in letzter Zeit so runtergeladen und gestreamt hat und was sich bei denen alles unter „das höre / lese / gucke ich später“ staut.

OK, wo waren wir? Weihnachten. Mist.

Was leg ich nun untern Baum? So richtig zum Auspacken? Pullover stricke ich nicht mehr, seit ich keine öden Pflichtvorlesungen mehr mit sinnvoller Aktivität füllen muss. Ich koche keine Marmelade ein. Ich finde verzierte Flaschen mit selbstgemachtem Estragonessig doof, weil der Inhalt meist schlechter schmeckt als der pure Stoff und ich Gewürze lieber selbst gezielt dosiere. Und Krawatten werden in meinem Umfeld eher selten benötigt.

Mal gucken, was das Internet an Geschenken für den anspruchsvollen Musikfreund bereithält. Einen gerahmten Druck mit den Schallwellen des Lieblingssongs. Farben frei wählbar, etwa Kupfer auf Blau. Fällt in die Kategorie Nippes, den der arme Beschenkte immer zum Besuch wieder rauskramen muss, so wie ich die Porzellanfigur von der lieben Tante mit dem Sinn für Dekoratives. Socken mit dem Konterfei von Mozart. Hmm. Kenne ich jemanden, der sowas trägt? Ein Armband aus recycelten Gitarrensaiten? Warum nicht gleich einen Taubenverscheucher aus CDs für den Balkon?

https://www.youtube.com/watch?v=MpEYKv6mGNI

Opa Hoppenstedt war ganz leicht glücklich zu machen: mit Marschmusik!

Konzertkarten. Prima Idee.

Wenn man sich sehr sicher ist. Das haut bei meinem Mann super hin, weil der glücklich bei Händel die Augen schließt, aber auch bei der japanischen Girlgroup Baby Metal vergnügt mithüpft. Wenn ich mich allerdings daran erinnere, wie ich mal eine liebe Freundin mit einer Karte für die bayerische World-Volksmusik-Gruppe La Brass Banda beglückte – und diese unerwartet kurz vorm Konzert in eine Phase startete, in der sie Techno-Rhythmik mit voll aufgedrehten Lemmy-Kilmister-Verstärkern kombinierte… War nicht so ihr Ding. Und wie oft stand ich schon vor einem Saal und versuchte Karten zu verkaufen, weil ein Beschenkter einen anderen Termin, Schnupfen oder keine Lust hatte…?

56 Prozent der Deutschen schenken Gutscheine.

Das hat gerade eine Umfrage im Auftrag der Unternehmensberatung Ernst & Young ergeben. Irgendwie kein Wunder. Und echt traurig. Denn wenn ich darüber grüble, was ich jemandem schenke, denke ich über diesen Menschen nach. Darüber, was der (nicht) mag, was ihn freut, wer sie oder er ist. Irgendwie wissen wir auch immer weniger übereinander. Jeder ist in seiner ganz eigenen elektronischen Welt verbuddelt. Per Instagram erfährt mancher mehr über seine Kinder als beim Abendessen.

Gutscheine. Krieg ich inzwischen auch schon von wirklich lieben Menschen, die alle in derselben Klemme gefangen sind. Wenn wir die alle in verschiedenfarbige Umschläge packen, sieht das ja unter der Tanne wieder ganz nett aus. Es gibt wenig Verpackungsmüll, nix umzutauschen – und wenn es einigermaßen gerecht zugeht, ist Weihnachten am Ende nahezu kostenneutral. Nun lasst uns froh und munter sein!

Allerdings – ich kenne eine junge Frau, die gern Bücher liest. Welche zum Anfassen. Aus einem richtigen Buchladen. Mal überlegen…

Gabriele Lange, 10. Dezember 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt.1971 fand sie als Zauberflöten-Begleitung der Oma zwar den Papageno nett, die Königin der Nacht aber eher strapaziös. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Shakespeare hat sie dagegen sofort beeindruckt. Und dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr ein. Sie startete dann erst mal ein Studium der Geschichte und politischen Wissenschaften. Die Magisterarbeit über die soziale Propaganda im Unterhaltungsspielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu unterbrechen, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Bei der Rocky Horror Picture Show störte sich dagegen niemand an ihrem bescheidenen Gesangstalent. Die nächste berufliche Station war die Computerpresse. Da erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets intensiv mit. Als Textchefin beschäftigte sie sich in diesen Jahren damit, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die PC-Magazine erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen darauf ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also reichlich gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Online-Kurs für Lehrer zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur klassischen Musik ist über die Jahre gewachsen, die Beziehung entwickelt sich stetig fort. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, auf Blues-Abenden, bei einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.