Reines Klangfarbenspiel garantiert noch keinen Erfolg

Sir George Benjamin © Matthew Lloyd

Es gibt Abende, da macht man als Musiker alles richtig und trotzdem misslingen sie. Ob mangelhafte Einzelleistungen, schwierige Werkauswahl, Missstimmung mit dem Dirigenten oder (besonders hier in Köln) ein rüpelhaftes Publikum; im Konzertsaal kann Vieles schiefgehen. Natürlich hofft man als Rezensent darauf, nicht über solche Fehltritte schreiben zu müssen – auch den Musikern zuliebe. An manchen Abenden häufen sich jedoch die Probleme. So auch diesen Sonntag in der Kölner Philharmonie.

Junge Deutsche Philharmonie
Sir George Benjamin, Dirigent

Bomsori Kim, Violine

Richard Strauss – Tod und Verklärung op. 24 TrV 158 – Tondichtung für großes Orchester, 1889
Karol Szymanowski – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 op. 35, 1916
Sir George Benjamin – Concerto for Orchestra, 2021
Claude Debussy – La Mer, L 109 – drei sinfonische Skizzen für Orchester, 1905

Zugabe:
Grażyna Bacewicz – Polish Caprice, 1949

Kölner Philharmonie, 22. März 2026

von Daniel Janz

Die erste Hälfte erklingt voller Unausgewogenheiten

Tod und Verklärung“ von Richard Strauss stellt eigentlich ein Repertoirestück dar. Vielleicht bleibt die heutige Aufführung auch deshalb so negativ in Erinnerung. Denn Sir George Benjamins (66) Interpretation fällt sehr unausgewogen aus. Fast keines seiner gewählten Tempi wird dem Programm dieser Tondichtung gerecht: Der vor sich hinsiechende Todkranke wird hastig, fast hektisch die Streicher runtergejapst, der erste Krankheitsschub bleibt dermaßen lahm und undramatisch, dass selbst die volle Lautstärke der Bläser das nicht retten kann und den Übergang von Leben und Tod lässt Benjamin so schnell runtertrotten, dass sich keine Stimmung entfalten will. „Bomsori Kim, Junge Deutsche Philharmonie, Sir George Benjamin
Kölner Philharmonie, 22. März 2026“
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Bruce Liu und das CBSO lassen Tschaikowski aufblühen

Kazuki Yamada conducting the City of Birmingham Symphony Orchestra © Andrew Fox

Ein sehr gutes Meisterkonzert unter Leitung von Kazuki Yamada in Köln. Dennoch fehlt etwas Magie.

William Walton (1902-1983)Orb and Sceptre. Coronation March

Pjotr Tschaikowski (1840-1893) –
Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23

Modest Mussorgsky (1839-1881) – Bilder einer Ausstellung (Orchesterfassung von Maurice Ravel)

Bruce Liu, Klavier
City of Birmingham Symphony Orchestra

Kazuki Yamada, Dirigent

Kölner Philharmonie, 9. März 2026

von Brian Cooper

Im Vorfeld dieses Meisterkonzerts stellte die Westdeutsche Konzertdirektion (WDK) ihre neue Saison vor. Auch die KölnMusik wird kommende Woche die Philharmonie-Saison 2026/27 präsentieren und ist damit zwei Monate früher dran als sonst. Aficionados der guten Musik, der feinen Klassik, werden also bald ihre – welch altmodische Redensart! – Kalender zücken. „CBSO, Kazuki Yamada, Bruce Liu, Klavier
Kölner Philharmonie, 9. März 2026“
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Die Gebrüder Jussen in Köln: „Im Anfang war der Rhythmus“

Lucas und Arthur Jussen © Marco Borggreve

Die Gebrüder Jussen gastieren zum Auftakt ihrer Tournee mit zwei Schlagzeugern in Köln.

 Kölner Philharmonie, 9. März 2026

Duke Ellington (1899-1974) – Brasilliance (arr.: Oran Eldor)
Steve Reich (*1936) – Fast (aus: Quartet)
Paul Lansky (*1944) – Sechs Sätze aus Textures
Maurice Ravel (1875-1937) – La valse. Fassung für zwei Klaviere
Alexej Gerassimez (*1987) – Beyond Stickability (Uraufführung)
Leonard Bernstein (1918-1990) – Symphonic Dances from West Side Story (arr.: Peter Sadlo)
John Adams (*1947) – Short Ride in a Fast Machine (arr.: Alexej Gerassimez)

Lucas & Arthur Jussen, Klavier
Alexej Gerassimez, Percussion
Emil Kuyumcuyan, Percussion

von Brian Cooper

Der Schreiber dieser Zeilen neigt nicht zum Aberglauben, aber mit den Gebrüdern Jussen war’s bislang schon ein wenig verhext. Grippe, COVID, Krankheit: Immer, wenn ich eine Karte hatte, kam etwas Unangenehmes dazwischen.

Endlich hat es im März 2026 geklappt, Lucas und Arthur Jussen zum ersten Mal live zu erleben. Und sie sind in Begleitung zweier Perkussionisten, Alexej Gerassimez, dessen Name mir etwas sagte, und Emil Kuyumcuyan, den ich noch nicht kannte. „Lucas & Arthur Jussen, Alexej Gerassimez, Emil Kuyumcuyan
Kölner Philharmonie, 9. März 2026“
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Köln ist's, wenn’s mitten im Konzert ringt, bimmelt und vibriert!

Haupteingang der Kölner Philharmonie mit Kölner Dom © KölnMusik/Guido Erbring

Mit „galaktischer“ Musik lädt das Gürzenich-Orchester Köln in die Kölner Philharmonie. Das Programm: eine bunte Mischung aus Musik des
20. Jahrhunderts. Dass aber Vieles nicht nach Plan laufen wird, macht schon vor Konzertbeginn die Nachricht deutlich, derzufolge der eigentlich vorgesehene Dirigent Harry Ogg ausfällt. Ist es da Glück im Unglück, dass mit dem Franzosen Ludovic Morlot (52) ein Ersatz gefunden wurde, der immerhin keine Programmänderungen nötig macht?

Gürzenich-Orchester Köln
Frauenchor der Hochschule für Musik und Tanz Köln

Philipp Ahmann, Einstudierung
Ludovic Morlot, Dirigent (in Vertretung für Harry Ogg)

Renaud Capuçon, Solist

Thomas Adès – Three-piece Suite from Powder Her Face (Suite No. 1) für großes Orchester
Samuel Barber – Konzert für Violine und Orchester op. 14
Gustav Holst – „Die Planeten“ – Suite für großes Orchester op. 32

Zugabe:
Richard Strauss – Daphne-Etude, TrV 272b

Kölner Philharmonie, 7. März 2026

von Daniel Janz

Manche Musik fängt den Zeitgeist erschreckend genau ein

Das erste Werk hätte man jedenfalls getrost austauschen können. Thomas Adès’ „Three-piece Suite“ Nr. 1 ist so unstetig wie wirr. Ihre Form verweigert konsequent jegliche Wiedererkennbarkeit. Die „Musik“ quakt und grunzt wie ein vor sich hintorkelnder Betrunkener daher. Kaum stellt sich ein Eindruck ein, löst ein neuer ihn ab. Als würde einen beim Scrollen am Handy alle paar Sekunden ein Pop-Up belästigen, meint die Sitznachbarin des Rezensenten. Ob das Publikum deshalb nach dem ersten Satzes klatscht, als wäre die Suite zuende? Immerhin stellt sich in Satz 2 durch hibbelige Schlagzeugeffekte so etwas wie ein wiedererkennbarer Rhythmus ein. „Gürzenich-Orchester Köln, Renaud Capuçon, Solist
Kölner Philharmonie, 7. März 2026“
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Diese Weltensinfonie begeistert und wird noch sehr lange Zeit nachhallen

Riccardo Minasi © Drew Gardner

Schon zwischen den Sätzen hatte es mehrmals Applaus gegeben. Aber nach dem letzten Ton hält es niemanden mehr im Sitz. Einen komplett ausverkauften Saal mit stehenden Ovationen hatte man in Köln länger nicht mehr jubeln hören. Richtig magisch! Und verdient haben die Musiker es allemal.

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 3 d-Moll (1895–96, rev. 1899)
Riccardo Minasi, Dirigent
Mahler Chamber Orchester

Marianne Crebassa, Mezzosopran

Knabenchor der CHORAKADEMIE am Konzerthaus Dortmund
Jugendmädchenchor der CHORAKADEMIE am Konzerthaus Dortmund
Frauenstimmen des Jugendkonzertchors der CHORAKADEMIE am Konzerthaus Dortmund
Frauenkonzertchor der CHORAKADEMIE am Konzerthaus Dortmund
MCO Academy

Kölner Philharmonie, 8. Februar 2026

von Daniel Janz

Wer, wenn nicht das Mahler Chamber Orchestra sollte es schaffen, eine der beeindruckendsten und längsten Sinfonien der Welt aufzuführen? Zumal sie von Namensgeber für dieses Orchester selber stammt? Immer wieder wird Mahler zu seiner dritten Sinfonie zitiert, er habe eine ganze Welt in dieser Musik erschaffen wollen. Dass diese Welt aber auch musikalisch greifbar wird, braucht Spitzenkräfte, die sowohl Ausdauer als auch überragende Technik am Instrument besitzen müssen. „Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3 d-Moll, Mahler Chamber Orchester
Kölner Philharmonie, 8. Februar 2026“
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Karneval und Zarathustra – wie passt das zusammen?

Andrés Orozco-Estrada © Martin Sigmund

Deutsche Hoch- und Spätromantik gepaart mit modernen Klängen aus der Karibik. Was wie ein gewagtes Potpourri erscheint, wird in Köln Realität. Dass dies nicht nur Herausforderungen an das Publikum bedeutet, räumt der Wiener Dirigent Andrés Orozco-Estrada (48) von Anfang an ein. Auch er, der neue Generalmusikdirektor der Stadt Köln mit Wurzeln in Kolumbien, gesteht in seiner kurzen Einführung die Schwierigkeiten dieser Kombination. So stellt man sich direkt die Frage: Kann das überhaupt gelingen?

Gürzenich-Orchester Köln
Andrés Orozco-Estrada, Dirigent

Christiane Karg, Sopran

Ayanna Witter-Johnson – Bacchanale for orchestra (2025)

Richard Wagner – „Vorspiel“ und „Isoldes Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ WWV 90 (1857-65)

Richard Strauss – Schlussszene aus der Oper „Capriccio“ op. 85, TrV 179 (1942)

Richard Strauss – Also sprach Zarathustra – Tondichtung für großes Orchester op. 30, TrV 176 (1896)

Kölner Philharmonie, 27. Januar 2026

von Daniel Janz

Karibischer Karneval und Wagner – größer könnte der Kontrast nicht sein

Die Uraufführung des Abends stellt Andrés Orozco-Estrada als „spaßigen, erhebenden und energiegeladenen“ Ausdruck Karibischen Karnevals vor. Die in London geborene Komponistin und Sängerin Ayanna Witter-Johnson fühlt sich stilistisch eigentlich zwischen Soul, Hip-Hop und Reggae verankert. Die Britin jamaikanischer Herkunft kombiniert diese Genres aber auch mit Orchestermusik. Tatsächlich liefert sie mit „Bacchanale for orchestra“ ein stilistisches Mischwerk ab, das sowohl den vollen Klang des Sinfonieorchesters bedient, als auch die wilden Rhythmen Mittelamerikas.
„Gürzenich-Orchester Köln Andrés Orozco-Estrada, Dirigent, Christiane Karg
Kölner Philharmonie, 27. Januar 2026“
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Edle Celloklänge versus Orchesterwucht – in Köln weiß man mit Kontrasten zu spielen

Kian Soltani © Marco Borggreve

WDR Sinfonieorchester
Cristian Măcelaru, Dirigent

Kian Soltani, Solist

Pjotr Tschaikowsky – Nocturne d-Moll CS 349 für Violoncello und Orchester, Bearbeitung des Nocturne cis-Moll op. 19,4 CS 115 (1873)

Pjotr Tschaikowsky – Variationen über ein Rokoko-Thema A-Dur op. 33 CS 59 für Violoncello und Orchester

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 5 in cis-Moll (1904)

Zugabe:
Reza Vali – „Das Mädchen aus Shiraz“

Kölner Philharmonie, 23. Januar 2026

von Daniel Janz

Vor ein paar Monaten erst hat der in Timișoara (Rumänien) geborene Cristian Măcelaru (45) den Posten als Chefdirigent beim WDR Sinfonieorchester verlassen. Dennoch ist er ein oft gesehener Gast. Man hat sich wohl im Guten getrennt. Das jedenfalls illustriert das heutige Konzert: Unter dem Titel „Liebeserklärung“ ziehen ehemaliger Chefdirigent und Orchester mit Pjotr Tschaikowsky und Gustav Mahler die Musik zwei der größten Romantiker hinzu, die die Orchestertradition kennt.
„WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru, Kian Soltani, Solist
Kölner Philharmonie, 23. Januar 2026“
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Um den Höhepunkt zu gestalten, braucht es an diesem Abend nur 4 Minuten Musik

Edward Gardner © Mark Allan

London Philharmonic Orchester
Edward Gardner, Dirigent

Raphaela Gromes, Violoncello

Edward Elgar – In the South (Alassio) op. 50 – Ouvertüre für Orchester

Camille Saint-Saëns – Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 33

Sergey Rachmaninow – Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 44

Zugaben:

Hanna Hawrylez – Tropar für 5 Celli

Sergej Rachmaninow – Zdes korosho op. 21/7 – Fassung für Orchester nach Tim Jackson

Kölner Philharmonie, 5. Dezember 2025

von Daniel Janz

Zu häufig bleiben seltene Juwelen der Konzerttradition ungehört, weil die mit ihnen verbundenen Personen in der einen oder anderen Weise ausfallen. Man konnte also bereits böse Vorahnungen entwickeln, als zur Aufführung an diesem Freitagabend bekannt wurde, dass der Solist Sheku Kanneh-Mason wegen einer Verletzung ausfällt. Da kam die Nachricht, dass das ursprüngliche Programm der Gäste aus London mit Einsprung von Raphaela Gromes erhalten bleiben konnte, wie eine kleine Erlösung. „LPO Edward Gardner, Dirigent, Raphaela Gromes
Kölner Philharmonie, 5. Dezember 2025“
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Mahler 2 in Köln: Es hätte eine Sternstunde für die Ewigkeit sein können

TOZ rabaukenhai © Reinhard A. Deutsch

Insgesamt kann man wohl von einer zufriedenstellenden Darbietung mit teils exzellenten Einzelleistungen sprechen. Mehr Schärfe im ersten und deutlich mehr Pepp im letzten Satz hätten daraus jedoch sicher eine Sternstunde für die Ewigkeit geformt. Insofern darf es beim nächsten Mal gerne etwas mehr Mut sein.

Kölner Philharmonie, 1. Dezember 2025

Tonhalle-Orchester Zürich
Züricher Sing-Akademie

Paavo Järvi, Dirigent
Mari Eriksmoen,
Sopran
Anna Lucia Richter,
Mezzosopran

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 2 c-moll für Sopran, Alt, Chor und Orchester – „Auferstehungssinfonie“

von Daniel Janz

Es ist doch eine Freude, dass Mahlers Musik nach der Corona-Pandemie so in unser Konzertleben zurückfindet. Denn vor 2 Jahren erst entstand der Eindruck, dass Mahlers zweite Sinfonie unterrepräsentiert sein könnte. In der Zwischenzeit ist sie (zumindest im Rheinland) so oft aufgeführt worden, dass hier wohl nur wenige andere Stücke so präsent sein dürften. Und mit der heutigen Aufführung leisten die Gäste aus Zürich einen weiteren Beitrag dazu, sie im Konzertleben auch zu festigen. „TOZ, Züricher Sing-Akademie, Paavo Järvi, Dirigent, Gustav Mahler, „Auferstehungssinfonie“
Kölner Philharmonie, 1. Dezember 2025“
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Ein Mahler-Ereignis: Diese Zweite aus Zürich wird lange nachhallen

TOZ Rabaukenhai © Reinhard a Deutsch

Paavo Järvi dirigiert in Köln eine fulminante und tief bewegende Auferstehungssinfonie.

Kölner Philharmonie, 1. Dezember 2025

Gustav Mahler (1860-1911) – Sinfonie Nr. 2 c-Moll „Auferstehung“

Tonhalle-Orchester Zürich
Zürcher Sing-Akademie (Einstudierung: Florian Helgath)
Mari Eriksmoen, Sopran
Anna Lucia Richter, Mezzosopran
Paavo Järvi, Dirigent

von Brian Cooper

Irgendwie ist die Stimmung vor dem Konzert eine besondere. Die Philharmonie ist fast ausverkauft, man denkt an die großen Abende der MusikTriennale zurück, die allerersten Konzerte hier von Simon Rattle, an das Chicago Symphony, das New York Philharmonic. Ein Hauch von Glanz – nicht Glow – liegt über der Philharmonie.

Dabei spielt doch „nur“ das Tonhalle-Orchester Zürich, das ich zum ersten Mal live höre. Es hat 2011 einen beeindruckenden Mahler-Zyklus unter seinem damaligen Chef David Zinman komplettiert und auf SACDs verewigt. Nun schickt sich Paavo Järvi an, Dasselbe zu tun, die ersten Besprechungen sind hymnisch.

„Tonhalle-Orchester, Zürich, Paavo Järvi, Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 2 „Auferstehung“
Köln, Philharmonie, 1. Dezember 2025“
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