Ein maskuliner, warmer Sound – überwältigend sexy: Erwin Schrott gibt einen „Don Giovanni“ der Weltklasse im Royal Opera House London

Foto: ROH (c)
Royal Opera House London, 16.
September 2019
Wolfgang Amadeus Mozart, Libretto: Lorenzo da Ponte, Don Giovanni (Wiederaufnahme

von Charles E. Ritterband

Wie Erwin Schrott den Don Giovanni gibt – das ist ein Erlebnis der Weltklasse, das reißt selbst die verwöhntesten Besucher der vornehmen, traditionsreichen Royal Opera aus den roten Samtpolstern! Der aus Uruguay stammende Bassbariton Schrott, der mit seiner Ex-Partnerin Anna Netrebko einen Sohn hat, singt nicht nur fantastisch, mit spielerisch-mozartscher Leichtigkeit und zugleich einem maskulinen, warmen Sound, der so überwältigend sexy ist, dass nicht nur die Protagonistinnen auf der Bühne weiche Knie bekommen, sondern zweifellos auch manch vornehme Dame im Parkett. Schrott ist auch ein fantastischer, komödiantischer Darsteller: seine Grimassen, die winzigen ironischen Gesten, sein treppauf treppab federnder Gang – er gibt nicht nur sängerisch den Ton an in dieser fabelhaften Produktion, sondern auch schauspielerisch. „Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni, Erwin Schrott,
Royal Opera House London, 16. September 2019“
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Bryn Terfel – eine Naturgewalt als Boris Godunov im Royal Opera House in London

Foto: © Adam Barker
The Royal Opera (ROH) Covent Garden, London, 19. Juni 2019,
Modest Petrovich Musorgsky, Boris Godunov (Originalfassung)

von Charles E. Ritterband

Der grossartige walisische Bassbariton Bryn Terfel schien als Zar Boris Godunov mit seiner Donnerstimme alles von der Bühne zu fegen. Obwohl – nach zahlreichen glanzvollen Auftritten in einem weiten Opernspektrum von Mozart über Wagner bis Richard Strauss – stimmlich vermehrt zu einer gewissen Härte und Trockenheit neigend ist Bryn Terfels Stimme in dieser Produktion von überragender Dominanz und unerreichter Stärke. Aber es ist nicht nur die imposante Stimme – Terfel erklimmt in der Darstellung des von Visionen und schrecklichen Schuldgefühlen heimgesuchten Machtmenschen Godunov auch schauspielerisch schwindelnde Höhen. Mit seinem irren Blick und der wehenden, wirren grauen Mähne zieht er das gleichermassen fachkundige und verwöhnte Publikum des Königlichen Opernhauses in seinen Bann – von Anfang bis Ende dieser vom ersten bis zum letzten Moment das Publikum atemlos in ihrem Bann haltenden Inszenierung von Musorgskys Oper. „Modest Petrovich Musorgsky, Boris Godunov,
The Royal Opera (ROH) Covent Garden, London, 19. Juni 2019“
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Cabaret de l‘Enfer in der Royal Opera Covent Garden

Foto: The Royal Opera House ©
Royal Opera House Covent Garden,
30. April 2019
Charles-Francois Gounod, Faust
Libretto:  Jules Barbier und Michel Carré

von Charles E. Ritterband

© 2019 ROH.  Tristram Kenton

Das wahrhaft infernalische „Cabaret de l’Enfer“, das uns in diesem großartigen „Faust“ an der Royal Opera Covent Garden vor Augen geführt wird, gab es wirklich:  Am Pariser Boulevard de Clichy Nummer 53, wie uns die historische Schwarzweiß-Photographie aus dem Programmheft vor Augen führt.
Die Marguerite dieser Produktion (Irinia Lungu) arbeitet dort als Kellnerin – eine durchaus orginielle, aber wohl nicht ganz stimmige Idee, zumal die naiv-unschuldige Margarethe schon im „Cabaret“ mit den zynischen „Facts of Life“ konfrontiert worden ist und beim Werben des verjüngten Doktor Faust etwas mehr auf der Hut gewesen wäre. „Charles-Francois Gounod, Faust,
Royal Opera House Covent Garden, 30. April 2019“
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„Così“ an der Royal Opera –
Blackout und Stimmenzauber

Foto: Royal Opera House ©
The Royal Opera Covent Garden
, 4. März 2019
Wolfgang Amadeus Mozart, Così Fan Tutte ossia La Scuola degli Amanti

von Charles E. Ritterband

So hat man die „Così“ eher selten gesehen: Während der Ouvertüre – präzise, einfühlsam und nie dominant das Hausorchester unter Stefano Montanari – traten die sechs Protagonistinnen und Protagonisten in perfekter barocker Gewandung, gepudert und mit Perücken vor den Vorhang. Sie verbeugten sich, artiger Applaus des Publikums – und die sechs verschwanden hinter dem Vorhang.

© 2019 ROH. Photograph by Stephen Cummiskey

Dann kamen sie wieder, verbeugten sich nochmals – Gemurmel im Publikum. Dann das Ganze nochmals: Netter Regieeinfall, doch eigentlich eher störend. Denn jetzt machten sich zwei Paare in der Parterreloge auffällig bemerkbar, kletterten alsbald über die Brüstung und nahmen die Bühne, auf der sich inzwischen der Vorhang geöffnet hatte, in Beschlag: Sie waren, wie jetzt klar wurde, in modernen Anzügen und Kleidern, die eigentlichen Sänger und Akteure – das barocke Personal hatte sich zurückgezogen (und ward nie mehr gesehen). „Wolfgang Amadeus Mozart, Così Fan Tutte,
The Royal Opera Covent Garden, 4. März 2019“
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Tschaikowski dirigiert seinen eigenen Tod: Pique Dame im Royal Opera House in London

Foto: ROH (c)
Royal Opera House, London
, 22. Januar 2019
Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Pique Dame

von Sarah Schnoor

Der Vorhang geht auf. Keine Musik – nur Spiel. Ein Mann in grauem Anzug, mit grauem Haar und Bart taucht hinter einem Stuhl auf, wird weggestoßen. Der im Stuhl sitzende Mann steht auf und zieht seine Uniform wieder an. Er zieht die Spieluhr auf, die Papagenos Arie „Ein Mädchen oder Weibchen“ erklingen lässt. Der Mann verlangt Geld, lacht und verschwindet. Hier wird Tschaikowskis geheim gehaltene Homosexualität schon vor der Ouvertüre für über 2.200 Menschen sichtbar gemacht.

Stefan Herheims Inszenierung von Tschaikowskis Oper „Pique Dame“ wurde 2016 zum ersten Mal in Amsterdam aufgeführt. Mit veränderter Besetzung wird sie nun auch in London gezeigt, wo sie auf viel Gegenwind von Publikum und Kritikern gestoßen ist.

Nach dem herrlich unopernartigen Schauspiel zu Beginn, schlägt Antonio Pappano zur Ouvertüre und erzeugt mit dem leidenschaftlich spielenden Orchester der Royal Opera sofort eine tragische Atmosphäre. „Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Pique Dame,
Royal Opera House, London, 22. Januar 2019“
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Die letzte Nische des Kostümtheaters: "La Traviata" im Royal Opera House in London

Foto: © Royal Opera House
Royal Opera House, London, 21. Januar 2019
Giuseppe Verdi, La traviata

von Sarah Schnoor

Das Royal Opera House ist ein magischer Ort. Nicht nur wegen der unglaublich schön renovierten Foyers. Vor allem der riesige Saal im operntypischen rot-gold ist eine traumhafte Kulisse für Liebhaber und Touristen. Man verliert sich in der Abgeschlossenheit, der Wärme von Teppichen, Polstern und Verzierungen. Der Abend ist schon vor dem ersten Ton immer ein Ereignis für die Sinne.

An diesem Abend wird „La traviata“ gespielt. Verdis bekannteste Oper eignet sich bis heute dazu, sie in Kostümtheaterinszenierungen zu zeigen. Oder zumindest solchen, die dem modernen Regietheater ferngeblieben sind. Und so ist Bob Cowleys Bühne im wahrsten Sinne des Wortes ein Guckkasten. Ein Ort der Zuflucht, eine Illusionskiste voller Gesang, Stoff und riesigen Festsälen. „Giuseppe Verdi, La traviata, Royal Opera House, London, 21. Januar 2019“ weiterlesen

Carmen im Gorillakostüm – kontroverse Inszenierung an der Royal Opera Covent Garden

Fotos: © ROH 2017.  Bill Cooper
Georges Bizet, Carmen, The Royal Opera House London,
23. Februar 2018

Jakub Hrusa, Musikalische Leitung
Barrie Kosky, Regie
Katrin Lea Tag, Bühne

Carmen, Anna Goryachova
Michaela, Kristina Mkhitaryan
Don Jose, Franscesco Meli
Escamillo, Kostas Smoriginas

Chorleitung, William Spaulding
Orchestra of the Royal Opera House
Dirigent, Jakub Hrusa
Royal Opera Chorus

von Charles E. Ritterband

Der 1967 in Melbourne geborene und in Berlin lebende Opern- und Theaterregisseur Barrie Kosky hat der guten alten „Carmen“ in seiner (von der Oper Frankfurt übernommenen) Neuinszenierung am Royal Opera House Covent Garden ein radikal neues Gesicht verliehen. Er schmeißt die während Jahrzehnten aufgehäuften und in zahllosen Aufführungen sämtlicher Opernbühnen der Welt verkrusteten Klischees über Bord und bietet einem teils schockierten, meist ratlosen, bisweilen auch amüsierten Publikum radikal Neues: Er hat für diese Produktion Partituren ausgegraben, die schon vor der (nicht besonders erfolgreichen) Uraufführung 1875 an der Pariser Opéra Comique schubladisiert worden waren. Die Touristenklischees sämtlicher bisheriger Carmen-Inszenierungen, an denen das Publikum so sehr hängt, und seine romantischen Spanien-Bilder auf die Bühne projiziert, sind in der Tat künstlich, wenn man bedenkt: Bizet selbst war nie in Spanien. Er hielt sich an Klischees und Stereotypen – genauso wie Schiller, der nie in der Schweiz war und seinen „Tell“ im deutschen Weimar erfunden hat. „Georges Bizet, „Carmen“, The Royal Opera House London, 23. Feburar 2018“ weiterlesen