Elīna Garanča fasziniert als Dalila mit einem strahlenden Samson an ihrer Seite

Elīna Garanča fasziniert als Dalila mit einem strahlenden Samson an ihrer Seite

Ein neuer Höhepunkt an der renommierten Royal Opera in Covent Garden: Die unvergleichliche Elīna Garanča hält das Londoner Publikum mit warmer, tiefer und erotisch-verführerischer Stimme als Dalila in Bann, während der junge südkoreanische Tenor Seokjong Baeck als neuer Stern am Opernhimmel in der tragischen Rolle des Samson in Camille Saint-Saëns’ dramatischem Meisterwerk erstrahlt. Unter der bewährt meisterhaften Stabführung von Antonio Pappano begeistert das Hausorchester der Royal Opera; unter der präzisen Leitung des Chormeisters William Spaulding bringt der Chor dieses bedeutendsten britischen Opernhauses die hervorragende Akustik dieses prachtvollen Hauses aus der Mitte des 19. Jahrhunderts voll zur Geltung.

Camille Saint-Saëns, Samson et Dalila (Libretto Ferdinand Lemaire),
Royal Opera Covent Garden London, 3. Juni 2022

von Dr. Charles E. Ritterband (Text und Foto)

 Saint-Saëns’ Meisterwerk wurde 1877 vollendet und im selben Jahr in Weimar uraufgeführt – doch Covent Garden brachte die Oper erst 1903 auf die Bühne: Auf der Bibel basierende Handlungsabläufe im Theater wurden damals in England als „unangebracht“ erachtet – während Verdis „Nabucco“ mit seiner durchaus ähnlichen Handlung und ebenfalls auf biblischer Inspiration beruhend bekanntlich schon 1842 an der Scala uraufgeführt wurde.

Doch angesichts dieses ambivalent zwischen Oper und Oratorium oszillierenden Werkes wird sofort deutlich, weshalb Samson et Dalila Saint-Saëns’ bei weitem erfolgreichste seiner zwölf Opern war – und  die einzige, die damals wie heute immer wieder aufgeführt wird. Einen nicht unerheblichen Anteil an der anhaltenden Popularität dieser Oper hat das packende Libretto des auf der Karibik-Insel Martinique geborenen Ferdinand Lemaire. Aber auch die Orchestrierung ist perfekt, und Dalilas berühmte, überwältigend schöne Arie, mit der sie den verliebten Toren Samson umgarnt, lässt den Besucher des Opernhauses nicht los, wenn der Vorhang längst gefallen ist: Jubel für die weltberühmte Mezzosopranistin und den Novizen-Tenor.

Der hier in London geborene Regisseur Richard Jones, von der englischen Kritik als „Ikonoklast“ („Bilderstürmer“) apostrophiert, brachte gemeinsam mit der südkoreanischen Bühnenbildnerin Hyemi Shin eine szenisch eigenwillige Produktion von Saint-Saëns’ „Chef-d’oeuvre“ auf die Bühne: Statt der üblichen erotisch dampfenden Orient-Romantik wurden die in eine fiktive Jetzt-Zeit katapultierte Handlung mit minimalistischen Kulissen zumeist in Wellblech-Imitationen in eine auf Brutalität und Geldgier basierende Spaßgesellschaft versetzt.

Die Philister dominieren, quälen und verhöhnen die hebräischen Sklaven, die von ihrem Gott selbst unter tödlicher Bedrohung und Folter niemals ablassen würden, mittels einer gnadenlos agierenden Polizeitruppe, deren Logo auf den Uniform-T-Shirts ein höhnisch lächelndes Clowngesicht ist. Der Philister-Gott Dagon ist ein bunter Kunststoff-Popanz, ein grotesker Clown, mit einem überquellenden Stapel Roulette-Jetons in der einen und einem Glücksspiel-Automaten („Slot-Machine“) in der anderen Pranke.

Foto: Dr. Carles E. Ritterband

Der Samson des Südkoreaners Seokjong Baeck (der für den verunfallten Nicky Spence einsprang) ist etwas steif geraten und seine Stimme wirkt bisweilen leicht monochrom, sie lässt die typische Süße, welche der französische Gesang fordert, vermissen. Als Figur ist er weniger der letztlich unbesiegbare Held als vielmehr das ergebene Schoßhündchen, das, bedingungslos loyal und auch reichlich naiv, auf die Verführungstricks der schönen Dalila blindlings und trotz der überdeutlichen Warnungen seines Vaters hereinfällt. Andererseits: Baeck verfügt über eine herrlich jubelnde, lyrische Tenorstimme, die er hier voll zur Geltung bringt, und sich zielsicher und mit perfekter Reinheit zum finalen hohen C aufschwingt. Baeck, der in dieser Produktion spät zu seiner Rolle als Samson gekommen ist, könnte zur Neuentdeckung der Saison in Covent Garden werden.

Ganz im Gegenteil zu Elīna Garanča, einer wohl etablierten Dalila, die dieser Figur stimmlich jene erotische Wärme und Tiefe aber auch vollendete Eleganz, und zugleich die diabolische Zwiespalt der Verführerin und Verräterin verleiht. Als Dalila hat sie ein geradezu schwindelerregendes Spektrum an Tiefen und mittleren Lagen zu bewältigen – all dies mit unvergleichlichem Timbre. Ihr „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ ist der unbestreitbare Höhepunkt dieser Oper.

Elīna Garanča, Foto: © Paul Schirnhofer/DG

Geradezu peinlich allerdings gerät das doch sehr rudimentär geartete Tänzlein, mit der sie ihre Verführungskraft erprobt. Dass die Garanča auch tänzerisch mehr kann, beweist sie unter vielem anderen als Carmen – eine Glanzpartie, in der ich sie an der Met bewundern durfte. In der Regie von Richard Jones wird diese Dalila, am Rand der Bühne, angesichts des geblendeten, geschundenen Liebhabers sichtlich von (späten) Gewissensbissen gequält, während die Philister sich ihrem billigen Triumph hingeben.

Der aus Polen stammende Bariton Łukasz Goliński als Hohepriester der Juden mit seiner wunderbar samtenen Stimme  verlieh dieser Figur die gebührende Autorität – als Gegenpol zum Dagon-Priester in einer ledernen Bomberjacke, erinnernd an einen anonymen KGB-Offizier, verkörpert vom Mexikaner Alan Pingarrón.

Das exotisch-sinnliche Bacchanal – das Ballett im zweiten oder dritten Akt war an der Pariser Oper bekanntlich die Pflichtübung für jeden Komponisten – aus dem 3. Akt fiel dieser minimalistisch-sachlichen Inszenierung buchstäblich zum Opfer. Statt leicht bekleideter Tänzerinnen in transparentem Tüll und reichem Goldschmuck wurde die berühmte orientalisierende Melodie hölzern von den in einer Reihe aufgefädelten, minimalste Fussarbeit leistenden Polizisten dargeboten. Bei aller Bewunderung für intellektuelle Regiekonzepte: Einer gewissen Enttäuschung konnte man sich da nicht erwehren. Die Musik weckt Erwartungen, die in diesem Regiekonzept nicht nur nicht erfüllt, sondern in ihr blankes Gegenteil verkehrt werden. Konsequent, ja – aber schade trotzdem.

Aufmerksame Kritiker weisen darauf hin, dass der Einsturz des Dagon-Tempels im abrupten Ende der Oper ein optisches Zitat der Konstruktion des Berliner jüdischen Museums (Architekt: Daniel Liebeskind) mit seinen Diagonalen, welche an einstürzende Wände und Decken erinnert, darstellt. Durchaus möglich – und jedenfalls scharf beobachtet.

Dr. Charles E. Ritterband, 6. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Leitung: Antonio Pappano
Chor: William Spaulding

Regie: Richard Jones
Bühnenbild: Hyemi Shin

Dalila: Elīna Garanča
Samson: Seokjong Baeck
Hohepriester der Hebräer: Łukasz Goliński
Erster Philister: Alan Pingarrón

Chor und Orchester der Royal Opera Covent Garden

 

Konzertabend, Mark Padmore, Mitsuko Uchida, Wigmore Hall, London, 15. Mai 2022

Orchestra of the Age of Enlightenment, Johannespassion, Queen Elizabeth Hall, London, 26. März 2022    

Wolfgang Amadeus Mozart, Cosí fan tutte, English National Opera, London Coliseum, 20. März 2022

 

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