Bruckners Symphonien in besten Händen

CD- Rezension: Anton Bruckner, Symphonien 1-9,  Berliner Philharmoniker

Foto: © Berlin Phil Media GmbH

CD-Rezension: Anton Bruckner, Symphonien 1-9

Berliner Philharmoniker

Herbert Blomstedt, Bernard Haitink, Mariss Jansons, Paavo Järvi, Zubin Mehta, Seiji Ozawa, Sir Simon Rattle, Christian Thielemann

BPHR 190283

von Peter Sommeregger

Das Eigenlabel der Berliner Philharmoniker gewinnt schnell an Bedeutung und Profil, kann es doch auf den Fundus von Konzerten des Orchesters mit der Dirigenten-Elite der Welt zugreifen.

Die vorliegende Box mit allen 9 Symphonien Anton Bruckners nach dessen eigener Zählung ist erneut eine akustische Wunderkammer. Hier wurden Aufnahmen des letzten Jahrzehnts zusammengetragen, die Liste der Dirigenten liest sich wie ein Who’s who der bedeutendsten Vertreter ihrer Kunst.

Seiji Ozawa, krankheitsbedingt inzwischen ein seltener Gast am Pult des Orchesters, ist mit der ersten Symphonie c-Moll in der Linzer Fassung vertreten. Erst diesen, seinen dritten Versuch einer Symphonie wollte Bruckner später gelten lassen. Die Symphonie, zum Ende der Organisten-Zeit Bruckners in Linz komponiert, zeigt den Komponisten noch nicht auf dem später erreichten Niveau.

Auch die zweite Symphonie, ebenfalls in c-Moll, hier von Paavo Järvi dirigiert, ist mehr noch ein tastender Schritt zu Bruckners späterer symphonischer Reife.

Die Rezeptionsgeschichte der ausgreifenden dritten Symphonie in d-Moll steht beispielhaft für Bruckners langen und schwierigen Weg zum Erfolg. 1872/73 komponiert, leitete Bruckner selbst 1877 die Uraufführung mit den Wiener Philharmonikern und erlebte einen deutlichen Misserfolg. Erst nach zahlreichen Umarbeitungen stellte sich schließlich der Erfolg ein. Herbert Blomstedt unternimmt hier das Wagnis, die Symphonie in ihrer Urfassung aufzuführen, was dem Bruckner –Experten eindrucksvoll gelingt.

Mit der 4. Und 5. Symphonie ist Bernard Haitink zu erleben, einer der großen Bruckner-Interpreten der letzten Jahrzehnte, der sich allerdings im vorletzten Jahr vom Konzertpodium zurückzog. So bilden seine detailreich ausgearbeitete Aufnahme der vierten Symphonie Es-Dur von 2014 und jene der fünften Symphonie B-Dur mit ihren kunstvoll aufgetürmten Fugen und Doppelfugen von 2011 so etwas wie ein Vermächtnis dieses großen Bruckner-Dirigenten.

Bernard Haitink, Foto: (c) Monika Rittershaus

Die sechste Symphonie A-Dur, vielleicht die „fröhlichste“ unter seinen Symphonien, dirigiert Mariss Jansons im Januar 2018, weniger als zwei Jahre vor seinem Tod. Es ist schwer zu verstehen, dass Bruckner diese Symphonie ebenso wenig wie die fünfte zu Lebzeiten in einer kompletten Aufführung hören konnte. Gustav Mahler dirigierte zwei Jahre nach Bruckners Tod im Wiener Musikverein eine gekürzte Fassung.

Mit der siebten Symphonie E-Dur konnte Christian Thielemann 2016 einmal mehr seinen Ruf als einer der wichtigsten und kompetentesten Bruckner-Interpreten untermauern. Diese für die historische Bruckner-Rezeption vielleicht wichtigste Symphonie erlebte 1884 in Leipzig ihre triumphale Uraufführung, deren Nachhall bis nach Wien und andere musikalische Zentren drang und den ersehnten Durchbruch für den Symphoniker Bruckner brachte. Der Schwerpunkt des Werkes liegt in dem ausladenden Adagio, das unter dem Eindruck des Todes von Richard Wagner entstand, ihn zitiert und erstmals auch die Wagnertuben in die symphonische Musik einführt.

Zubin Mehta leitete 2012 die hier enthaltene Aufführung der achten, Bruckners längster und monumentalster Symphonie, seiner dritten  in der Tonart c-Moll. Der Komponist  türmt im letzten Satz noch einmal alle Hauptthemen der Symphonie aufeinander, was zwar Effekt macht, aber auch als Übertreibung empfunden werden kann. Die Wiener Uraufführung  1892 unter Hans Richter wurde jedenfalls zum Triumph für den lange von Misserfolgen geplagten Bruckner.

Unvollendet blieb Anton Bruckners letzte, die neunte Symphonie d-Moll, an der Bruckner noch an seinen letzten Lebenstagen gefeilt haben soll. Sir Simon Rattle, der sich vehement für die Komplettierung der Symphonie,  die in Teamarbeit von Nicola Samale, John Phillips, Benjamin-Gunnar Cohrs und Giuseppe Mazzuca erarbeitet wurde, einsetzt, führte diese Fassung 2018 auf. Unüberhörbar sind die Dissonanzen und schroffen Passagen des Werkes, das Bruckner „Dem lieben Gott“ widmete.

Diese mit Bedacht ausgewählten Aufnahmen des letzten Jahrzehnts geben einen repräsentativen Querschnitt und eine Standortbestimmung der aktuellen Bruckner-Rezeption. Die gegensätzlichen Ansätze der hier vertretenen Dirigenten erzeugen ein konstruktives Spannungsfeld und laden zu Vergleichen ein. Ein umfangreiches, illustriertes Booklet ergänzt die Edition, die für jeden Liebhaber der Bruckner’schen Symphonie unverzichtbar ist.

Peter Sommeregger, 9. August 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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