Cabaret de l‘Enfer in der Royal Opera Covent Garden

Charles-Francois Gounod, Faust,  Royal Opera House Covent Garden, 30. April 2019

Foto: The Royal Opera House ©
Royal Opera House Covent Garden,
30. April 2019
Charles-Francois Gounod, Faust
Libretto:  Jules Barbier und Michel Carré

von Charles E. Ritterband

© 2019 ROH.  Tristram Kenton

Das wahrhaft infernalische „Cabaret de l’Enfer“, das uns in diesem großartigen „Faust“ an der Royal Opera Covent Garden vor Augen geführt wird, gab es wirklich:  Am Pariser Boulevard de Clichy Nummer 53, wie uns die historische Schwarzweiß-Photographie aus dem Programmheft vor Augen führt.
Die Marguerite dieser Produktion (Irinia Lungu) arbeitet dort als Kellnerin – eine durchaus orginielle, aber wohl nicht ganz stimmige Idee, zumal die naiv-unschuldige Margarethe schon im „Cabaret“ mit den zynischen „Facts of Life“ konfrontiert worden ist und beim Werben des verjüngten Doktor Faust etwas mehr auf der Hut gewesen wäre.

Wie auch immer: Diese epochale Inszenierung des schottischen Regisseurs David McVicar aus dem Jahr 2004 hat in der vom Italiener Bruno Ravella geleiteten Wiederaufnahme nichts von ihrer ursprünglichen, überwältigenden Frische eingebüßt. Es ist zweifellos die großartigste Darstellung dieses musikalisch mitreißenden und inhaltlich so berührenden Konflikts zwischen Gut und Böse, zwischen  diabolischem Zynismus und gradliniger Unschuld, die ich je auf einer der großen  Opernbühnen gesehen habe. Diese Vorstellung wurde denn auch live in Hunderte von Kinos weltweit übertragen.

Die grandiose Bühnenarchitektur des englischen Regisseurs und Bühnenbildners Charles Edwards, bevölkert von temperamentvoll agierenden Choristen und Statisten entführt, nein katapultiert uns in die von heftigen Umwälzungen, von sozialen und politischen Wirren beherrschte Paris des „Deuxieme Empire“ Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Paris war für Gounod eine Stadt, die ihn weniger faszinierte, als ihn „erstickte und erwürgte“, wie er selber sagte. Zweifellos ist die provokante Arie des Méphistophélès über die Anbetung des Goldenen Kalbs aus dem Zweiten Akt inspiriert von der Luxussucht und dem Materialismus des Paris jener Epoche. Der dieser Stadt überdrüssige Gounod floh 1870 gleichsam aus Paris nach London, von der einen Metropole in die andere – wohl nicht ganz zufällig in die Stadt, in der sein Werk schon sieben Jahre zuvor, nämlich am 2. Juli 1863 in Covent Garden die erste, triumphale Aufführung erlebt hatte.

© 2019 ROH. Photograph by Tristram Kenton

Diese vitale Inszenierung war auch musikalisch schlicht hinreißend. Das Zusammenspiel, die Interaktion und der Kontrast zwischen dem phänomenalen Mephisto des Uruguayers Erwin Schrott und dem Faust des amerikanischen Tenors Michael Fabiano waren in jeder Beziehung perfekt. Schrott als Teufel übertrieben selbstsicher, pragmatisch, verführerisch, zynisch ja geradezu überheblich, seiner diabolischen Macht stets gewiss – und der von Selbstzweifeln gequälte, blind verliebte Akademiker Faust. Das galt auch für die Stimmen: Schrotts maskuliner, starker Bariton beherrschte samtene Töne wie auch unbändige Kraft, und Fabiano vereinte stimmlichen Wohlklang mit technischer Perfektion, die seine schöne Stimme mühelos in schwindelnde Höhen brachte.  Bei der „Domaine chaste et pure“ hätte man weinen mögen.

Mit der Russin Irinia Lungu hatte Fabiano das Privileg einer adäquaten Partnerin – eine Harmonie, das in dem von Mephisto böswillig unterbrochenen Liebesduett in der Kirche im dritten Akt ihren Höhepunkt fand. Lungu brillierte buchstäblich in der Juwelen-Arie mit einer kristallklaren, hellen und flexiblen Stimme, welche die anspruchsvollen Koloraturen dieses Musikstücks mit fast schwereloser Leichtigkeit bewältigte. Ihr Bruder, Valentin, präsentierte diese Figur nicht nur stimmlich: Ein harter Bursche, frisch aus dem Krieg, und wenig empfänglich für zarte Gefühle und emotionale Empfindlichkeiten – und dieser wurde durch seinen Gesang überzeugend verkörpert. Als Kontrast die Hosenrolle des unglücklichen Liebhaber Siebèl, der von Marta Fontanals-Simmons mit bewegender Sensibilität und stimmlicher Feinheit dargestellt wurde.

Ein wahrhaft unvergesslicher Abend, von dem man noch lange sprechen wird – ob man nun das Privileg hatte, im eleganten Zuschauerraum sitzen zu dürfen oder ob man diese Vorstellung nicht minder fasziniert in einem der zahlreichen Kinosäle mitverfolgte.

Dr. Charles E. Ritterband, 30. April 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Musikalische Leitung: Dan Ettinger
Inszenierung: David McVicar
Faust Michael Fabiano
Méphistophélès Erwin Schrott
Marguerite Irinia Lungu
Wagner Germán E. Alcántara
Valentin Stéphane Degout
Siebèl Marta Fontanals-Simmons
Marthe Schwertlein Carole Wilson
Chor der Royal Opera
Chorleiter William Spaulding

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.