Frank Castorfs Stuttgarter „Faust“ in Wien: Musikalisch hervorragend – auf der Bühne second hand trash

Charles Gounod, Faust  Livestream aus der Wiener Staatsoper am 29. April 2021

Anmerkung des Herausgebers: Heute, am 9. Mai 2021, läuft ab 20.15 Uhr diese alte Wiener Faust-Inszenierung (made in Stuttgart) im ORF III. Ich habe den Fernseher nach 15 Minuten abgedreht und höre die Musik ohne Bilder – Frank Castorfs Inszenierung ist ein Trauerspiel, dem Regisseur fällt wirklich nichts Neues mehr ein. Bitte lesen Sie diesen wunderbaren Bericht von Peter Sommeregger.

„So siegt einmal mehr die Musik über den Regisseur, dem man dringend eine Weiterentwicklung seines Stils wünschen würde.“

Charles Gounod, Faust
Livestream aus der Wiener Staatsoper am 29. April 2021

Foto: Nicole Car, Juan Diego Flórez. Foto: Trailer / WSO

WIENER STAATSOPER STREAMTE DIE PREMIERE „FAUST“ IN DER INSZENIERUNG VON FRANK CASTORF

In Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart (mit anderen Worten, die Castorf-Inszenierung läuft seit vielen Jahren in Stuttgart)

Musikalische Leitung,    Bertrand de Billy
Doktor Faust,    Juan Diego Flórez
Marguerite,    Nicole Car
Méphistophélès,    Adam Palka
Inszenierung,    Frank Castorf

von Peter Sommeregger

Man fühlt sich versetzt in das frisch wiedervereinigte Berlin der frühen Neunzigerjahre, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Frank Castorf als Guru der neuen Theaterästhetik verblüffte und polarisierte sein Publikum mit immer neuen, zum Teil sehr schrägen Einfällen. Das hatte was Erfrischendes, man hatte das Gefühl, Theatergeschichte zu erleben. Dreißig Jahre später erlebt man aber ein permanentes Déjà-vu und fragt sich, warum der ergraute Regisseur sich jeder Weiterentwicklung störrisch widersetzt.

Eine, zu allem Überfluss nicht einmal wirklich neue Inszenierung von Gounods „Faust“ wird nach sechs Jahren Laufzeit in Stuttgart nun dem Wiener Publikum beschert. Gefallen kann sie eigentlich nur, wenn man das letztlich doch sehr begrenzte Spektrum von Castorfs Theaterwelt nicht schon bis zum Abwinken erlebt hat. Das Auge findet bei ihm keine Ruhe, ständig ist irgendetwas Irritierendes im Gange, abstrakte Videosequenzen, eingeschobene stückfremde Texte, Verfremdungen jeglicher Art, und das immer illustriert durch banale Dinge wie Telefonzellen und Coca-Cola-Automaten. Dieses Getränk wird in so gut wie jeder Castorf-Inszenierung beworben, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Obwohl der Regisseur alles tut, um davon abzulenken, geht es am Ende aber doch um Gounods Oper „Faust“. In deutschen Landen ist das Werk nicht unbedingt ein Dauerbrenner. Dabei bietet es den Sängern der Hauptpartien wirkungsvolle Arien und effektvolle Ensembles. Von den Ohrwürmern des Faust-Walzers und des Soldatenchores ganz zu schweigen.

Bertrand de Billy, ein häufiger Gast in Wien, bereitet für die Sänger einen lyrischen, fein akzentuierten Klangteppich. Sein Dirigat hat Klasse, er wird der delikaten Musik Gounods  mit ihrem französischen Flair hervorragend gerecht.

Juan Diego Flórez, ein erklärter Liebling des Wiener Publikums, entwickelt seine Stimme behutsam immer weiter, vom reinen tenore di grazia hat er sich kontinuierlich zum Spinto-Tenor entwickelt und sein Repertoire entsprechend angepasst. Der Faust liegt ihm ausgesprochen gut in der Kehle, Flórez widersteht erfolgreich der Versuchung, ihn mit zu viel Power auszustatten. So bleibt sein Ansatz für die Rolle konsequent lyrisch, seine große Arie krönt er mit einem prachtvollen, technisch perfekten Spitzenton.

Juan Diego Flórez ©

Die australische Sopranistin Nicole Car ist in Wien keine Unbekannte. Sie hat bereits mehrere Partien ihres lyrischen Faches im Haus am Ring gesungen. Für die Marguerite ist ihr gut geerdeter Sopran bestens geeignet, sie wird sowohl den lyrischen Passagen, als auch den dramatischen Ausbrüchen gerecht. Ihr leicht abgedunkeltes Timbre hat sehr persönliche, individuelle Farben.

Foto: Wiener Staatsoper, M. Pöhn ©

Ein Debütant in Wien ist der polnische Bass Adam Palka. Mit dem Mephisto hat er die dankbarste Rolle der Oper und füllt sie mit seiner markanten Persönlichkeit auch überzeugend aus. Seinem Bass fehlt vielleicht ein wenig die Schwärze, dafür ist die Stimme aber ungemein beweglich und geschmeidig. Das finale Terzett gerät mit diesen drei Protagonisten zum musikalischen Höhepunkt der Aufführung, so soll das schließlich auch sein.

Étienne Dupuis ist ein durchaus schön singender Valentin, seinem Bassbariton fehlt es aber ein wenig an Nachdruck. Warum Castorf die Hosenrolle des Siébel als Frau interpretiert, bleibt unklar, Kate Lindsey nutzt aber die Gelegenheit für ein ausgezeichnetes Rollenporträt und kann stimmlich voll überzeugen.

So siegt einmal mehr die Musik über den Regisseur, dem man dringend eine Weiterentwicklung seines Stils wünschen würde.

Peter Sommeregger, 29. April 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bühne   Aleksandar Denić

Kostüme   Adriana Braga Peretzki

Licht   Lothar Baumgarte

Regieassistenz   Wolfgang Gruber

Dramaturgie   Ann-Christine Mecke

Valentin   Étienne Dupuis

Wagner   Martin Häßler

Siébel   Kate Lindsey

Marthe   Monika Bohinec

 

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