Daniels Anti-Klassiker 15: Wolfgang Amadeus Mozart – Rondo alla Turca („Türkischer Marsch“) aus Klaviersonate Nr. 11 (1783)

Daniels Anti-Klassiker 15: Wolfgang Amadeus Mozart – Rondo alla Turca („Türkischer Marsch“) aus Klaviersonate Nr. 11 (1783)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der sogenannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Mit seinem türkischen Marsch hat Mozart, der König aller Wiederholungen, es schon zum zweiten Mal in die Liste überbewerteter Klassiker geschafft. Ob als Klaviersonate oder in der Fassung für Orchester – diese Komposition dürfte sowohl dem häufigen Konzertgänger, als auch dem überzeugten Klassikabstinenzler ein Begriff sein. Geradezu legendär ist der dritte Satz. Zu Unrecht, wie ich finde.

Das Problem bei Mozart ist seine immer sehr repetitive Musik bei inhaltlicher Leere. In der Regel haben wir es bei seiner Instrumentalmusik mit einer streng periodisch aufgebauten Sequenz zu tun, die erst in sich selbst wiederholt, dann um einen Gegenpart inklusive dessen Wiederholung ergänzt und schließlich im Ganzen noch einmal wiederholt wird, bevor eine Variation oder Durchführung kommt und am Ende noch einmal alles von vorne gespielt wird.

Ein solcher Aufbau bietet mitunter immense Vorteile. Gerade auch bei großen, ausladenden Kompositionen wirkt eine Wiederholung ganzer Abschnitte festigend. Ist diese Wiederholung auch noch variiert – beispielsweise im Tempo, in der Harmonie oder in anderer Gestalt – kann dadurch ein musikalischer Abschnitt in einem völlig neuen Licht erstrahlen. Das ist die Essenz reicher Konzerterlebnisse und Grundlage für interpretatorische Ausschmückung bei vorhandenem Wiedererkennungswert. Speziell klassische Orchestermusik bietet dadurch den einmaligen Vorteil, dass selbst bei der hundertsten Aufführung ein und desselben Werks neue Eindrücke entstehen können.

Aber nicht so bei Mozarts türkischem Marsch. Diese vermutlich in Wien oder Salzburg entstandene Fingerübung lässt nicht sonderlich viel Raum für inhaltliche Interpretationsversuche. Im Wesentlichen ist es – wie viele andere Werke von Mozart auch – ein Spiel mit leicht eingängigen Melodien, die er auf Tonika und Dominante ablaufen lässt, x-mal wiederholt und zu deren Auffrischung ab und an ein paar harmonische Kniffe einbaut. Es ist Gefälligkeitsmusik, die man ohne Anspruch auf Tiefe auch im Hintergrund vor sich hinplätschern lassen kann, ohne dass man viel vermisst.

Seine bis zum Brechreiz aufkommenden Doppelungen werden dadurch zu einer immensen Schwäche. Es reicht ihm nicht, ein Thema dutzendfach wieder aufzugreifen, es muss auch noch jedes Mal haargenau in derselben Art und Weise wiederholt werden. Was sich bereits bei „einer kleinen Nachtmusik“ zeigte, wird auch hier wieder klar: Im Wesentlichen kann man die Komposition auf ein Viertel aller Takte zurechtkürzen und man verliert nichts an Substanz.

Die ursprüngliche Beschränkung auf das Klavier als Einzelinstrument unterstreicht diesen einlullenden Charakter noch. Wo die Musik selbst nicht durch Abwechslung überzeugen kann, liegt es an der Wahl der Instrumente, dieses Manko auszugleichen. Tatsächlich zeigt sich hier, dass Orchesterversionen der ursprünglichen Klavierversion überlegen sind: Sie können den trockenen Charakter der Wiederholung immerhin durch Variation der Instrumente ein Stück weit relativieren. Frage und Antwort als Prinzip ist nun einmal reizvoller, als stumpfes Kopieren, wie dieses Beispiel demonstriert:

Ein paar Worte seien auch der Namensgebung gewidmet. Denn neben der typisch mozartesk-musikalischen Einfältigkeit überzeugt diese Komposition auch nicht im Kontext ihres Ursprungs in der Janitscharenmusik, einer Musik, der Mozart sich häufiger bediente, ohne deren Bedeutung oder Ausdrucksmöglichkeit zu reflektieren. Tatsächlich galt diese Musik zu Mozarts Zeit als Inbegriff von militärischer Stärke und kam zur Truppenlenkung oder in Schlachten zum Einsatz.

Schweres Blech, Beckenrasseln, Paukenschläge und einen starken Duktus sucht man in dieser doch sehr leicht klingenden Komposition aber vergeblich. Viel eher stellt sich ein tanzhaft, fast schon heiterer Eindruck ein – und das unabhängig von Klavier- oder Orchestervariationen. Fast so, als wolle Mozart sich über das militärische Treiben lustig machen. Es wäre mal ein mutiger Schritt, dieses Werk im Stil einer hochromantischen Marschkapelle mit vollem Orchester und scheppernden Horn- sowie Trompeteneinwürfen auf tosendem Schlagwerk zu interpretieren. Ob dadurch neue Einblicke entstehen könnten?

Vielleicht gelang der militärisch intendierte Charakter zur Entstehungszeit des Werkes auch besser und ist heutzutage durch die historische Distanz einfach nur nicht mehr nachvollziehbar. Fest steht jedenfalls, dass der „türkische Marsch“ spätestens seit dem Siegeszug des Klaviers über das Cembalo nur noch geschulten Musiktheoretikern als ein Marsch auffällt. Betonung auf der ersten Zählzeit alleine reicht im Zeitalter der Popmusik nun einmal nicht als Erkennungsmerkmal aus. Die Imitation „türkischer“ Instrumente durch die Arpeggien in der linken Hand dürfte heutzutage schon gar nicht mehr erkennbar sein.

Damit bleibt ein fader Eindruck über eine Musik, die zwar Potenzial hätte, aber gleichermaßen an ihrer Kompositionstechnik als auch Instrumentation krankt. Einen Konzertsaal mit Musik füllen zu wollen, die so wenig Erlebnisspielraum bietet, dürfte in Anbetracht anderer Werke schwierig und im Hinblick auf umfangreich ergreifende Kulturmedien wie Film, Fernsehen, Kino oder gar das Computerspiel gänzlich unmöglich sein. Substanziell bietet dieses Werk jedenfalls nichts, was nicht auf andere Weise besser gelingt. Und das ist dann einfach zu wenig.

Daniel Janz, 4. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

Daniels Anti-Klassiker 14: Johann Strauß (Sohn) – An der schönen blauen Donau (1867)

 

2 Gedanken zu „Daniels Anti-Klassiker 15: Wolfgang Amadeus Mozart – Rondo alla Turca („Türkischer Marsch“) aus Klaviersonate Nr. 11 (1783)“

  1. Lieber Herr Janz, wieder musiktheoretisch toll erläutert. Mozart war eben ein Könner auf allen Gebieten, auch auf jenem der leicht verständlichen, sofort eingängigen Unterhaltungsmusik. Bereits nach den ersten Takten (Link) kam mir alles bekannt vor. Interessant ist der Videofocus auf den Dirigenten, dessen Mimik fast genauso spannend wie die Komposition ist. Mozarts Werk hat eben eine unglaubliche Spannweite. Mir rief dieser Ohrwurm sofort die Mozartdarstellung in dem Amadeus-Film von Milos Forman vor Augen. Bitte weiter so, Ihr Ralf Wegner

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