Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.
Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.
von Daniel Janz
Tradition ist gemeinhin auch als generationenübergreifende Weitergabe von Praktiken definiert, die ihren Nutzen bewährt haben. Traditionen überdauern, festigen sich und prägen Kulturen und das gesellschaftliche Zusammenleben. Als solches treffen wir aber oft auch auf Traditionen, die zu ihrer Entstehung einmal sinnvoll waren, über die Zeit aber den Kontakt zur Entwicklung einer Gesellschaft verlieren. Dementsprechend waren Sinn und Unsinn von Tradition auch in dieser Kolumne bereits Gegenstand mehrerer Beiträge. Und was könnte mehr von Traditionen geprägt sein, als das Weihnachtsfest? In diesem Kontext ist ein musikalisches Werk inzwischen traditionell so etabliert, dass es dies zu hinterfragen gilt: Die Rede ist vom Pjotr Tschaikowskys Nussknacker.
Tschaikowskis Nussknacker gehört zu jenen Klassikern, die nicht nur weltweit bekannt sind, sondern auch rege rezipiert werden. Man muss sich nur einmal genauer umhören, wenn man in den frühen Wintermonaten auf dem Weg nach Hause, beim Einkaufen, Fernsehen, Internet und sogar im Privatleben mit Kitsch und Heile-Welt-Fantasien bombardiert wird. Es braucht nicht erst den Kulturbetrieb, der es allen gleich macht und zu dieser Zeit die üblichen Geschütze – Weihnachtspassion, Weihnachtsoratorien und natürlich Tschaikowsky – auffährt. Spätestens beim Blick auf die vielen saisonalen Fernsehwerbungen stolpern wir doch wieder über den „Tanz der Zuckerfeen“, der wegen seiner herrlichen Süße ständig neu malträtiert wird:
Alleine dieser Trubel dürfte für den Einen oder die Andere Grund genug sein, um genervt das Weite zu suchen. Gerade auch Tschaikowskys Nussknacker stellt sich als besonders renitente Weihnachtsfolter dar. Denn im ursprünglichen Ballett, das der russische Komponist nach einem Märchen von E. T. A. Hoffmann komponierte, begegnet uns wirklich das komplette Sammelsurium an schlechtem Geschmack!
Ich meine, man muss doch nur mal die Handlung anschauen… ein junges Mädchen verliebt sich auf einer Weihnachtsfeier in einen locker 20 Jahre älteren Mann, träumt davon, dass das Geschenk – der Nussknacker – das er ihr macht lebendig wird, dann findet noch ein Krieg zwischen Spielzeugen und Ratten statt und am Ende „wird sie zur Frau“ – sprich, sie hat entweder ihre erste Periode und/oder wurde gerade frisch von einem Mann entjungfert, der genauso gut ihr Vater sein könnte. Ist das schon Vergewaltigung? Sexismus pur ist es definitiv! Wen nervt das denn nicht?
Dazu kommt die Anmaßung kultureller Überlegenheit alter weißer Männer gegenüber anderen Kulturen. Beim Blick in Tschaikowskys Programm fällt nämlich ein Klischee nach dem anderen auf. Und dazu noch der blanke Rassismus, von dem das Werk geradezu trieft. Ich meine – hallo? Chinesischer Tanz? Orientalischer Tanz? Das geht mal überhaupt nicht! Jedem guten Geschmack verbietet sich das von selbst! Wo man auch hinsieht, beim Nussknacker weiß man nicht, wo man anfangen soll…
Wenn Sie bis hierher gedacht haben – was für ein Schwachsinn schreibt dieser Irre da!? – dann sind Sie nicht alleine. Bevor also noch böse Kommentare kommen oder mir wieder maximale Inkompetenz attestiert wird, möchte ich als Autor an dieser Stelle betonen, dass die bisherigen Ausführungen eine bewusst sarkastische Überzeichnung darstellen und nicht Ernst zu nehmen sind. Denn ich schätze den Nussknacker sehr – aus eigener Erfahrung kann ich jedem nur einen Besuch empfehlen! Als ich beispielsweise 2019 eine Ballett-Aufführung im Staatlichen Kreml (Moskau) besuchen durfte, war das ein Schlüsselerlebnis! Einen so plumpen Verriss würde ich selbst also auch nicht Ernst nehmen. Denn einem so musikalisch wie szenisch hervorragendem und nachhaltig wirksamem Werk solche Dinge anzudichten – das würde doch nicht einmal einem Banausen einfallen.
Jedenfalls dachte ich das bis zum Jahr 2021… dann erreichte mich ein Artikel in der FAZ. Inhalt: Die Zensur von Tschaikowskys Nussknacker am Staatsballett in Berlin. Und bei dem, was ich da las, flatterten mir buchstäblich die Augen. Da behauptet Christiane Theobald – damals in Berlin kommissarische Direktorin – doch tatsächlich genau jenes, was ich zuvor als absurd gemeintes Horrorszenario beschrieben habe: Der Nussknacker als Inbegriff von Rassismus und kultureller Anmaßung. Stein des Anstoßes der „Chinesische“ sowie der „Orientalische“ Tanz:
Schon damals fragte ich, für wie dumm man uns denn halten würde. Auch, weil es in einem Podcast des Berliner Staatsballetts hieß, „das Publikum sei noch nicht so weit zu verstehen, was es da eigentlich sehe“. Entsprechend fragte ich auch, wie dumm man eigentlich sein müsse, um ein über Jahrhunderte etabliertes und absolut herausragendes Kulturwerk, wie den Nussknacker, zum Inbegriff falsch verstandener Political Correctness zu machen. Und das auch noch in Deutschland, das weltweit als DAS Land der Klassik gilt. Kann man von so einem Land etwa keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Musik, deren Kontext und deren Inhalten mehr erwarten?
Nun hat sich diese Diskussion im Bezug auf Tschaikowsky durch den Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine inzwischen sogar noch verschärft. Seit 2022 sind entsprechend unrühmliche Debatten darüber entbrannt, ob man Tschaikowsky, Schostakowitsch und andere russische Komponisten überhaupt noch aufführen dürfe. Und zwar nicht nur in der Ukraine, die das hauptleidtragende Land in diesem erbitterten Krieg darstellt. Sondern auch in Deutschland, das sich eigentlich als kritisch-reflektiertes und aufgeklärtes Land versteht. Es entsteht fast der Eindruck, als hätte man nur auf weitere Gründe gewartet, diese Musik zensieren zu können. Wenig überraschend fiel Tschaikowsky in Berlin dieser Debatte auch zum Opfer.
Inzwischen stellen die meisten ernsthaften Orchester und Künstler dieser Unsinns-Debatte eine gesunde künstlerische Praxis entgegen. Dass es solche Aufrufe aber überhaupt gab und gibt, offenbart ein generelles Problem in unserem kulturellen Selbstverständnis und ein mangelndes Vertrauen in die Fähigkeiten des Publikums.
Traditionen zu hinterfragen ist das eine. Ihnen falsche Inhalte anzudichten, sie in themenfremde Kontexte zu zerren oder einer politisch motivierten Agenda zu opfern das Andere. Und ich weigere mich, so etwas als neue „Tradition“ zu akzeptieren.
Schon 2021 wurde konfus der Holzhammer „Rassismus“ rausgeholt, anstatt den „Chinesischen“ und „Orientalischen“ Tanz als das zu deuten, was Tschaikowsky damit ausdrücken wollte: Als Traumszenen, die Exotik und die Anerkennung aller Welt an der in der Protagonistin heranwachsenden Weiblichkeit und Liebe verdeutlichen sollen. Damals wurden zwei Worte zum Anlass für Zensur und Boykott.
Noch schlimmer wird es heute mit der historisch verfehlten Verbindung von Tschaikowskys Musik zum Krieg gegen die Ukraine. Auf einmal wird seine Musik synonym zu Russischer Kulturpropaganda gesetzt, als hätte er persönlich die Panzer nach Kyjiw gefahren. Und warum? Weil er selbst Russe war? Ist das nicht Rassismus in sich selbst? Also genau das, was Christiane Theobald seinem Werk 2021 gegenüber vorgeworfen hatte?
2021 hatte ich noch gefragt, ob Theobald nicht den Tatbestand der „üblen Nachrede“ erfüllen würde und deshalb auch für eine fristlose Entlassung plädiert. Inzwischen hat sich ihre Position am Staatsballett in Berlin auch erledigt. Aber insgesamt scheint es mit der Auswechslung einiger Funktionäre, die sich in ihrer Selbstherrlichkeit als einzige zur Deutungshoheit befähigt sehen, nicht mehr getan zu sein. Denn wie die implizierte Verbindung zwischen Tschaikowsky und dem aktuellen Krieg zeigt, sitzen diese Strömungen Richtung Zensur und Boykott so tief, dass mittlerweile jedes Kunstwerk diesem Prozess aus Problematisierung, Dekonstruierung und Political Correctness zum Opfer fallen könnte.
Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Meisterwerke, wie Mozarts Türkischer Marsch, Korsakows Scheherazade, Dvoraks neunte Sinfonie „Aus der neuen Welt“, Brahms „ungarische Tänze“ und viele mehr nicht mehr gewürdigt werden dürfen, weil sie einen kulturellen, geografischen oder ideologischen Bezug innehaben? Können und dürfen wir wirklich keine Kunstwerke mehr rezipieren, die ihre (natürlicherweise begrenzte) Perspektive auf andere Kulturen darstellen? Was ist dann erst mit religiös motivierten Werken, deren Perspektive noch viel enger gefasst ist? Denkt man das einmal zu Ende, fällt mir kein anderes Wort mehr ein, als „Irrsinn“. Und das – ach so „dumme“ – Publikum scheint es ähnlich zu sehen, wenn ich berücksichtige, wie beliebt Tschaikowsky und Co nach wie vor sind.
Niemand lässt sich gerne für dumm verkaufen oder vorschreiben, was man zu mögen hat. Und der Kulturbetrieb ist vor allem eins: Ein Unterhaltungsbetrieb. Ich kenne kaum ein unterhaltsameres Ballett, als Tschaikowskys Nussknacker. Lässt man diesen ohne guten Grund wegfallen und zerstört dadurch neben der Reputation des Werks auch die Tradition, kommt man als Kulturbetrieb seiner Unterhaltungsfunktion nicht mehr nach. Das aber ist der Inbegriff von Nutzlosigkeit. Ganz besonders, wenn es eine Folge von Fehldeutungen oder themenfremden Bezügen ist.
Wir dürfen nicht vergessen, dass jede Form von Zensur auch eine Kapitulation vor der Herausforderung ist, ein Kunstwerk zu deuten. Wer den Nussknacker und Co nur noch als Werk eines Russen sieht, unterwirft ihn also nicht nur höchst problematischen Ansichten, sondern verkennt auch den Reichtum, der in diesem wahnsinnig bereichernden Kulturgut steckt.
Die zwangsläufigen Konsequenzen solcher Entwicklungen haben wir in der Corona-Krise gesehen, in der die Kultur massiv heruntergefahren und fast gänzlich stillgelegt wurde. Und wir sollten uns erinnern: Kulturbetriebe kosten Geld, nutzlose Kulturbetriebe aber sind das Geld nicht wert. Muss man die Tendenz zum Sparen an der Kultur jetzt also auch noch durch Rassismus, Bigotterie und pure Dummheit weiter befeuern? Wenn uns allen unsere Kultur inklusive ihrer Traditionen lieb ist, dann kann die Antwort nur lauten: NEIN!
Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Der Nussknacker, Hamburg Ballett, John Neumeier Hamburgische Staatsoper, 30. Dezember 2025
Der Nussknacker, Choreografie John Neumeier Nationaltheater München, 4. November 2025