So geht Oper. So geht Carmen. Nadezhda Karyazina sorgt für einen Galaabend in Hamburg

Foto: Nadezhda Karyazina, Staatsoper Hamburg (c)
Staatsoper Hamburg
, 7. Februar 2019
Georges Bizet, Carmen

So geht Oper. So geht Carmen. So gehen 1600 Menschen beherzt, berauscht und beseelt nach Hause.

Die Rede ist von George Bizets Jahrtausend-Oper Carmen. Gespielt an der Staatsoper Hamburg. Es war dies die beste Carmen, die der Herausgeber in der Freien und Hansestadt Hamburg erleben durfte – ich komme auf rund 25 Aufführungen im Haus an der Dammtorstraße.

Endlich brannte mal wieder Feuer im Rund, das fast ausverkauft war – Seltenheitswert in einem Opernhaus, das sich oft mit Aufführungen abgeben muss, in denen nur gut jede dritte Karte voll bezahlt wird und die Hälfte der Plätze leer bleibt, selbst wenn Weltstars wie Christian Gerhaher singen: in den Faust-Szenen von Robert Schumann im Oktober und November 2018. Und das nach einer musikalisch und gesanglich dürftigen Premiere von Christoph Willibald Glucks „Orphée et Eurydice“ am Sonntagabend, bei der vor allem der Tenor Dmitry Korchak mit seinen unzähligen Fehltönen und einer gepressten Höhe geübten Operngängern das Leben schwer machte.

Diese Tristesse war wie weggeblasen am Donnerstagabend. Und das lag an allem: An den Sängern, am Dirigenten, am Kinderchor und am Chor sowie am Orchester.

Die Persönlichkeit des Abends war dessen Protagonistin: Nadezhda Karyazina als Carmen. Was für ein grandioser Auftritt! Es war die erste Carmen ihres Lebens, die erste Hauptrolle in ihrem Haus.

Nadezhda Karyazina war die Inkarnation an vokaler Hingabe und Spielfreude. Wenn die Russin in der tieferen Lage sang, dann war das Gänsehaut pur, das war so schön Erda-erdig, voll und mütterlich-fraulich. Im mittleren Register sang die 32-Jährige cremig-schaurig-schön und im High-End-Bereich schließlich mit Devotion und epochaler Strahlkraft.

Klassik-begeistert.de hat ja schon nach der ersten Bekanntschaft mit dieser Ausnahmesängerin gesagt: Dies junge Frau wird ein Star. Sie kann die Menschen mit ihrer Stimme und ihrer Anmutung verzaubern. Die Staatsoper Hamburg dürfte sie nur mit einem großzügigen Vertrag und tollen Rollen halten können. Privat fühlt sich Nadezhda ja pudelwohl in HH: Sie ist mit einem Deutschen verheiratet und lebt mit ihm und dem vier Jahre alten Sohn in der Hansestadt.

 Klassik-begeistert.de hat Nadezhda im Sommer 2017 interviewt.

Großes Exklusiv-Interview mit der Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina, Staatsoper Hamburg

Schauen wir mal kurz rein ins Gespräch:

Hat die Schwangerschaft einen Einfluss auf ihre Stimme gehabt?

Nadezhda Karyazina: „Ich stand bis in den achten Monat auf der Bühne, weil ich zu dem Zeitpunkt ja noch am Royal Opera House in Covent Garden in London gesungen habe. Das war überraschenderweise eine wirklich tolle Zeit. Meine Stimme hat sich ein wenig verändert, denke ich. Sie ist dramatischer geworden, ich kann jetzt Größeres singen. Aber vor allem hatte die Schwangerschaft mental große Auswirkungen auf mich: Sie hat mich geerdet, mir ganz viel Energie und natürlich auch Selbstsicherheit gegeben. Niemand liebt dich so bedingungslos wie dein Kind, das ist sehr berührend.“

Wenn sie auf der Bühne stehe, sagte Nadezhda, versuche sie die jeweilige Rolle zu sein und nicht Nadezhda Karyazina. „Ich fühle mich komplett in die Rolle ein und merke, wie ich mich beruhige und mein Adrenalinpegel sinkt. Das gibt mir Sicherheit, und ich spiele diese Rolle dann bis zum Ende der Oper durch.“

Ihr Ziel: „Ich möchte Menschen berühren, ihnen Erinnerungen entlocken und unvergessliche Momente schenken. Wenn ich das mit meiner Stimme schaffe, ist das ein großes Geschenk für mich und jedes Mal ein unglaublich schönes Gefühl.“

Mit ihrer natürlichen, frischen Spielweise gelingt es der Mezzosopranistin, dass die Zuschauer sich in sie verlieben und mit ihr identifizieren. Nadezhda Karyazina ist eine junge Persönlichkeit, die durch ein beeindruckendes Stimmvolumen fasziniert und eine Palette von Tonfarben ihr eigen nennen darf, die jedem Kunstmaler Ehre machen würde.

Klassik-begeistert.de sagt: Spacibo, Nadezhda! Sie haben mit einer durchdringenden, wunderschönen Klangfarbe gesungen, sehr sinnlich und sehr intensiv. Ihre Carmen setzt Maßstäbe, wenn Sie wollen, können Sie diese Partie auch in Wien, München, Milano und London singen. Und auch in Big Apple.

Kurz zu einigen anderen Stimmen: Der rumänische Tenor Teodor Ilincai überzeugte als Don José auf ganzer Linie! Was für eine wunderbare Strahlkraft, was für eine Resonanz, was für eine Präsenz. Immer gerne wieder in HH! Der 36-Jährige hat auch schon im Haus am Ring in Wien gesungen (Pinkerton in Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“) und geht im Mai als Cavaradossi in Puccinis „Tosca“ auf die Bühne: in der Staatsoper Unter den Linden.

Der Bass Gábor Bretz war als Escamillo auch eine imposante Erscheinung. Im tiefsten Register kann er noch eine ganz kleine Schippe drauf legen – aber auch im dunkelsten Bereich wurde er immer stärker. Dieser Sänger verfügt über ein sehr schönes, spezielles und tolles Timbre. Weiter so! Der Ungar (Jahrgang 1974) singt bei den Pfingsfestspielen und im Sommer bei den Salzburger Festspielen den Jochanaan in Richard Strauss’ Oper Salome.

Und Brava, Micaela! Diese Ruzan Mantashyan müssen Opernliebhaber sich wirklich merken. Sie ist nicht nur wie Nadezhda Karyazina eine sehr aparte Frau, sondern auch eine vorzügliche Sopranistin, die in allen Registern von zart bis leicht dramatisch vollkommen überzeugt. Mit Gänsehaut-Gefühl. Auch die Bayerische Staatsoper in München hat die Armenierin schon auf dem Zettel. Dort singt sie im Juni 2019 die Mimi in Puccinis „La Bohème“. Auch von dieser Frau werden wir noch hören.

Wie auch von der nächsten, auch einem Ensemblemitglied in HH: Katharina Konradi.  Auch eine sehr aparte, positive Erscheinung. Sie war für klassik-begeistert.de die zweitbeste Sängerin des Abends beim Silvesterkonzert in der Elbphilharmonie! An diesem Abend nur eine Nebenrolle: Frasquita. Aber wie bravourös und strahlend vorgetragen! Mit Verve, Sinnlichkeit und Farbenreichtum. Katharina Konradi durfte im Dezember 2018 in der Semperoper in Dresden als Zdenka in Richard Strauss’ Oper Arabella einspringen – und war fulminant. Die in Kirgisistan geborene Sopranistin (sie kam im Alter von 15 Jahren nach Deutschland) bestach beim Silvesterkonzert in der Elphi durch unglaublichen Spielwitz und bestechende, klare Höhen. Als Adele in der „Fledermaus“ von Johann Strauß. Für viele Zuhörer war sie damals gar die beste Sängerin des Abends. Auch ein high potential.

 

Rückblick: Silvester- und Neujahrskonzerte in Hamburg, Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg

Ja, und da stand auch die aparte Marta Swiderska nicht nach und sang Seite an Seite mit Katharina Konradi eine bravoröse Mercédès. Super! Tolle Spannung, tolle Stimme und ein Timbre mit Wohlfühlcharakter.

Dass an so einem Gala-Abend im Haus an der Dammtorstraße dann auch der Chor und die Hamburger Alsterspatzen durch Sangesfreude, Präsenz und Spielwitz überzeugten (was beim Chor leider nicht immer der Fall ist), krönte den Abend, der vom Schweizer Dirigenten Lorenzo Viotti – er wird am 15. März 29 Jahre alt – wunderbar dynamisch, spritzig, agil und präzise geleitet wurde. Da zeigte sich auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg von seiner besten Seite und beging den Abend spielfreudig, präsent und fast fehlerlos (was leider auch nicht immer der Fall ist).

Klare Empfehlung: Gehen Sie mit Familie, Freunden und Bekannten in eine der nächsten Vorstellungen. Oder in mehrere.

Andreas Schmidt, 9. Februar 2019, für
klassik-begeistert.de

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