„Sondern lasset uns angenehmere anstimmen...“

Rückblick: Silvester- und Neujahrskonzerte in Hamburg,  Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg

Foto: Elbphilharmonie Hamburg / Ralph Larmann (c)

Rückblick: Silvester- und Neujahrskonzerte in Hamburg

Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg,
30. und 31. Dezember 2018 / 1. Januar 2019

Hamburg, diese wunderbare Stadt im Norden Deutschlands, bietet sich hervorragend für einen Jahreswechsel für klassik-begeisterte Menschen an. Wer wie klassik-begeistert.de das Glück hatte, den Silvesterkonzerten in der Elbphilharmonie und Laeiszhalle sowie dem Neujahrskonzert in der Laeiszhalle beizuwohnen, kann sehr positiv gestimmt ins neue Jahr gehen.

Wer die Neunte von Beethoven schon einen Tag früher hören wollte, konnte dies bereits am 30. Dezember 2018 in der Laeiszhalle tun: Beethovens letzte Sinfonie steht seit jeher für Brüderlichkeit und Völkerverständigung. Schillers »Ode an die Freude«, die Beethoven feierlich im Schlusschor vertont, ist bis heute ein Zeichen für den Frieden unter den Menschen. Auf ein friedvolles neues Jahr stimmte mit Beethovens Meisterwerk die Neue Philharmonie Hamburg im Großen Saal ein. Zur Seite stand ihr dabei der eigene Chor und Dirigent Samvel Barsegian.

Über die dilettantische (Presse-)Kartenvergabe mit über 20 Minuten Wartezeit und die hoffnungslos unterbesetzte Garderobe im Parkett breiten wir lieber den Mantel des Schweigens. Auch das Konzert war das schwächste der vier besuchten. Das Orchester: sehr jung; eine Geigerin stapft 18 Minuten vor Beginn noch an der frischen Luft herum; ein Klarinettist erscheint erst fünf Sekunden vor dem Dirigenten auf der Bühne, seine KollegInnen sitzen schon.

Das Werk luftig und leicht dargeboten, alle Sänger (es gab keine Programmhefte) mit asiatischen Wurzeln… fast alle gut, der Bariton aber sehr textunverständlich. Allein die Mezzosopranistin war sehr schwach, viel zu zurückhaltend und viel zu leise, fast nicht zu hören, mit viel zu wenig Temperament. Nicht bühnentauglich.

Alle Solisten guckten viel zu viel in die Noten, obwohl sie nur sehr wenig zu singen hatten…. auch der recht gute Chor guckte, mit wenigen Ausnahmen, bei diesem Ohrwurm-Stück viel zu viel in die Noten – das sieht nicht gut aus und klingt nicht frank und frei, nicht götterfunkengleich. Der Chor war im Schlusssatz ohnehin viel zu schwach zu hören – das ist ja nicht der Arnold Schönberg Chor aus Wien, der mit 20 Sängern mehr zu bieten hat als diese Formation. Von den 27 Männern waren – so mein Eindruck von meinem schlechten Platz im Parkett, Reihe 9, Platz 3, aus – nur neun Bässe, der Rest Tenöre. Das war viel zu wenig Bass, sagt der Rezensent, der dieses Werk als Bass schon mehr als 20 Mal auf großen Bühnen singen durfte.

Am letzten Vormittag des Jahres 2018 lud das Philharmonische Staatsorchester Hamburg zu einem Moment des Innehaltens in die Elbphilharmonie, zur Rückschau und zu einem Blick nach vorn. In turbulenten Zeiten setzte das Orchester auf Beständigkeit. Woran kann man sich halten, wenn die Zukunft ungewiss ist?

An die Musik – und zwar die Musik, die viele Jahrhunderte überdauert hat, die zugleich für Lebensfreude als auch für Vertrauen und Hoffnung steht: Musik von Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart. Ergänzt wurde das Programm durch Werke von Toshio Hosokawa, Johannes Brahms und Edgar Varèse.

Es war ein bärenstarkes Konzert in der Elphi – der Rezensent und sein bester, in klassischer Musik nicht allzu vorbelasteter Freund waren mehr als angetan.

Besinnlich ins Neue Jahr: Beim Silvesterkonzert spielte das Philharmonische Staatsorchester unter Kent Nagano mit dem Harvestehuder Kammerchor und Solisten in großer Besetzung auf. Von Bach bis zum Zeitgenossen Hosokawa erklang Musik aus drei Jahrhunderten. Dabei stand die Auswahl der Stücke unter einem gemeinsamen Thema, das zum Nachdenken anregte: der Fragilität und Verletzlichkeit innerhalb Musik, die an der Oberfläche perfekt und schön erscheint. Abgeschlossen wurde der Abend ganz klassisch mit Mozart: Dessen „Spatzenmesse“ aus dem Jahre 1775 besitzt den festlichen Charakter einer Missa solemnis bei gleichzeitiger Kürze einer Missa brevis – und entließ das Publikum feierlich in die Silvesternacht.

Ein großes Lob gilt dem vitalen und stimmenprächtigen Harvestehuder Kammerchor, der um ein Vielfaches besser klang als im Vorjahr der Chor St. Michaelis. Im Vorjahr hatten 41 Frauen und 21 Männer gesungen – in diesem Jahr war die 57 Köpfe starke, recht junge Formation ausgeglichen. Vor allem die beiden A-capella-Motetten „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ sowie „O Heiland, reiß die Himmel auf“ von Johannes Brahms wurden wahrlich meisterhaft dargeboten – und extrem einfühlsam dirigiert vom Chorleiter Edzard Burchards. Bravi! Gänsehaut-Feeling!

Von den sehr guten vier Solisten stach besonders der virile Bass Felix Schwandtke hervor.

Als vollkommen unzumutbar erwies sich – wieder einmal – die Toilettenlage in dem etwa 800 Millionen Euro teuren Prachtbau am Hamburger Hafen: Hunderte Frauen verbrachten die ganze Pause fast 30 Minuten lang vor den Örtlichkeiten, von denen einige defekt waren. Es ist absolut peinlich und unverständlich, was die Schweizer Architekten und die Verantwortlichen in HH sich dabei gedacht haben. Auch eine Schweizer Reisegruppe war alles andere als amused. Dass eine sehr wohlhabende Teilnehmerin nun meinte, vom Konzert Handyaufnahmen zu machen, bleibt ihr Geheimnis und ist auch in der Tonhalle Zürich nicht üblich.

Der Höhepunkt zum Jahreswechsel war für klassik-begeistert.de das Abendkonzert: »Die Fledermaus« ist DAS Stück für einen vergnügten musikalischen Silvester- oder Neujahrsabend. Der Operettenklassiker um die champagnerselige Festgesellschaft beim Prinzen Orlofsky kam erstmals in die Elbphilharmonie. Am Dirigentenpult des NDR Elbphilharmonie Orchesters stand dabei jemand, der sich mit der Wiener Operette bestens auskennt: Manfred Honeck debütierte mit der »Fledermaus« einst an der Wiener Volksoper.

Für die Gäste waren die Foyers mit einem erweiterten Speisen- und Getränkeangebot in der Silvesternacht auch über Mitternacht hinaus geöffnet, inklusive Zugang zur Plaza. Im Foyer des Kleinen Saals gab es einen Barbereich mit DJ, der für Partystimmung bis in die frühen Morgenstunden sorgte.

Die Leistungen der Solisten, des Dirigenten, des NDR Elbphilharmonie Orchesters und des NDR Chores waren allesamt herausragend an diesem wunderbaren Abend – ja, immer wieder Weltklasse. Es war ein Genuss zu sehen und hören, mit wie viel Freude, Präzision und Einfühlsamkeit Manfred Honeck durch das wunderschöne Stück führte. Er kennt diese Operette wirklich aus dem Eff-eff.

Von den Solisten sind zwei Damen hervorzuheben: An erster Stelle die überwältigende österreichische Sopranistin Astrid Kessler als Rosalinde – was für eine wunderbare mittlere und tiefere Lage, was für brillante Höhen. Brava! Kessler war für Simona Saturová eingesprungen.

Und knapp dahinter der shooting star der Staatsoper Hamburg: die in Kirgisistan geborene Sopranistin Katharina Konradi, die durch unglaublichen Spielwitz und bestechende, klare Höhen zu überzeugen wusste. Das Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg war im Dezember 2018 fulminant als Zdenka in Richard Strauss’ Oper Arabella eingesprungen – an der Semperoper in Dresden!

Aber auch den deutsch-turkmenischen Tenor Dovlet Nurgeldiyev, ebenfalls Ensemblemitglied im Haus an der Dammtorstraße, hat der Rezensent noch nie so stark gehört: an diesem Abend mit wunderbarer Strahlkraft als Alfred. Und auch der dänische Bariton Bo Skovhus wusste mit seiner satten tieferen Lage und einnehmenden höheren Tönen zu überzeugen.

Zum Jahresanfang kam wahrlich Freude auf: Es gibt kaum ein anderes Werk, das besser geeignet ist für einen gelungenen Start in das neue Jahr, als Beethovens funkensprühende 9. Sinfonie. Sie vermittelt in einer psychologischen Sinfonie-Reise »durch Nacht zum Licht« eine wertvolle und tief humanitäre Botschaft. Ein musikalisches Plädoyer mitsamt der Vertonung von Schillers »Ode an die Freude«, die mit überschwänglichem Pathos das Ideal einer Gesellschaft von Gleichberechtigten beschwört. Die Symphoniker Hamburg unter der Leitung von Eivind Gullberg Jensen bekamen Unterstützung von einem prominenten Solistenensemble und einem Chor, der eigens für dieses Projekt zusammenkam.

Die Symphoniker Hamburg spielten das Werk in der wunderschönen Laeiszhalle mit ihrer tollen Akustik herausragend gut: Einfühlsam, präzise, musikalisch, genau, mit großer Freude. Als bespielgebend sei die Weltklasseleistung des fulminant und präzise musizierenden Paukisten hervorgehoben. Auch die Flötistin hinterließ einen bärenstarken Eindruck mit ihrem butterweichen Spiel. Und auch dieser Chor konnte sich sehen lassen: Laeiszhallen-Sonderprojekt-Chor. Toll, was die 74, teils recht jungen SängerInnen leisteten. Absolute Spitzenklasse! Das gilt auch für alle vier Solisten: Lauren Fagan, Sopran, Hanna Hipp, Mezzosopran, Tuomas Katajala, Tenor, sowie ganz besonders Audun Iversen, Bass: „Oh Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasset uns angenehmere anstimmen…“

Andreas Schmidt, 4. Januar 2019, für
klassik-begeistert.de

2 Gedanken zu „Rückblick: Silvester- und Neujahrskonzerte in Hamburg,
Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg“

  1. Betr.: Silvesterkonzert der Philharmoniker am 31.12.2018
    Das war bestmmt kein passendes Konzert für Silvester. Hätte man das in der Laeiszhalle
    geboten, da hätte es leere Plätze gegeben. Aber in der Elphi geht einfach alles bei einem immer ausverkauften Haus – mit hohen Eintrittspreisen.
    H-B. Volmer

  2. Großartig war sie in der Tat – die Aufführung der „Fledermaus“ am Silvestertag im Großen Saal der Elbphilharmonie: sängerische Leistungen vom Allerfeinsten sowie ein Orchester und ein Chor, die unter dem pointierten Dirigat von Manfred Honeck zu Hochform aufliefen. Wir hatten sehr viel Spaß an diesem schönen Abend in Hamburg!

    Besser noch als Astrid Kessler (Rosalinde) hat uns indes die herausragende Katharina Konradi in der Rolle der Adele gefallen. Sie und Bo Skovhus in der Hauptrolle des Gabriel von Einsenstein waren für unsere Begriffe die eigentlichen Stars des Abends! Was in dem mittlerweile verfügbaren Konzertvideo nicht reproduziert wird (wohl, da man hierfür auf die individuellen Mikrofonmitschnitte der Solisten zurückgriff): Leider war die Verständlichkeit des Gesangs nicht immer optimal – selbst nicht auf unseren eigentlich sehr guten Plätzen in Bereich L frontal vor der Bühne; eine deutliche Schwäche dieser eigentlich sehr schönen Inszenierung. So sublim die Sangesleistungen der Solisten auch gewesen sein mögen: Was die stimmliche Präsenz im Großen Saal der Elbphilharmonie anbelangt, war Katharina Konradi die herausragende Darstellerin an diesem Abend; sie erhielt den stärksten Applaus an diesem wunderbaren Abend – völlig zu Recht, wie wir meinen!
    Roland Stuckardt

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