John Neumeiers "Ghost Light" lebt von einer intensiven Tiefenspannung

GHOST LIGHT, Ein Ballett in Corona-Zeiten von John Neumeier,  Staatsoper Hamburg, 20. April 2022

Aber auch die zahlreichen Soli beeindrucken, angefangen mit der Bühnenpräsenz von Emilie Mazon, den anziehend-verführerischen Bewegungen von Yaiza Coll, den kraftvollen Sprüngen von Louis Musin, den schönen Port de bras von Xue Lin, den furios-expressiven Soli von Patricia Friza, oder dem brüderlich neckischem Zusammenspiel von Atte Kilpinen und Karen Azatyan.

Das Ensemble beim Schlussbeifall, im dunklen Anzug der Pianist Michal Bialk (RW)

Staatsoper Hamburg, 20. April 2022

GHOST LIGHT
Ein Ballett in Corona-Zeiten von John Neumeier

von Dr. Ralf Wegner

Ghost Light ist ein intimes, nicht für jedermann als Einstieg in die Kunstform Ballett geeignetes Stück. In unserer Loge brachen drei Personen gleich beim Schließen des Vorhangs auf, nach allerdings etwa 110 Minuten pausenloser Spieldauer. Da mögen vielleicht auch andere Bedürfnisse ursächlich gewesen sein als fehlendes Verständnis für dieses 2020 unter Corona-Bedingungen entstandene, handlungsfreie Ballett. Neumeiers Ghost Light lebt von der Tiefen- nicht der Longitudinalspannung. Und die Tiefenspannung nimmt auch nach mehrmaligem Sehen weiter zu. Es ist das bisher individuellste, ganz auf Neumeiers Compagnie zugeschnittene Stück; jede Tänzerin, jeder Tänzer zeigt sich von der persönlichen Seite, ganz auf die eigenen technischen und tänzerischen Fähigkeiten zugeschnitten.

Formal hat Neumeiers mittlerweile auch auf DVD bzw. Blue Ray erhältliches Meisterwerk ein Handlungsgerüst: Das elektrische Geisterlicht, welches auf stillgelegten US-amerikanischen Bühnen zum Unfallschutz auf der Bühne brennen gelassen wird. Dieses Ghost Light zieht bei Neumeier ehemalige Bühnenfiguren wie die Kameliendame, Nijinsky oder Marie aus dem Nussknacker an,  wie das Licht die Motten. Neumeier verwebt dieses Geisterpersonal mit real agierenden Tänzerinnen und Tänzern, die in zwölf Folgen nach Klavierstücken von Franz Schubert in Soli und Pas de deux ihre Sicht auf das Leben zeigen. Schuberts eingängige Musik, einfühlsam von Michal Bialk intoniert, trägt wesentlich zum Gelingen des Abends bei.

Es beginnt mit Aleix Martinez. Wie er mit grob geschnittenen, fast holzpuppenartig wirkenden Bewegungen beginnt und allmählich, unter zunehmendem spielerischen Einsatz seiner Schultern, zu einem schwingenden, fast schlangenartig tänzerischen Gestus wechselt, ist schlicht faszinierend. Einen weiteren Auftritt hat er gegen Ende der Aufführung. Während noch Christopher Evans und Felix Paquet zu der eingängigen Melodie des Impromptus Nr. 4 in As-Dur einen zu den ästhetischen Höhepunkten der Aufführung zählenden Pas de deux, eigentlich synchron getanzte Soli, darbieten, schleicht sich Martinez von rechts kommend auf die Bühne, um sogleich, sich nach vorn bückend, im Boden fast zu verschwinden: Ein symbolhafter Ausdruck der Coronaepidemie und ein die Ästhetik des hinter ihm schwelgerisch tanzenden Duos durchbrechendes Momentum. Dennoch lässt sich Martinez nicht unterkriegen. Über die Zehenspitzen ansetzend, also mit äußerster Kraftanstrengung, gelingt ihm der Weg zurück nach oben in das Leben hinein.

 

Doch zurück zum Anfang. Mit außergewöhnlicher Sprungkraft und hohem Drehspin trägt Atte Kilpinen zum ersten Stück von Franz Schubert bei (Moments Musicaux D 780, Nr. 2 in As-Dur), mit fulminantem Tanz begleitet von Christopher Evans und Felix Paquet. Neumeier weist in dem Programmzettel ausdrücklich darauf hin, dass seine Choreographie dem Abstandsgebot des Corona-Sommers 2020 gefolgt sei. Sämtliche Pas de deux seien deswegen ausschließlich mit Ehepaaren oder Lebenspartnern besetzt worden.

links: Aleix Martinez, dahinter Marc Jubete, David Rodriguez und Nicolas Gläsmann u.a.

oben: Louis Musin sowie Borja Bermudez; re. unten: Xue Lin und Jacopo Bellussi (RW)

Hierzu zählen Silvia Azzoni und Alexandre Riabko, die in einem berührenden Pas de deux zu einer Einheit verschmelzen, zu einem Paar, welches sich nach langer Ehe blind zu verstehen gelernt hat. Überdies zeigt Riabko in seiner Geisterrolle als Nijinsky unverändert, über welches Sprungvermögen er immer noch verfügt, bespielhaft seien seine Nijinsky-Flugsprünge angeführt. Anna Laudere tritt als eine der Bühnengeister, in ihrer Rolle als Marguerite Gautier, in Erscheinung, beindruckt aber auch in einem Pas de deux, der sie zum Dahinschmelzen in den Armen ihres Ehemanns Edvin Revazov bringt. Madoka Sugai und Nicolas Gläsmann zeigen Figurenbilder, die mit kraftvoller statischer Balance und dynamischer Prägnanz die optischen Sinne fesseln. Nicht zu vergessen der männliche Beziehungs-Pas de deux, den Matias Oberlin und David Rodriguez einfühlsam auf die Bühne bringen.

Aber auch die zahlreichen Soli beeindrucken, angefangen mit der Bühnenpräsenz von Emilie Mazon, den anziehend-verführerischen Bewegungen von Yaiza Coll, den kraftvollen Sprüngen von Louis Musin, den schönen Port de bras von Xue Lin, den furios-expressiven Soli von Patricia Friza, oder dem brüderlich neckischem Zusammenspiel von Atte Kilpinen und Karen Azatyan.

Alles in allem war es wieder ein beglückender Abend, der vom Publikum mit freundlichem, aber nicht wie bei Neumeiers großen Handlungsballetten sonst, mit enthusiastischem Beifall aufgenommen wurde.

links: Felix Paquet, dahinter Patricia Friza, Borja Bermudez, Louis Musin, Anna Laudere, Karen Azatyan und Edvin Revazov u.a., rechts: Christopher Evans, dahinter Alexandre Riabko, Jacopo Bellussi, Eliot Worrell, Maria Huguet und Emilie Mazon (RW)

Dr. Ralf Wegner, 21. April 2022, für
klassik-begeistert.de und Klassik-begeistert.at

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