Sehnsucht nach Lebendigkeit: "La Bohème" in der Studentenstadt Freiburg

Giacomo Puccini, La Bohème,  Theater Freiburg

Foto: Rainer Muranyi (c)
Theater Freiburg
Giacomo Puccini, La Bohème, 21. April 2018

von Leah Biebert

Vier Studenten, eine ausstehende Monatsmiete, ausgelassene Trunkenheit und Liebeswirren: Giacomo Puccinis Oper La Bohème ist thematisch so aktuell, dass sie nicht aus dem 19. Jahrhundert, sondern vielmehr aus heutiger Zeit zu stammen scheint. Umso mehr, wenn sie so modern inszeniert ist wie am Freiburger Theater.

Minimalistisch ist die Bühnengestaltung; die Wohnung der jungen Bohemiens ein graues Zimmer, ausgestattet mit modernster Technik und schlichten Möbeln à la IKEA. Die Wände des Quartier Latin bestehen aus bunten Farbinstallationen, flimmernden Pixeln, auf denen Fotos wie Instagram-Posts herumschwirren. Davor: Dunkel gekleidete Erwachsene und quietschbunt angezogene Kinder, die sichtlich Freude am Spiel haben.

Die vier Heranwachsenden tragen schwarze Mäntel und bunte Schals: Sie sind in einer Lebensphase des Übergangs, Jungkünstler auf der Suche nach dem eigenen Selbst, die von den Darstellern authentisch verkörpert werden.

Es wird nach Herzenslust geflämmt, gerauft und geflachst; nur im Gesang sind Michael Borth und Jin Seok Lee den beiden Kollegen überlegen. Die Stimmen von Harold Meers und John Carpenter bleiben zu dünn und vermögen bei lautem Orchester kaum, dieses zu durchdringen. Auch wenn dies der Akustik des Saals geschuldet sein mag, so ist es doch schade, da das Spiel der jungen Männer tatsächlich überragend ist. Die Ausgelassenheit der Jugend kaschiert ihre Unsicherheit, ihre Energie ist dem Erfolgsdruck geschuldet. Das Leben wollen sie möglichst intensiv auskosten – sowohl in der Leidenschaft als auch im Streit.

Ganz groß: Solen Mainguené als Mimì. Die Suche nach Lebendigkeit ist bei ihr eine zweifache. Während die anderen Studenten einen Kampf mit dem Erwachsenwerden austragen, muss sie sich zusätzlich mit etwas auseinandersetzen, das noch viel belastender ist: Ihr Timbre in der kraftvollen Stimme lässt bereits beim ersten Treffen mit Rodolfo ihre Krankheit ahnen. Ihr Liebesduett mit Harold Meers führt zu tosendem Applaus und Bravo-Rufen. Verzweiflung und Todesnähe spielt Mainguené beängstigend glaubhaft.

Die zweite Frau in Puccinis Oper ist Musetta. In stillen Momenten toll, in großen Szenen eher dünn wird Marcellos Geliebte von Katharina Ruckgaber gespielt. Trotz ihrer schrillen Kleidung geht sie wegen ihrer eher zarten Stimme teilweise unter und erreicht nicht die gewünschte Divenhaftigkeit. Gleichzeitig passt dies jedoch zu der zwiegespaltenen jungen Frau, die trotz ihrer Leichtlebigkeit wirklich lieben kann.

Die Bohemiens, provokant und naiv zugleich, müssen mit dem Tod Mimis der Realität ins Auge sehen – und werden durch die Konfrontation mit der Wirklichkeit von der Jugend ins Leben hineingeworfen. Insgesamt eine großartige Schauspielerleistung am Theater Freiburg. Und das Orchester unter der Leitung von Daniel Carter ist ebenso herausragend: Das Freiburger Publikum darf sich glücklich schätzen, immer wieder aufs Neue solch exzellenten Musikern lauschen zu dürfen, die von den sanftesten Klängen bis zum plötzlichen Knall alle Ausdrücke der Musik beherrschen.

Puccini soll seine Oper in Erinnerung an seine Studienjahre komponiert haben. Freiheitssuche, Selbstdarstellung, Sehnsüchte und Überlebenskampf sind auch heute noch Teil des studentischen Lebensgefühls, das vor allem in der Universitätsstadt Freiburg nicht zu kurz kommt.

Leah Biebert, 22. April 2018, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung Daniel Carter
Regie                              Frank Hilbrich
Philharmonisches Orchester Freiburg
Opern- und Extrachor des Theater Freiburg
Kinder- und Jugendchor des Theater Freiburg
Rodolfo                         Harold Meers
Marcello                       Michael Borth
Schaunard                   John Carpenter
Colline                           Jin Seok Lee
Mimi                              Solen Mainguené
Musetta                        Katharina Ruckgaber
Benoît & Alcindoro  Juan Orozco

 

 

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