Il Barbiere di Siviglia - Ein Schmuckkästchen voller höchst komplexer Gesangskunststücke, verpackt in eine leicht überschaubare Intrige und herrlich bekannte Musik

Gioachino Rossini, Il Barbiere di Siviglia, Staatsoper Hamburg, 4. Dezember 2018

Foto: © 2012 Brinkhoff / Mögenburg
Il Barbiere di Siviglia (Der Barbier von Sevilla),

Commedia in zwei Akten von Gioachino Rossini (1792-1868)
Libretto: Cesare Sterbini nach dem gleichnamigen Theaterstück
von Pierre-Augustin de Beaumarchais

Staatsoper Hamburg, Dienstag, 4. Dezember 2018

von Teresa Grodzinska

Rossini, der geniale Opernkomponist, der mit 39 Jahren aufgehört hat, Opern zu schreiben – keiner weiß warum -, hat uns dieses Schmuckkästchen voller höchst komplexer Gesangskunststücke hinterlassen, verpackt in eine leicht überschaubare Intrige und herrlich bekannte Musik.

Mitten in der Woche franst das Parterre der Hamburg Staatsoper an den Rändern aus. Die Mitte des Zuschauerraums ist  aber gut gefüllt. Man rückt zusammen, um die 212. Vorstellung seit der Hamburger Premiere am 29. Dezember 1976 zu genießen. Alles wie immer? Denkste!

Die Opera buffa – in dreizehn Tagen des Januar 1816 geschrieben – ist sofort, so oft und so eigenwillig umgeschrieben und “verbessert” worden, dass es gravierende Unterschiede zwischen dem Original und der bis vor ein paar Jahren gespielten Version gibt. Manche Arien wurden völlig neu verfasst, um “zweitklassigen Sängern die Aufgabe zu erleichtern” (Programmheft). Alleine im Jahre 1816 spielte man “Il Barbiere” sechsundzwanzig mal. Den damals 24-jährigen Rossini kümmerten die Änderungen wenig – er reagierte nicht. Hatte wohl kein Internet, und das Copyright war noch nicht erfunden.

Die bereinigte Ausgabe, die wir zu hören bekommen, verzichtet auf so manches willkürlich gesetzte Crescendo und Diminuendo. Dadurch ist vielleicht zu erklären, dass die so bekannte Kavatine von Graf Almaviva (Oleg Palchykov) und Figaro (Alexander Bogdanchikov) gleich zu Anfang fürchterlich aneinander, gegeneinander und zusammen gegen das Orchester geraten ist. Es ist fatal – findet zu Beginn der Vorstellung ein Malheur statt (es kicksen die Hörner, es bockt das Fagott oder – wie heuer – es geraten Tenöre aus dem Takt) wird der Zuschauer zum Kritik-Tier. Er fürchtet Fehler und erwartet weitere. Eine unruhige Stimmung breitet sich im Publikum aus, erreicht die Bühne… die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Zum Glück erschien rechtzeitig die Rosina, von der wunderbaren Anke Vondung (Sopran) dargeboten. Diese Künstlerin singt so mühelos, leicht, rein, ungezwungen und bezaubernd wie ein Vogel. Sie atmet Luft und gibt uns Musik. Ihr gelang – nach einer Weile – die beiden zwar lauten, aber sehr verunsicherten Herren Almaviva und Figaro in gemeinsamen Einsätzen gleichzeitig zu disziplinieren und zu beflügeln. Es ist das große Geheimnis der Bühne, was wir an diesem Abend beobachten konnten: ein perfekt vorgetragener Einsatz eines Künstlers wirkt belebend auf den Rest des Ensembles. Danke Anke!

Nach der Pause ein veritables Wunder. Wie und warum bleibt das Geheimnis der Kunst.  Wir kennen es aus dem Fußball. Die schwächere Mannschaft auf dem Platz, kehrt aus der Kabine zurück, schießt ein Tor und wird von Minute zu Minute besser. Genauso geschah es vor unseren Augen auf der Bühne: Almaviva und Figaro, sichtlich entspannter, “in der Brust freier”, wie eine mir bekannte Sängerin zu sagen pflegt, fügten sich in die von Christoph Gedschold präzise gegebenen Tempi. Das Publikum applaudierte immer öfter, es wurde gekichert und gelacht.

Das Bühnenbild und die schauspielerische Leistung des Ensembles waren insgesamt auf sehr hohem Niveau. Das hat mich über den ersten Akt gerettet. Dieser luftige, mauretanisch anmutende Innenhof eines andalusischen Städtchens mit seinen Leuten und seinen Liedern… Die Kalauer von Don Basilio, dessen wunderschöner, saftiger Bass (Alin Anca) – meistens –  mit dem Orchester d´accord ging. Die wirklich gute Leistung von Renato Girolami (Bariton) als seniler Vormund von Rosina. Sehr schön.

Wärmster Schlussapplaus, mehrere Aufrufe des ganzen Ensembles samt ziemlich ambivalent wirkendem Christoph Gedschold. Auf dem Weg in die Garderobe traf ich ausnehmend gut aufgelegte ältere Herrschaften, die auf einmal ALLE, ALLE lächelten und einfach glücklich wirkten. Vielleicht nicht gleich jung, aber um Jahre jünger…

Teresa Grodzinska, 6.Dezember 2018
für klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Inszenierung nach Gilbert Deflo
Ausstattung nach Ezio Frigerio
Graf di Almaviva: Oleksiy Palchykov (Tenor)
Don Bartolo: Renato Girolami (Bariton)
Rosina: Anke Vondung (Mezzosopran)
Figaro: Alexey Bogdanchikov (Tenor)
Don Basilio: Alin Anca (Bass)
Fiorillo: Johann Kristinsson (Bariton)
Berta: Na´ama Shulman (Sopran)
Un Ufficiale: Bernhard Weindorf (Bariton)

 

 

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