Ein Klangkörper und zwei Welten: Wie Dirigenten ein Orchester beeinflussen können

Grafenegg Festival, Rudolf Buchbinder, Wiener Philharmoniker, Gustavo Dudamel, Franz Welser-Möst  Grafenegg, 3. und 5. September 2020

Grafenegg Festival (Foto (c)), Konzert am 3. September 2020
Ludwig van Beethoven Ouvertüre zum Trauerspiel „Coriolan“ op. 62
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 in G-Dur op. 58
Symphonie Nr. 2 in D-Dur op. 36
Rudolf Buchbinder, Klavier
Wiener Philharmoniker
Gustavo Dudamel, Dirigent

https://www.grafenegg.com/de/programm-tickets/gustavo-dudamel-und-die-wiener-philharmoniker

Konzert am 5. September 2020
Ludwig van Beethoven:
„Leonore“-Ouvertüre Nr. 3 op. 72b
Symphonie Nr. 3 in Es-Dur op. 55 „Eroica“
Wiener Philharmoniker
Franz Welser-Möst, Dirigent

von Herbert Hiess

Das „spezielle“ Grafenegg-Festival 2020 schloss sozusagen mit einem „Philharmoniker-Block“ ab. Für den Abschluss konnte das Meisterorchester gewonnen werden, das sich im Abstand von nur zwei Tagen komplett unterschiedlich präsentierte. Die Konzerte standen auch voll im Zeichen des musikalischen Jahresregenten Ludwig van Beethoven.

Beim ersten Konzert unter dem venezolanischen Stardirigenten Gustavo Dudamel konnte man eine veritable Sternstunde erleben. Trotz der eher geringen Probenzeit gelang dem Latino-Maestro mit dem Orchester ein Höhenflug, wie man ihn selten erlebt.

Gustavo Dudamel © SF / Marco Borrelli

Schon in der Ouvertüre zu „Coriolan“ hebte das Orchester die Anfangstakte kraftvoll an – man war sofort im Banne der Musik gefangen. Mit blitzsauberer Schlagtechnik und geordneten Einsätzen steuerte Dudamel die Musiker und man merkte, dass er sehr viel Wert auf die Feinheiten und Schattierungen der Musik legte. Für ihn ist eine Nebenstimme kein unwichtiges Beiwerk. Sie ist der Hauptstimme jedenfalls ebenbürtig. Und war wichtig ist – der Dirigent lässt die Musik fließen, klingen und sprechen.

Nach der Ouvertüre kam dann Grafenegg-Intendant Rudolf Buchbinder als Solist aufs Podium und ließ eine der schönsten Aufführungen des 4. Klavierkonzertes des Jahresregenten Beethoven hören. Dieses Klavierkonzert ist Beethoven persönlichstes Werk und lässt schon viele Elemente der Romantik anklingen. Der erste Satz beginnt mit einem  leisen G-Dur Akkordthema, das dann vom Orchester übernommen wird und in einer prächtigen fast marschmäßigen Passage erklingt. Schon hier übertrifft sich Buchbinder bereits; vollkommen wird die Freude dann im zweiten Satz. In der ganzen Literatur gibt es keine vergleichbare Komposition. Hier hat Beethoven eine Zwiesprache zwischen Orchester und Klavier gedichtet (inspiriert angeblich von der Orpheussage). Was fast wie ein Streit beginnt (die mächtigen Streicher gegen das sanfte Klavier) endet in einem der schönsten Dialoge. Großartig, wie Buchbinder, die Philharmoniker und Dudamel das umsetzten.

Rudolf Buchbinder © Marco Borggreve

Als Hauptwerk hörte man die zweite Symphonie, die man eben selten als Hauptwerk hört. Das Werk wird zumeist nur zu Beginn eines Konzertes vor der Pause platziert. Dudamel und das Orchester sorgten auch dafür, dass diese Symphonie ein Hauptwerk wurde. Allein die kräftigen D-Dur Akkorde machten schon Freude auf das, was danach kam. Der erste Satz prickelte so richtig und das „mahlerartige“ Larghetto mit den tänzerischen Elementen war eine richtige Freude.

Auf alle Fälle setzte Dudamel hier Beethoven ein würdiges Denkmal – ein Konzert, an das man sich noch lange erinnern wird.

Zwei Tage später hörte man Franz Welser-Möst ebenso mit einem Beethoven-Programm. Und da war das Orchester offenbar absolut nicht in der Verfassung wie unter Dudamel.

© Claudia Höhne, Franz Welser-Möst, The Cleveland Orchestra

Der Beginn der „Leonore“-Ouvertüre, die mit einem kräftigen und prägnanten C-Dur Akkord beginnen sollte, klang eher lasch und belanglos an. Viel zu breit war der Akkord von Pauke und Bläser und das Fortissimo (ff) war eher nur ein Forte (f). Die Pauke klang dieses Mal überhaupt das ganze Konzert eher lau und viel zu wenig akzentuiert und der Schluss der Ouvertüre war dann sogar verstörend. Denn der Paukenwirbel, der im Fortissimo gespielt werden sollte, war plötzlich ein Crescendo von Mezzoforte zu Fortissimo, was weder gut klingt, nie so gespielt wird und auch nicht so geschrieben ist. Hier stellt sich die Frage, warum der Maestro hier nicht eingegriffen hat.

Bei der „Eroica“ hat sich deutlich gezeigt, wie schwer diese Symphonie zu dirigieren ist. Allein der erste Satz ist mit seinem ¾-Takt recht heimtückisch. Wenn er schnell angelegt wird wie in diesem Konzert, ist es fatal, auch auf 3 auszuschlagen – denn dann besteht die Gefahr, dass die Musiker verunsichert wird, das Gefüge zerfällt und keine Homogenität mehr besteht. Und leider hat man da im ersten Satz einige Unsauberkeiten vernehmen müssen.

Irgendwie war Welser-Mösts Interpretation an diesem Abend zu zerfahren und zu hektisch; mit einer etwas hektischen Schlagtechnik schaffte er es auch nicht, den Fluss der Musik zu halten. Es stand auch wenig Zeit zum Proben zur Verfügung. Schade darum – aber zwei Tage nach so einem Spitzenkonzert wie unter Dudamel war der Kontrast sehr auffällig.

Man muss Rudolf Buchbinder und seinem Team dankbar sein, dass er in so einer Zeit der Pandemie ein solches Festival auf die Beine hat stellen können. In kürzester Zeit hat man die drei Spitzenorchester Österreichs (Tonkünstler Orchester Niederösterreich, Wiener Symphoniker, Wiener Philharmoniker) aufs Podium bringen können; man hat Weltstars wie Anna Netrebko, Jonas Kaufmann, Pjotr Beczala engagieren können – also man hat 60 Kilometer von Wien entfernt ein Weltklassefestival veranstaltet, während die Musikhauptstadt Wien offenbar im Dornröschenschlaf schlummerte. Schon allein deshalb muss man dem Grafenegg-Team Hochachtung zollen.

Herbert Hiess, 6. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

 

6 Gedanken zu „Grafenegg Festival, Rudolf Buchbinder, Wiener Philharmoniker, Gustavo Dudamel, Franz Welser-Möst
Grafenegg, 3. und 5. September 2020“

  1. Interessant, was du bezüglich Welser-Mösts Dirigat geschrieben hast. Vielleicht lag es daran, dass alles „zerfahren und hektisch“ gewesen ist, weil Welser-Möst gerade zeitgleich die „Elektra“ in der Wiener Staatsoper probt? Zumindest am Vortag, am 4. September, hatte er Orchesterprobe.

    Liebe Grüße
    Jürgen Pathy

    1. Du hast völlig recht; das wird wohl daran liegen. Nur der Unterschied zwischen Dudamel und ihm war (im Abstand von nur zwei Tagen) gewaltig. Aber es sind eben alles nur Menschen! Letztlich ist auch das Saisonbeginn-Pensum in der Oper enorm.

      Herbert Hiess

  2. In Wien war ja und ist teilweise noch Sommerpause. Im Wiener Konzerthaus habe ich allerdings auch schon Anfang September Konzerte gehört (auch Buchbinder)! Also von Dornröschenschlaf keine Rede.

    Floh

    1. Ja stimmt! Jetzt beginnt die Saison normal (oder was man als normal bezeichnet). Nur ist die Sommerpause irgendwie unverständlich. Früher hat es viele Sommerkonzerte gegeben (wenn ich mich richtig erinnere, nannte man die Veranstaltungsreihe „Klangbogen“).

      Und so hätte man auch Institutionen wie das Konzerthaus etwas unterstützen können…
      Aber das sind halt alles pers. Anmerkungen.
      LG H. Hiess

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