Wenn Komponisten Spaß haben

Heiteres in der Corona-Krisenzeit: Gute-Laune-Tipps für Klassikfans – Teil 1  klassik-begeistert.de

Heiteres in der Corona-Krisenzeit: Gute-Laune-Tipps für Klassikfans – Teil 1

von Reinhard Berger
(Text und Foto)

Wie viel wiegt eigentlich eine Beethoven-Sinfonie? Zwei Pfund? Zehn Kilo oder gar einen Zentner? Manche Leute sagen, klassische Musik sei schwere Musik. Dieses Vorurteil werde ich widerlegen und Ihnen die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit, die Unbekümmertheit der Musik nahe bringen. Aus meinem Klassikarchiv habe ich Heiteres ausgesucht, das die Seele streichelt und in den harten Zeiten der Coronakrise Optimismus verbreitet.

Total schräg

Die witzigste aller Mozart-Kompositionen ist das Sextett „Ein musikalischer Spaß“, KV 522, eine musikalische Satire, in der sich das Genie Wolfgang Amadeus Mozart über seine dilettantischen Komponistenkollegen lustig und alles absichtlich falsch macht, was die Formen- und Harmonielehre vorschreibt. Im zweiten Satz blasen die Hörner sogar völlig schräge Töne, als ob sich die Hornisten verspielt hätten. Gipfel der Peinlichkeit ist der Schlusssatz, in dem jeder die drei Schlussakkorde in einer anderen Tonart spielt.

Mein Favorit: Mozart – Eine kleine Nachtmusik (mit „Ein musikalischer Spaß“), Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt, Teldec.

Frühlingshaft

Das passt zur Jahreszeit: „Komm, lieber Mai, und mache“. Mozart hat das eigene Lied in seinem letzten Klavierkonzert verarbeitet und leicht verändert. In seinem letzten Lebensjahr 1791. In seinem letzten Frühling. Im letzten Satz. Mir gefällt die Version von John Elliot Gardiner auf Originalinstrumenten und einem Hammerklavier am besten, weil der Pianist Malcolm Bilson in der Kadenz die Originalmelodie aufgreift und nicht den von Mozart vorgeschriebenen Solopart spielt.

Mein Favorit: Mozart, The Piano Concertos, alle Klavierkonzerte, John Elliot Gardiner, The English Baroque Soloists, Solist: Malcolm Bilson. Deutsche Grammophon, Archiv-Produktion.

Hüpfender Frohsinn

Manchmal hüpfe ich sogar mit, wenn ich das Thema der Diabelli-Variationen für Klavier von Ludwig van Beethoven höre. Aus Vergnügen und Schadenfreude, denn eigentlich sollte der Maestro nur eine Variation schreiben. Der Wiener Musikverleger und Komponist Anton Diabelli hatte alle namhaften österreichischen Kollegen gebeten, zu seinem Walzer je eine Bearbeitung zu komponieren. Doch Beethoven griff die Steilvorlage auf und schrieb gleich 33 Variationen dazu, sein letztes großes Klavierwerk, das als musikalisches Denkmal neben Bachs Goldberg-Variationen in die Geschichte einging.

Mein Favorit: Diabelli-Variationen op. 120, Anatol Ugorski, Deutsche Grammophon. 1992

Rasender Jacques

Das ist gute Laune pur – und der Schrecken aller Klavierschüler: Das Presto aus dem Italienischen Konzert von Johann Sebastian Bach. Mir bereitet es größtes Vergnügen, drei Interpretationen dieses Gute-Laune-Dauerbrenners gegenüberzustellen. Als Basis nehme ich die Version von Glenn Gould: tiefsinnig, pragmatisch, schnörkellos (3´01). Dieser Pianist ist für mich der größte Bach-Interpret aller Zeiten. Daneben der legendäre Sviatoslaw Richter, der das Presto, das ein schnelles Tempo vorschreibt, als schwerfälliges Adagio anbietet (4´20). Und zum Schluss der Hammer: Jazzlegende Jacques Loussier, für den ein Presto noch eine lahme Ente ist. Er schafft es in zwei Minuten 58 Sekunden inklusive eigenem jazzigen Mittelteil und Schlagzeugsolo! Da geht die Post ab.

Glenn Gould: Szenen („Glenn Gould spielt Bach“), Sony Classical, 2000. The Essential Richter („The Virtuoso“), Philips Classics, 1996. The Very Best of Jacques Loussier: Air on a „G“ String, Music Club, 1999.

 Im Walzertakt

Die ersten Takte täuschen gewaltig. Sanfte Harmonien liebkosen das aufgewühlte Nervenkostüm. Aber dann bricht ein harmonisches Gewitter los und lässt den Blutdruck steigen. „Aufforderung zum Tanz“, wie Carl Maria von Weber sein kleines Klavierwerk genannt hat, ist nur ein harmloses Kostüm für das, was sein Opus 65 mit dem Zuhörer anstellt. Ob Klassikfan oder nicht, ich behaupte: Das reißt jeden vom Hocker.

Short Stories, Anatol Ugorski, Deutsche Grammophon, 1995.

Hundert-Meter-Lauf

… und von derselben CD, vom selben Komponisten, vom selben Pianisten: Perpetuum mobile, op. 24. Ein Hundert-Meter-Lauf ist dagegen ein gemütlicher Spaziergang. So schnell kann ich gar nicht hören, wie Ugorski, der ehemalige Professor an der Hochschule für Musik in Detmold, spielt. Er rast in einer Präzision über die Tasten, dass beim Mitlesen die Noten vor den Augen verschwimmen. Wer da noch mies drauf ist, dem ist nicht zu helfen.

Alle Angaben beziehen sich auf CDs. Die meisten Stücke sind auch auf YouTube und bei Streamingdiensten (mit unterschiedlichen Interpreten) zu hören und als Downloads erhältlich.

Reinhard Berger, 28. April 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Zuerst erschienen in der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA).

Allerleikeiten

Reinhard Berger, geboren 1951 in Kassel, Journalist, Buchautor, Hunde- und Hirnbesitzer.

Vergänglichkeiten: Vor dem Ruhestand leitender Redakteur der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA).

Herzlichkeiten: verheiratet, zwei Söhne, zwei Schwiegertöchter, drei Enkel, ein Rottweiler.

Anhänglichkeiten: Bach, Beethoven, Bergers Nanne (Ehefrau).

Auffälligkeiten: Vorliebe für Loriot, Nietzsche, Fußball, Steinwayflügel, Harley-Davidson.

Öffentlichkeiten: Schlauberger-Satireshow, Kleinkunstbühne.

Alltäglichkeiten:Lebt auf einem ehemaligen Bauernhof.


www.facebook.com/derschlauberger

 

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