Wenig Neues

Kenny Barron Quartet Jazz in der Elbphilharmonie, Elbphilharmonie, 10. August 2022

Foto: © Maxim Schulz

Elbphilharmonie, 10. August 2022

Elbphilharmonie Sommer
Jazz in der Elbphilharmonie

Kenny Barron Quartet:

Kenny Barron piano
Peter Washington bass
Justin Faulkner drums
Jesse Davis saxophone

von Nikolai Röckrath

Magisch, diese Momente vor dem Konzert. Erwartungsvoll steht der glänzende Flügel im Raum, daneben der Bass in yogischer Tiefenentspannung, im „Savasana“. Alles ist bereit für den großen Moment, den Moment, in dem die Saiten in Schwingung versetzt werden und sich das gedämpfte Murmeln im Raum und die darauffolgende sehnsüchtige Stille in Klang verwandeln.

Auftritt der Musiker. Träge, beiläufig betreten sie den nahezu ausverkauften Saal der Elbphilharmonie, finden ihre jeweiligen Instrumente und – noch bevor überhaupt ein Ansatz von Stille den Raum verhüllt – beginnen sie das Murmeln, Husten und Rascheln mit Bill Evans‘ „Like Someone in Love“ zu umspielen. Verweben es mit subtilen, zarten sechzehntel Läufen, sind direkt mittendrin, ganz so als wäre das Publikum soeben ins zweite Set geplatzt. Wenig Raum bleibt da für Zauber.

Gedankensprung. Eine Frage, die mich das Konzert über nicht loslässt aber elementar ist, um darauffolgende Ausführungen einzuordnen: Muss Musik „Neues“ schaffen? Und weiter: Muss mit Kenny Barron ein fast 80-jähriger Pianist in einem seiner etlichen Konzerte womöglich am Ende seiner pianistischen Laufbahn „Neues“ schaffen? Oder Peter Washington, der in seiner langen Wirkenszeit bereits über 450 Titel eingespielt hat und damit womöglich der gefragteste Bassist unserer Zeit ist?

Wenn es die Beiden nicht tun, muss dann zumindest ein Funke „Neues“ von dem nur 31-jährigen Schlagzeuger Justin Faulkner überspringen, etwas Unerwartetes, etwas, das hinhorchen lässt? Etwas, was einen an die Kante des Stuhls rücken lässt, angeregt fragend, wohin die Reise geht und was um Steigerung, spannungsvolle Zerrissenheit und deren Auflösung fleht.
Kurzum, Musik, die bewegt.

Zumindest die übergeordnete Frage beantworte ich für mich mit: Ja. Wer dies nicht tut, möge diesen Eintrag getrost zur Seite legen, möge die einwandfrei vorgetragenen, technisch makellosen und wundervoll klingenden Jazzstandards an diesem Abend genussvoll nachwirken lassen. Denn daran gibt es keine Zweifel: alle hier anwesenden Musiker stehen fraglos mit größter Berechtigung seit Jahren an der Weltspitze und haben in der Jazzwelt dank großer, innovativer Einspielungen bereits ihren eigenen Fußabdruck hinterlassen.

Handwerklich spielen die vier Musiker jeder für sich einwandfrei, spicken ihr Spiel mit schönen melodischen Linien, perlenden Läufen und konstanten, ungehetzten Tempi. Faulkner darf dabei in schnelleren Stücken voranschreiten, wird jedoch stets durch den unaufgeregten Peter Washington auf Linie gehalten, Jesse Davis kreiert besonders in den Balladen wärmste Klänge und schnörkellose Melodielinien auf seinem Saxophon.

Innovative Ideen werden jedoch bei so viel trockener Abgeklärtheit im Keime erstickt. Pflichtbewusst, wenig ambitioniert, ja geradezu eingestaubt wirkt das. Wenig Platz bleibt für die gemeinsame Exploration und das Suchen nach Antworten. Fast schon karikativ, wie Faulkner alle seine explosiven Kräfte zu bündeln scheint vor seinen phlegmatischen Kollegen und sie in seinen Soli immer wieder ansatzweise entflammen. Lichtblick dabei der Auftakt zu Thelonious Monks‘ „Well You Needn’t“, bei dem Barron und Faulkner im Duo einsteigen. Es entsteht kurzzeitig der Eindruck, da säßen sich Lehrer und Schüler gegenüber, wobei der Lehrer diesmal durchaus gewillt ist, seinem engagierten Schüler Gehör zu schenken und dessen Ideen fortzuspinnen. Diese Lebendigkeit und das gegenseitige Eingeständnis zu Fehlern sind an diesem Abend jedoch Mangelware.

Wer vor knapp vier Monaten besagten Justin Faulkner in der Laeiszhalle an der Seite von alten Jazzgrößen wie Branford Marsalis und Joey Calderazzo gehört, gesehen und erlebt hat weiß mit Sicherheit: selbst ein über 30 Jahre hinweg bestehendes Quartett kann sich ständig neu erfinden und sich an einem Abend in absolute Ekstase spielen. Was es dazu braucht: Das absolute Eingeständnis von Experimentierfreude, Lust auf das Neue, das Bedürfnis, mit der Musik etwas auszudrücken, etwas, das unmittelbar von Innen kommt.

Dieses Wagnis geht der heutige Abend nicht ein. Er strebt nach Perfektion und stürzt dadurch ins Klischeehafte. Auch der unerschöpfliche und unübertroffene Ideenreichtum von Kenny Barrons Spiel sowie dessen schlichte Eleganz in den großartigen Alben wie „Live at Bradley’s“, „What if?“ oder „Landscape“ bleiben am heutigen Abend ein uneingelöstes Versprechen.

Nach Blue Mitchells‘ „Fungji Mama“, dem siebten und letzten Stück vor der Blueszugabe treten die Musiker schließlich ganz physisch in Interaktion, etwas ungelenk wirkt die Verbeugung vor den sich genügsam zeigenden, applaudierenden und sich langsam leerenden Rängen.

Kenny Barron merkte gleich zu Beginn über die seit den 80ern nicht mehr besuchte Hansestadt an: „It changed a lot“. Vielleicht ist zu viel Wandel auch gar nicht unbedingt wünschenswert. Zumindest hier und heute bleibt alles beim Alten. Und damals war ja auch nicht alles schlechter, mögen sich einige denken.

Nikolai Röckrath, 12. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Branford Marsalis Quartet, »The Secret Between the Shadow and the Soul«, Laeiszhalle,  4. April 2022

SWR Symphonieorchester, Antoine Tamestit, Viola, Teodor Currentzis, Elbphilharmonie, 2. April 2022

Branford Marsalis Quartet, Elbphilharmonie Hamburg, 9. März 2019

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