Da leuchten die Augen – für sechs Euro in der Elbphilharmonie

Konzert für Hamburg
Thomas Hengelbrock, NDR Elbphilharmonie Orchester
Nicolas Altstaedt, Violoncello
Joseph Haydn, Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur Hob. VIIb/1
Béla Bartók, Konzert für Orchester Sz 116

Das haben sich die Menschen in der Metropolregion Hamburg, vor allem jene, die in Hamburg Steuern zahlen, redlich verdient: Klassik vom Feinsten binnen einer Stunde im Großen Saal der Elbphilharmonie. Für 6, 12 und 18 Euro. Dargeboten von einem Weltklassecellisten: Nicolas Altstaedt. Und von einem Orchester, das unter dem wunderbaren Thomas Hengelbrock immer mehr zu einem der deutschen Spitzenorchester reift: dem NDR Elbphilharmonie Orchester.

„Konzerte für Hamburg“ heißt die Veranstaltungsserie. Die Hamburger haben sich im Internet die Finger wundgetippt. Und in den Stadtteilen Schlange gestanden – auf der Suche nach Karten, die teilweise billiger waren als eine Kinokarte für einen drittklassigen Film mit drittklassigen Schauspielern aus Hollywood.

Und so kamen Menschen in die Elbphilharmonie, die zu großen Teilen noch nie ein Konzerthaus von innen gesehen hatten. Und sie staunten. Und schwiegen – auch zwischen den Sätzen so ganz unterschiedlicher Musik wie dem Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur des Wieners Joseph Haydn von etwa 1765 sowie dem Konzert für Orchester des Ungarn Béla Bartók von 1943.

Die Menschen hatten zum Teil den Mund ganz weit offen. Ihre Augen leuchteten. Sie waren größtenteils voll bei der Sache. Sie hörten göttliche Musik von Joseph Haydn, von einem grandiosen Cellospieler: Nicolas Altstaedt, der das Cello so meisterhaft, so leidenschaftlich, so zart bis wuchtig zu spielen vermag wie kaum ein Cello-Spieler auf diesem Planeten. Sein Piano, zart mit dem Bogen gehaucht, ließ viele Zuhörer erschaudern. Sein Forte ging so eindringlich von den Saiten, dass es vielen vor Entzückung den Rücken herunterlief.

That was classical music at its best. Mit einem wunderbaren Zusammenspiel zwischen dem NDR Elbphilharmonie Orchester und dem Deutsch-Franzosen Nicolas Altstaedt. Wow, spielte der locker. Ohne Noten, na klar. Immer wieder im Blickkontakt mit Thomas Hengelbrock, dem er immer wieder ein Lächeln, ein Augenzwinkern schenkte. Ja, er beobachtete sogar ganz genau sein Publikum und warf manchem Zuhörer in den ersten Reihen auch einen netten Blick und ein Augenzwinkern zu.

Was Nicolas Altstaedt wohl über das Mädchen auf Platz B 2/2 im Parkett gedacht hat, das ihn aus 1,5 Meter Entfernung minutenlang filmte, während Haydns unsterbliche Musik den Großen Saal erfüllte? Er dürfte sich gesagt haben: Ich spiele hier für 2100 Menschen, was stört mich da die Kamera einer Achtjährigen?

Dem Großvater neben ihr war es übrigens schnurzpiepegal – Hauptsache, ich hab meine heilige Haydn-Ruhe, wird er sich gedacht haben. Eine Mutter in Ebene 13 war etwas rücksichtsvoller und verließ mit ihrer plärrenden Tochter nach zehn Minuten den Saal. Schade für die Mutter, gut für das Mädel und ein Segen für Zuhörer und Musiker.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass ein crétin in Reihe vier, Mitte, bei der Zugabe des göttlichen Vorspiels zum dritten Aufzug von Richard Wagners Meisteroper „Lohengrin“ mit einer manuellen Kamera fotografierte und das Klicken im ganzen Saal messerscharf zu hören war, war es wirklich ein ganz phantastischer Abend in Hamburgs neuer Perle am Elbufer im Hafen, mitten in der Freien und Hansestadt – jener 1,8-Millionen-Stadt an der Elbe Auen, deren Politiker, Wirtschaftsgrößen und Journalisten mehrheitlich die Olympischen Sommerspiele ausrichten lassen wollten und deren Bürger mehrheitlich in einem Referendum NEIN sagten … und jetzt stellen alle fest, dass die „Kulturstadt“ Hamburg auch eine schöne Vision und Gemeinschaftsangelegenheit „für die schöne Verschlafene“ (so der verstorbene Hamburger Altbundeskanzler Helmut Schmidt) ist.

Da hat es auch nicht geholfen, dass ein namhafter und einflussreicher Hamburger Journalist die Hamburger nach dem Nein zu Olympia unter der Gürtellinie attackierte, sie seien rückwärtsgewandt und Ewiggestrige.

Ja, liebes Hamburg: Dreckige Doping-Spiele mit Massen, die nach vier Wochen wieder abziehen aus Deinen grünen Straßen und Deinen schönen Kanälen, wären nichts für Dich gewesen, da konnten die Hamburger Medien noch so viel unkritische PR schreiben und senden.

Die Hamburger waren cleverer, hanseatischer: Ihnen reicht eine Elbphilharmonie, die rund 789 Millionen Euro – zehn Mal so viel wie ursprünglich geplant – gekostet hat. Sie wollen nicht – im Gegensatz zu vielen Entscheidern in den Medien – jahrelang nur noch über ein fragwürdiges Sportgroßereignis lesen, dass sich immer mehr ad absurdum führt.

Den Hamburgern reicht ihre Elphi – und die ist ja auch wirklich außergewöhnlich:

Jeder Hamburger dürfte – im Schnitt – 1000 Euro Steuern für das neue Identitäts- und Sinnstiftungsgebäude im Hamburger Hafen gezahlt haben. Viele aber deutlich weniger und viele deutlich mehr! Da ist es ganz in Ordnung, mal für 12 Euro ein Konzert zu hören… Die meisten sind leider nicht hereingekommen… Und in der kommenden Saison sollen mehr Karten an Hotels und Touristen gehen, damit wahr wird, wovon viele träumen in Hamburg: Mehr Touristen aus Deutschland, Europa und aus aller Welt.

Wer über das Thema Touristen einen schönen Anschauungsunterricht bekommen möchte, möge einmal mit einem richtigen Wiener sprechen und sich auf den Stehplätzen der Wiener Staatsoper umschauen. Wiens erster Bezirk gehört zur Hauptreisezeit mehrheitlich den Touristen. Aber, liebe Hamburger, immer sutsche: Noch ist Hamburg international gesehen Provinz und kann noch viele Touristen aufnehmen.

Zum Konzert: Amazing, phantastisch, wunderbar! Das Spiel von Nicolas Altstaedt war so intensiv, das man als Zuhörer dachte, er spiele nur für einen selbst. So warm und so homogen mit dem Orchester ist dieses Haydn-Konzert selten erklungen. Dieser Haydn erklang wirklich unglaublich fein. Das Orchester musizierte wie aus einem Guss – toll!

Und dann der wunderbare Bartók. Er musste wegen des Zweiten Weltkrieges in die Vereinigten Staaten emigrieren – sonst hätten ihn die Nazi-Schergen sicherlich getötet. Er hat sein Werk 1943 für das Boston Symphony Orchestra komponiert. „Giuoco delle coppie“ – Spiel der Paare – heißt der zweite Satz, in dem sich die Holzblasinstrumente – besonders eindrucksvoll die Oboen und die Hörner – nacheinander pärchenweise vorstellen.

Überhaupt steckt dieses etwas andere Konzert, das Bartók in seiner neuen Heimat komponierte, voller Überraschungen und Stimmungswechsel. Ziemlich ernst rahmen der erste und dritte Satz das vergnügliche Treiben des konzertanten zweiten Satzes ein. Im vierten Satz schnitten die NDR-Musiker mit ihren Instrumenten wilde Grimassen und zitierten den Gassenhauer „Da geh ich ins Maxim“ aus Franz Léhars Operette „Die Lustige Witwe“. Im letzten Satz schlägt furios das Herz des Volksmusikforschers Bartók, der sich zeit seines Lebens von der ungarischen und rumänischen Bauernmusik angezogen fühlte und sie auf Forschungsreisen systematisch mit einer Art Grammophon-Aufnahmegerät dokumentierte – wie auch afrikanische Klänge, Klänge des Maghrebs sowie Klänge des Nahen und Mittleren Ostens. Ihre Energie griff er in seinen eigenen Werken auf.

Nun ja, bei Bartók kann das NDR Elbphilharmonie Orchester noch lernen. Da darf das Piano gerne noch mehr Piano sein und das Forte noch mehr Forte. Da sollten die Musiker einmal lauschen, wenn wahre Weltklasseorchester wie das Chicago Symphony Orchestra oder die Wiener Philharmoniker Stippvisite in HH machen. Auch in Sachen Wagner geht noch viel mehr: Das berühmte Lohengrin-Vorspiel aus dem dritten Aufzug geht noch wagnerischer, noch dynamischer, noch entrückter und beseelter. Auch da könnten Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden am Montag, 6. Februar 2017, im Großen Saal hervorragenden Anschauungsunterricht bieten. Die NDR-Blechbläser waren auf alle Fälle schon einmal voll in der Wagner-Spur und auf dem richtigen Weg zur konzertanten Aufführung der Wagner Oper „Das Rheingold“ am 26. und 27. Mai 2017.

Die Musikerinnen und Musiker des gebührenfinanzierten Norddeutschen Rundfunks haben sehr, sehr viel gespielt und geprobt während der letzten Wochen – und sicher mussten die Gewerkschafter dabei auch einmal ein Auge zudrücken. Aber man merkte beim Bartók vielen Streichern an, dass sie an der Grenze des Zumutbaren musizierten. Schade, dass nicht wenige Geiger, Bratschisten und Cellisten dabei nicht mehr auf etwa 80 Prozent des Klangergebnisses ihrer ersten Musiker kamen – die sind alle sehr gut herauszuhören und machen einen verdammt guten Job, allen voran der Konzertmeister am Freitagabend.

Sie, verehrter Herr Konzertmeister, waren neben Nicolas Altstaedt die zweite musikalische Lichtgestalt bei diesem wunderbaren „Konzert für Hamburg“.

Der Dirigent Thomas Hengelbrock sagte sehr kluge Worte zur Komposition von Béla Bartók: Der Ungar, vertrieben ins ferne, freie Amerika, habe 1943 mit seiner Musik ausdrücken wollen, wie wichtig es sei, dass die Menschen zusammenfinden. Hengelbrock: „Es ist in diesen Zeiten wichtig, ja geradezu notwendig, dass wir dieses Stück spielen.“

Andreas Schmidt, 4. Februar 2017
klassik-begeistert.de

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