Ladas Klassikwelt 111: Marta Fuchs, »die größte Kundry aller Zeiten«, trat 1941 in Krakau auf

Ladas Klassikwelt 111: Marta Fuchs, »die größte Kundry aller Zeiten«, trat 1941 in Krakau auf

Ankündigung des Konzerts des Philharmonischen Orchesters des Generalgouvernements mit Marta Fuchs am 17. Februar 1941 in Krakau, Quelle: Blog „Niemiecki Kraków“ 

von Jolanta Łada-Zielke

Während der Bayreuther Festspiele 1939 sang Marta Fuchs die Brünnhilde. In der Villa Wahnfried fand damals ein von Hitler gespendeter Empfang für Künstler statt. Marta Fuchs fragte den Kanzler daraufhin direkt, ob er es vorhabe, einen Krieg hervorzurufen.  „Verlassen Sie sich darauf, Frau Fuchs, es gibt keinen Krieg!“, antwortete er lächelnd. „I trau’ Ihnen net!“, erwiderte sie in schwäbischem Dialekt. Die 1898 in Stuttgart geborene große Wagner-Sängerin, „schwäbisches Gotteskind“ genannt, entwickelte ihren Charakter in einer Christlichen Gemeinde und in der Anthroposophischer Gesellschaft. Sie war freimütig, aufgeschlossen und hatte einen großen Sinn für Humor. Dies alles ermöglichte ihr, die schwierigen Zeiten zu überstehen, in denen sie leben musste.

Auf die Ankündigung des Konzerts mit der Teilnahme von Marta Fuchs im Februar 1941 in Krakau bin ich zufällig gestoßen, als ich Informationen über Aufführungen der Musik Richard Wagners im besetzten Polen suchte. Später habe ich das biographische Buch über sie von Roswitha von dem Borne und Johannes Lenz gelesen. In dieser ansonsten sehr wertvollen Publikation findet sich kein einziges Wort über den Auftritt der Sängerin im Generalgouvernement. Einen Monat nach ihr sang dort ihr Kollege und Altersgenosse Julius Patzek, dessen Name sich zusammen mit Marta Fuchs ab 1944 auf der Liste der sogenannten „Gottbegnadeten Künstler“ befand.

Beide Konzerte fanden unter der Leitung von Hans Rohr statt, begleitet von dem Orchester des Generalgouvernements, über das ich bereits auf KB geschrieben habe. Die Wesendonck-Lieder im Programm des Auftritts von Marta Fuchs sind bedenkenswert. Die Buchautoren geben nicht an, dass die Sängerin diese im Repertoire hatte. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, weil sie fließend vom Blatt las und neue Stücke schnell lernte, so dass es für sie kein Problem war, diesen Zyklus zu beherrschen. Man weiß jedoch nicht, wer sie nach Krakau einlud und ob sie oder Hans Rohr dieses Programm vorschlug. Vermutlich bekam sie diesen Auftrag als eine der „uk“ (unabkömmlichen) und musste ihn ausführen.

„Schwäbischer Glückspilz“

Beim Lesen ihrer Biografie kam ich zu dem Schluss, dass diese Frau unglaubliches Glück hatte. Erstens, weil sie in Stuttgart – einer zu musizierenden Frauen freundlichen Stadt – geboren wurde. Emilie Zumsteeg, Komponistin, Musikschriftstellerin und Gründerin des ersten Frauenchors, stammte ebenfalls aus Stuttgart. Zweitens hatte Marta Fuchs großartige Eltern, die ihre künstlerischen Pläne voll unterstützten, anstatt in ihr eine zukünftige, anständige Hausfrau zu sehen. Ihr Vater Ernst Fuchs war Zimmer- und Dekorationsmalermeister sowie ein Mitglied des lokalen Chorvereins und ein großer Theaterliebhaber. Ihre Mutter Wilhelmine hatte eine schöne Singstimme. Über das Privatleben von Marta Fuchs gibt es in dem Buch nichts; es scheint, dass sie durch ihre künstlerische Arbeit total erfüllt war. Drittens war sie fast immer von gebildeten Menschen umgeben, die einen guten Einfluss auf sie hatten.

Das traurigste Erlebnis in Martas Kindheit war der Tod ihres Bruders Ernst Gottlob Walter im Ersten Weltkrieg. Dies prägte auch ihre pazifistische Einstellung. Als reife Frau hatte sie den Mut, sich für die vom nationalsozialistischen Regime verfolgten Künstler einzusetzen, so auch für den Dirigenten Fritz Busch, dem man das Amt des Generaldirektors der Dresdner Semperoper genommen hatte. 1936 versuchte sie mit ihrem Freundeskreis das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft zu verhindern. Als es jedoch 1941 dazu kam, intervenierte sie für die Befreiung der verhafteten Mitglieder dieser Institution. Aus dem Inhalt des Buches geht hervor, dass sie selbst dafür keine Unannehmlichkeiten erlitt.

Marta Fuchs, Quelle: https://isoldes-liebestod.net

Der Weg zu „der größten Kundry aller Zeiten“

Ebenfalls war Martas gesangliche Entwicklung interessant. Nach ihrem Abschluss an der Mädchenschule Königin-Katharinen-Stift in Stuttgart begann sie ein Gesangsstudium am dortigen Königlichen Konservatorium. Sie bildete sich in Meisterkursen in München und in Italien weiter. Als sie mit der Bewegungskunst „Eurythmie“ in Berührung kam, ließ sie sich von diesem Trend inspirieren. Sie nutzte diese Erfahrung aus, um auf der Bühne schauspielerisch entsprechend agieren zu können. Ihre berufliche Tätigkeit fing sie mit Liedern und Oratorien an. Für ihr Liedrepertoire wählte sie Werke von anthroposophischen Komponisten, vor allem von Paul Baumann und Ralph Kux. Gerne führte sie den Liederzyklus „Die junge Magd“ von Paul Hindemith auf.

Von 1924 bis 1928 nahm sie an den Donaueschinger Musiktagen teil. Ihr Operndebüt gab sie 1928 in Aachen als Cornelia in der Oper „Julius Cäsar“ von Händel. Später sang sie den Orpheus in Glucks „Orpheus und Eurydike“ und die Annina in Strauss’ „Der Rosenkavalier“. Der Komponist selbst hörte sie in dieser Rolle und schlug sie für die Salzburger Festspiele 1929 vor. Sie sang auch die Rolle der Azucena in Verdis „Der Troubadour“.

Im Jahr 1930 erhielt sie ein Engagement an der Dresdner Semperoper. Ihre erste Rolle an dem neuen Arbeitsort war die Maddalena in „Rigoletto“. Dort führte sie auch ihre erste Wagner-Partie auf – Fricka in „Die Walküre“. Zunächst sang sie als Altistin, doch Fritz Busch erkannte in ihr ein Entwicklungspotential zum dramatischen Sopran und ermutigte sie, in diese Richtung zu gehen. Dieser Ratschlag erwies sich für sie als richtig. Im Jahr 1932 zeichnete man sie mit dem Titel der Kammersängerin aus. Sie schuf einzigartige Kreationen als Klytämnestra in „Iphigenie in Aulis“ und die Titelheldin in der „Alceste“ von Gluck.

Doch die Rolle ihres Lebens war die Kundry, mit der sie 1933 in Bayreuth debütierte. „Kundrys komplizierte seelische Struktur ist selten in ihrer Dämonie, in ihrer jugendlichen Leidenschaft, in ihrer Schicksalslast und in ihrer Erlösung so vermeintlich gestaltet worden wie durch Marta Fuchs“, so schwärmten die Kritiker. Martas Kollege, der Bass Otto von Rohr, sagte: „Wenn die Frau Fuchs die Kundry singt, ist es ein Weihespiel“. Wilhelm Furtwängler nannte sie „die größte Kundry aller Zeiten“.

Heinz Tietjen bei einer Probenbesprechung zum „Parsifal“ mit Marta Fuchs als Kundry und Ivar Andresen als Gurnemanz in Bayreuth, Quelle: Wikipedia

Ihre weiteren Rollen, die sie als reifer dramatischer Sopran sang, waren Leonore in Beethovens „Fidelio“, die Marschallin in Strauss’ „Rosenkavalier“, Brünnhilde in „Der Ring des Nibelungen“ sowie Isolde, Lady Macbeth und Herodias in „Salome“. Im Jahr 1935 wurde sie Mitglied des Solistenensembles der Staatsoper Berlin. Während des Zweiten Weltkriegs nahm sie an den Kriegsfestspielen in Bayreuth teil. 1945 kehrte sie nach Stuttgart zurück, wo sie in der dortigen Staatsoper die Leonore, Ortrud und Kundry sang. Anfang der 1950er Jahre zog sie sich wegen einer Halskrankheit von der Bühne zurück und widmete sich dem Unterricht in Gesang. Sie starb im September 1974 in einem Künstlerheim in Stuttgart.

Natürlich scheint der Krakauer Aufritt angesichts all der glanzvollen Erfolge in der Karriere der Sängerin nicht so wichtig zu sein. Leider sind keine Rezensionen zu diesem Konzert erhalten geblieben, was aber nicht bedeutet, dass es keine gab. Ich wäre neugierig, welchen Eindruck der Besuch in meiner Heimatstadt bei Marta Fuchs hinterlassen hatte, das steht aber auch nirgends beschrieben. Ich vermute, dass diese sensible, an christlichen und anthroposophischen Werten orientierte Person um das Schicksal der polnischen Musiker besorgt war, deren Engagement in diesem Orchester ihnen das Leben rettete und zumindest eine minimale Existenz unter den schwierigen Bedingungen der Besatzung sicherte.

Zwar erwähnt man im Buch einige polnische Aspekte, wie den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943. Sie dienen jedoch nur dazu, den politischen Hintergrund zu skizzieren und stehen nicht in direktem Zusammenhang mit Marta Fuchs. Möge diese Konzertankündigung in Krakau ein kleiner Beitrag zu ihrer bunten Biografie sein. Das Buch von Roswitha von dem Borne und Johannes Lenz empfehle ich besonders all jenen, die in diesem Jahr die Neuinszenierung von „Parsifal“ in Bayreuth sehen werden. Sie finden dort interessante Überlegungen von Marta Fuchs zu der Kundry-Partie.

Marta Fuchs (1898-1974) »Das schwäbische Götterkind«

Roswitha von dem Borne
Johannes Lenz
© 2010 Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart

ISBN 978-3-86783-010-2

Jolanta Łada-Zielke, 12. Juni 2023, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Jolanta Łada-Zielke, Jahrgang 1971, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anläßlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. „Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, auf dem Portal „Kurier Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“, sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA. Als ausgebildete Sängerin führt Jolanta eigene Musikprojekte durch und singt auch im Chor. Zu ihrem Solo-Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Zwanzigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.“

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