Ladas Klassikwelt 77: Warum wird „Halka” außerhalb Polens so selten gespielt?

Ladas Klassikwelt 77: Warum wird „Halka” außerhalb Polens so selten gespielt?

von Jolanta Łada-Zielke

Mit großem Interesse habe ich die CD-Besprechung der Aufnahme von Stanisław Moniuszkos Oper „Halka“ gelesen, die Peter Sommeregger verfasst hat. Das Thema liegt mir auch deshalb nahe, weil ich einmal den Dirigenten Gabriel Chmura in Krakau interviewt habe. Die von Peter gestellte Frage, warum „Halka“ so selten auf Opernbühnen außerhalb Polens aufgeführt wird, werde ich jedoch nicht beantworten. Dr. Rüdiger Ritter hat dies bereits in seinem Buch „Der Tröster der Nation. Stanisław Moniuszko und seine Musik” getan. Er behauptet, man habe den Komponisten zur richtigen Zeit nicht vorangebracht.

Diese erste deutschsprachige Biografie über Moniuszko ist 2019 (zum 100. Geburtstag des Komponisten) vom Wiesbadener Harrassowitz-Verlag im Rahmen der Reihe „Polnische Profile“ herausgegeben worden. Rüdiger Ritter ist Historiker und Musikwissenschaftler, der sich auf osteuropäische Themen spezialisiert, sowie zahlreiche kulturelle Projekte in diesem Bereich koordiniert hat. Er ist Gastdozent an der Universität Bremen und arbeitet mit der dortigen Jacobs University zusammen. Das Buch ist eine erweiterte Version seiner Dissertation mit dem Titel „Stanisław Moniuszko und die polnische Nationale Befreiungsbewegung“ (2005).

In dieser Monographie gibt es viele Fakten und Namen, sie ist aber ziemlich klar geschrieben. Moniuszkos Werk wird nicht nur im Kontext des sich damals in Europa entwickelnden nationalen Operntrends diskutiert, sondern auch in Bezug auf die slawische Opernmusik, nämlich Tschechisch (Smetana) und Russisch (Dargomyrski).

Ritter skizziert die Situation der polnischen Kultur des 19. Jahrhunderts unter der russischen Besatzung. Er beschreibt den Status des östlichen „Kleinadels“, aus dem der Komponist stammt. Moniuszko schloss seine musikalische Ausbildung in Vilnius und danach in Berlin ab, wo er drei Jahre lang bei Carl Friedrich Rungenhagen, dem Leiter der örtlichen Singakademie und großem Förderer der Werke von Bach, Händel, Mendelssohn, Löwe und Schumann, studierte. Während des Studiums vertrat Stanisław seinen Professor als Probenbegleiter und Chorleiter. Der Autor des Buches weist darauf hin, dass Moniuszko in der Grenzregion dreier Kulturen aufgewachsen ist: belarussisch, litauisch und polnisch. Der Einfluss aller drei ist in seinen Kantaten zu hören: „Milda“, „Nijoła“ und „Widma“ (Gespenster).

Dank seiner sehr guten Polnischkenntnisse zitiert Ritter übersetzte Auszüge aus Briefen, Tagebüchern und Artikeln der damaligen Presse. Bereits in der Einleitung gibt es ein Fragment einer Kritik von „Halka”, veröffentlicht am 27. Januar 1858 in „Ruch Muzyczny”. Das Buch enthält Auszüge der Libretti der Opern „Flis“ (Der Flösser), „Hrabina“ (Die Gräfin), „Halka“, „Straszny Dwór“ (Gespensterhof), „Verbum nobile“ und „Paria“. Im Buch gibt es auch Nachdrucke von Fragmenten der Partituren einiger Werke, darunter polnische Tänze (Mazurkas und Polonaisen) und Leitmotive aus den Opern  „Halka” und „Straszny Dwór“.

Rund um die „Halka”

Ritter widmet „Halka” ein ganzes, separates Kapitel, weil die Oper nämlich zu einem der polnischen Nationalsymbole wurde. Man inszenierte sie von ihrer Warschauer Premiere 1858 bis 1912 siebenhundert Mal. Inhaltlich ähnelt sie Daniel Aubers „Die Stumme von Portici“, denn auch hier geht es um die Verführung und Aussetzung eines Mädchens aus dem Volk von einem reichen Herren. Von dem polnischen nationalen Charakter spricht die musikalische Ebene des Werks, die die Atmosphäre eines polnischen Adelshofes und eines Bergdorfes in Tatra widerspiegelt, hauptsächlich aufgrund der polnischen Tänze Mazurka, Polonaise, Kujawiak und Krakowiak. Die Uraufführung von „Halka“, noch in der ersten, zweiaktigen Fassung, fand 1847 in Vilnius statt.

Ritter erwähnt, dass das Werk aus heutiger Sicht sowohl Elemente der polnischen Romantik (das Problem der unglücklichen Liebe, die zum Wahnsinn führt) als auch des Warschauer Positivismus (die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen den Adeligen und dem Volk) enthält, charakteristisch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Man kann die Vilnius-Version von „Halka“ als feministisch bezeichnen, weil der Stachel dort gegen den treulosen Aristokraten gerichtet ist: „Ja, es ist mit den Herren, das ist ihre Liebe“ (Akt II, Szene 2). In der Warschauer Fassung wird Janusz milder behandelt und die Bauern seufzen über das Schicksal der Dorfmädchen: „Ja, es ist mit den Mädchen, das ist ihr Schicksal“ (Akt III, Finale).

Die erste Aufführung von „Halka“ im deutschsprachigen Raum fand 1926 an der Volksoper in Wien statt. Auch im nationalsozialistischen Deutschland wurde sie zweimal gespielt, am 14. Mai 1935 in Hamburg (mit Beteiligung des Ensembles vom Warschauer Teatr Wielki) und am 15. November 1936 in Berlin auf Initiative von Heinz Tietjen. Genauere Daten zu anderen Vorstellungen der Oper aus dieser Zeit sind jedoch nicht verfügbar, da viele Materialien im Zweiten Weltkrieg verschwanden.

Die Oper gastierte oft auf den Bühnen der ehemaligen DDR. 1959 erschien in Leipzig eine Taschenausgabe der deutschen Fassung des Librettos mit einer Einführung von Dieter Härtwig, der den Inhalt „im Geiste des Klassenkampfes“ interpretierte. Gleichzeitig machte er auf typische Elemente der Volksmusik aus der polnischen Tatra aufmerksam, zum Beispiel bis hin zu volkstümlichen, regionalen Instrumenten wie Bauerngeige, Basset und Dudelsack.

Im Moniuszko-Jahr 2019 wurde „Halka“ einige Male am Theater an der Wien inszeniert. Das war ein Projekt von Piotr Beczała, der darin Jontek sang. Als Janusz trat Tomasz Konieczny auf. Corinne Winters und Ewa Vesin spielten die Titelfigur.

Rechtzeitig nicht geschätzt

Die von Rüdiger Ritter verfasste Moniuszko-Biografie ist sachlich, frei von allen Vorurteilen und Ideologien, enthält aber nicht nur trockene Fakten. Der Autor präsentiert den Komponisten auch als Menschen, Ehemann und Vater, seine Emotionen begleitenden Erfolge und Misserfolge, Zweifel und Dilemmata, die er in seinen Briefen zum Ausdruck brachte. Er verwebt die Geschichte seiner Bekanntschaft und Ehe mit Aleksandra Müller sauber in den Inhalt und fügt mehrere Anekdoten aus dem Familienleben des Komponisten hinzu. Er zeigt Moniuszkos Kampf nicht nur mit der zaristischen Zensur (verstärkt nach der Niederlage des Januar-Aufstands 1864), sondern auch mit dem Neid seiner Kollegen, die widerstrebend akzeptierten, dass „ein Fremder aus der Ostprovinz“ zum Direktor der Warschauer Oper wurde. Ritter weist ebenso darauf hin, dass es Moniuszko wie Richard Wagner nicht gelang, in Paris Anerkennung zu finden, obwohl seine Werke dort im Druck erschienen, unter anderem im Verlag von Jan Kazimierz Wilczyński, im Rahmen des sogenannten „Vilnius-Albums“. Die Förderin der beiden Komponisten war Maria Kalergis-Muchanow (1822-1874). Moniuszko ließ sich von Wagner inspirieren, hat ihn aber persönlich nie getroffen. Er führte einen Briefwechsel mit Gioachino Rossini, dem er die  „III Litania Ostrobramska” (Die Dritte Litanie der Tor der Morgenröte) widmete.

Paulina Rivoli als Halka

Ritter versucht die Frage zu beantworten, warum Moniuszko, zu seiner Lebzeit populärer als Frédéric Chopin, außerhalb Polens fast unbekannt geblieben ist. „Halka” und  „Straszny Dwór“ erscheinen sporadisch auf europäischen Bühnen, gehören aber nirgendwo zum ständigen Repertoire, im Gegensatz zu den Werken eines anderen slawischen Komponisten: Bedřich Smetana. Ritter zitiert die Aussage von Antoni Sygietynski anlässlich der 500. Inszenierung von Halka, dass Chopins Musik „für die Elite“ und Moniuszkos Werke „für alle“ bestimmt sei. Aber Chopin hatte in Ignacy Jan Paderewski einen großen Propagator seines Werkes, der es nach Übersee verbreitete. Stanisław Moniuszko teilte, so Ritter, das Schicksal jener Komponisten, die allein dadurch keinen Weltruhm erlangten, weil niemand um sie herum war, der sie zur richtigen Zeit außerhalb Osteuropas gefördert hätte.

Ich hoffe, Peter ist mit der Antwort von Rüdiger Ritter zufrieden.

Jolanta Łada-Zielke, 5. Juli 2021, für
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Jolanta Łada-Zielke, Jahrgang 1971, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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