Laeiszhalle Hamburg: Selten so gelitten wie bei diesem Opernexperiment von Kurt Weill und Bertolt Brecht

LAEISZHALLE HAMBURG, GROSSER SAAL, 27. Mai 2018 Kurt Weill, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Symphoniker Hamburg,  Laeiszhalle Hamburg

Foto: Claudia Höhne (c)
LAEISZHALLE HAMBURG
, GROSSER SAAL, 27. Mai 2018
Kurt Weill, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
Symphoniker Hamburg

Ein Gastbeitrag von Teresa Grodzinska

Uraufführung 1930, im Neuen Theater in Leipzig. SA-Sympathisanten versuchten – erfolglos – die Aufführung durch Buhrufe zu sprengen. Es kam zum Handgemenge im Publikum.

Ich habe selten so gelitten wie bei diesem Opernexperiment von Kurt Weill und Bertolt Brecht in der Laeiszhalle in Hamburg.

Erst einmal der Kontrast zwischen Form und Inhalt: die gediegene, neu-barocke Laeiszhalle, 1908 vom Hamburger Reeder Carl Laeisz als „eine würdige Stätte für die Ausübung und den Genuss edler und ernster Musik“ gestiftet. Auf der Bühne großes Orchester, Konzertchor, ein Flügel, der viel zu sagen haben wird, zwei Sopranistinnen, zwei Bässe, ein Heldentenor, zwei lyrische Tenöre. Alle in Abendgarderobe, obwohl – Tribut an den Sommer im Mai 2018 – kein Krawatten- und Sakko-zwang. Der Dirigent Jeffrey Kahane leger mit dunklem Hemd und Büchs. Da würde der Laeisz schon beunruhigt dreingucken …

Und dann vom ersten Akkord an: Krawall, Kakophonie, weder edel noch ernst. Für Kurt Weills Musik muss ich Theodor Adorno (1903-1969) zu Hilfe rufen. Meine Kenntnisse der Musiktheorie und mein Schreibvermögen reichen hier nicht aus. Also Adorno, 1930:

„Von den Verdiensten der Dichtung ist hier nicht zu reden; wohl aber von den grauen, verräucherten Songs, die hinter ein paar Tönen vermauert bleiben; von den überschrienen Balladen, wie sie die amorphe, drängende, aufrührerische Masse des Lumpenproletariats rufen. Wie fern mir zuerst die Musik liegt, die nicht aus dem aktuellen Stande des musikalischen Materials die Konsequenzen zieht. (…)

Weill hat eine Region, die Strawinsky erschloss, um sie scheu alsgleich wieder zu verlassen, mit Mut und Sicherheit betreten. Seine Musik gewinnt ihre sprengende, erhellende Macht aus der Nachbarschaft des Wahnsinns. Die völlige Destruktion der Opernform ist dem höchst angemessen.“

Aus der sechsten Reihe, Parterre links, hörte ich die schrillen, scheppernd lauten Songs nur zu gut. Kein einziges piano, außer beim ersten Solo von Jenny (Nadja Mchantaf, Sopran), dies aber wunderschön. Die einzige Arie, die vom Publikum mit Applaus bedacht wurde. Mächtige, fast wagnerische Stimmführung von Leokadja Begbick (Jeanne-Michèle Charbonnet, Sopran), sehr präsent im ersten Akt – sie blieb sitzen im zweiten und dritten Akt, somit wenig Beachtung beim Schlussapplaus.

Da es sich um eine „semi-szenische“ Aufführung einer Oper handelt, sitzen die Sänger, wenn sie nicht gebraucht werden am vorderen Bühnenrand. Vor ihnen Notenpulte, die sie bei ihrem Solo im Aufstehen umständlich umstellen. Das wirkt holprig! Es soll wohl eine Andeutung der Bühnen-Choreographie sein. Je länger die Aufführung dauerte, um so öfter arbeiteten die Sänger im Stehen, ließen die Pulte in Ruhe.

Dabei haben die Solisten an diesem höllisch heißen Abend wirklich viel zu tun. Orchester und – vor allem der Dirigent – befinden sich hinter ihnen. Der Blickkontakt ist nur zur Seite zu den Kollegen möglich. Die Synchronität der Einsätze hat verständlicherweise oft darunter gelitten. Die  Sitzenden hatten in der ersten Hälfte der Aufführung noch ein bisschen mitgespielt (Mimik, Gestik, Körpersprache). Nach der Pause verfielen die Sänger in eine Art Dämmerschlaf.

Ihr denkt: Mir gefiel wenig bis gar nichts.

Dem war nicht so. Im 2. Akt zitiert Weill Bach, parodiert teilweise sehr witzig die „Gebrauchsmusik“, also die klassische, brave, für Spießer gedachte Oper. Die Musik wird sanft, versöhnlich, aber niemals dolce (süß). Dann aber umso stürmischer. Ich habe es überlebt.

Mir gefiel die grafische Gestaltung der Leinwand – teilweise nach Originalentwürfen anno 1930 von Bühnenbildner Caspar Neher,  einem Freund Brechts. Die Grafiken sind keinen Deut gealtert, könnten gut aus der „taz“ stammen. Klasse.

Am schwersten fällt mir, über Brechts Libretto zu berichten. Ich verstand wenig, sehr wenig. Ähnlich ging es einer älteren Dame neben mir, und sie trug kein Hörgerät! Es sind Texte, die auf große Leinwand projiziert, unverständlich wirken. Warum man uns jeweils nur die erste Strophe anbot, das Stück aber länger dauerte und teilweise von dem Solisten, dann vom Chor und wiederum vom Solisten gesungen wurde? Einen Satz von Joe (Michael König) habe ich verstanden. „Ich esse den Hund“.

Am Ende regnete es Mahagonny-Dollars. Habe ein paar Banknoten eingesteckt. Man weiß ja nie…

Ich muss mir den „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ noch einmal zu Gemüte führen. Diesmal aus der 16. Reihe eines Opernhauses.

Teresa Grodzinska, 28. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

Symphoniker Hamburg
Europa Chor Akademie Görlitz
Jeanne-Michèle Charbonnet, Leokadja Begbick
Thomas Ebenstein, Fatty, der »Prokurist«
Marcell Bakonyi, Dreieinigkeitsmoses
Nadja Mchantaf, Jenny
Michael König, Jim Mahoney
Markus Miesenberger, Jack O’Brian / Tobby Higgins
Simon Schnorr Bill, genannt Sparbüchsenbill
Levente Páll Joe, genannt Alaskawolfjoe
Peter Schmidt, Szenische Einrichtung und Ausstattung
Dirigent Jeffrey Kahane

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