Lieses Klassikwelt 25: Ohne Publikum

Lieses Klassikwelt 25: Ohne Publikum  klassik-begeistert.de

Foto: Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Credits: Staatsoper Unter den Linden / Marcus Ebener

„Was, wenn solche Notlösungen Schule machten und aus Sicherheitsgründen in Zukunft nur noch solche – nennen wir sie mal Online-Aufführungen – im Angebot stünden? Wenn echte Aufführungen mit Publikum auf einmal für immer der Vergangenheit angehören würden?“

von Kirsten Liese

In der Kultur herrscht Ausnahmezustand. Bühnen, Konzerthäuser und teilweise auch Museen in ganz Europa sind wegen Corona geschlossen. Die Berliner und Wiener Philharmoniker trifft das gleichermaßen wie Opernhäuser in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt oder Wien sowie die Elbphilharmonie, den Wiener Musikverein oder den Prado in Madrid. Und ganz besonders natürlich die Bühnen in Italien, dem Land in Europa, das derzeit noch am stärksten von dem Virus betroffen ist. Auch die Osterfestspiele Salzburg oder die Diagonale in Graz sagen notgedrungen ab.

Damit gehen Konstellationen einher, die man sich wohl früher nie ausgemalt hätte: Vor leeren Stühlen ohne einen einzigen Zuschauer ging gestern an der Berliner Staatsoper Bizets Carmen unter der Leitung von Daniel Barenboim über die Bühne. Die Vorstellung wurde vom RBB mit Kamera aufgezeichnet und live im Internet gestreamt. Es war wohl die einzige Möglichkeit, die Daniel Barenboim, seinem Orchester und seinem Ensemble blieb, um in diesen Zeiten ein Zeichen für den Erhalt der Kunst zu setzen und Zugang zu ihr zu ermöglichen.

Auf dieselbe Idee kamen die Berliner Philharmoniker, die ein abgesagtes Konzert unter Simon Rattle am selben Abend ohne Publikum durchführten und in ihrer Digital Concert Hall als Stream im Internet anboten.

Solche Notlösungen verdienen freilich großen Respekt, insbesondere auch für die Mitwirkenden. Die Carmen habe ich mir im Internet angesehen. Gut konnte ich die Gedanken der Moderatorin vom RBB nachvollziehen, der leere Zuschauerraum in der Staatsoper sieht schon gespenstisch aus.

Nun will ich hoffen, dass irgendwann im Sommer wieder zum Normalbetrieb in der Oper zurückgekehrt werden kann. Aber was, wenn solche Notlösungen Schule machten und aus Sicherheitsgründen in Zukunft nur noch solche – nennen wir sie mal Online-Aufführungen – im Angebot stünden? Wenn echte Aufführungen mit Publikum auf einmal für immer der Vergangenheit angehören würden? Vielleicht haben ja die Berliner Staatsoper und die Philharmoniker verantwortliche Politiker auf eine Idee gebracht?

Nein, ich male nicht den Teufel an die Wand. Ich gehe vielleicht nur zu oft ins Kino. Unheimlich wird mir zumute, wenn ich mich daran erinnere, dass ich Ende Januar auf dem Saarbrücker Max Ophüls-Festival einen Film sah, der unsere aktuelle Situation mit einem solchen Szenario beängstigend real vorweggenommen hat. Im Nachhinein erscheint er mir wie eine düstere Prophezeiung: Live ist der Titel dieses Science Fiction, in dem Regisseurin Lisa Charlotte Friederich von einer apokalyptischen Endzeit erzählt, in der schon seit langem keine Konzerte und Bühnenaufführungen mit Publikum mehr stattfinden. Allein die Pandemie hat die Filmemacherin nicht zum Anlass ihres Katastrophenszenarios genommen, das konnte sie vielleicht doch nicht ahnen. In ihrer fiktiven Geschichte werden Konzerte und Aufführungen wegen permanenter Terrorgefahr nur noch per Stream übertragen.

Im Zentrum stehen eine Psychologin, die Überlebende von Terroranschlägen betreut, und ihr Bruder, ein Trompeter. Die Geschwister ertragen die Isolation nicht länger und verwirklichen mit Hilfe zweier Hacker den riskanten Plan eines heimlichen Live-Konzerts vor Publikum. In seinen stärksten Momenten zeigt der Film die Verzweiflung von Menschen, die nur noch über Skype und Monitore miteinander kommunizieren können.

Das Drehbuch, das den Konflikt – ausgehend von den biblischen Figuren Kain und Abel – irgendwann auf eine private Familientragödie verlagert, hätte für meinen Geschmack allerdings etwas mehr Mystery-Atmosphäre à la David Lynch vertragen können. Die Geschichte endet etwas abstrus und vielleicht ist das einer der Gründe, warum der Film auf dem Festival keinen Preis gewann und er bislang trotz der aktuellen Bezüge wenig Aufmerksamkeit erfährt.

Gleichwohl will er mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Meine Gedanken wandern auch zu all jenen, die in Quarantäne sitzen und – analog zu einigen Nebenfiguren im Film – mit ihrer existenziellen Angst ganz alleine bleiben. Längst hat die Krise auch Prominente erfasst. Hollywoodstar Tom Hanks ist infiziert, aber auch der Bariton Michael Volle. Spätestens seit er am Sonntag bei Anne Will zugeschaltet wurde, wissen wir, dass er in Kleinmachnow bei Berlin in Quarantäne sitzt, nachdem er an der Mailänder Scala bei den Proben zu einer Salome-Produktion, die natürlich abgesagt wurde, mit einem infizierten Chorsänger in Kontakt kam.

Wenn ich bedenke, wie oft ich in den vergangenen Jahren in Mailand und Venedig war, kommt mir die verheerende Situation gerade in diesen italienischen Regionen unwirklich vor. Noch im Dezember vor der Stagione-Eröffnung an der Scala waren auf dem Mailänder Domplatz und in der Galleria Vittorio Emanuele so viele Menschen auf den Beinen, dass es schwierig war, sich den Weg zum Opernhaus zu bahnen. Und nun: eine verlassene Geisterstadt.

Nach Venedig wollte ich ursprünglich Ende des Monats zu einem Festival über Komponistinnen im Palazetto Bru Zane. Wenn ich nun Fotos von der ausgestorben wirkenden Lagunenstadt sehe, kommt mir unwillkürlich noch ein anderer Film in den Sinn: Viscontis Tod in Venedig.

Im Angesicht von Corona dürften Filmemacher jedenfalls unweigerlich Nachschub an Ideen für Endzeit-Dramen und apokalyptische Thriller bekommen haben. Nicht nur in Hollywood. Ich bin gespannt, wie lange der nächste Science Fiction auf sich warten lässt.

Kirsten Liese, 13. März 2020, für
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