NDR Elbphilharmonie Orchester belebt das neue Klangwunder

Lobgesang, Felix Mendelssohn Bartholdy,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Claudia Höhne (c)
NDR Elbphilharmonie Orchester, Thomas Hengelbrock
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Benjamin Britten bis Olivier Messiaen;
Felix Mendelssohn Bartholdy: „Lobgesang“ (Sinfonie Nr. 2) B-Dur op. 52;
Elbphilharmonie Hamburg

Zum Raum wird hier der Klang. Der Klang wird hier zum Raum. So ließe sich das Sonderkonzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung von Thomas Hengelbrock am Sonntagvormittag zusammenfassen – frei nach dem Motto für die Eröffnungskonzerte, die den Worten Gurnemanz’ aus Richard Wagners Oper „Parsifal“ entlehnt sind: „Zum Raum wird hier die Zeit.“

Das erste frei verkäufliche Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters mit einer Reprise des ersten Teiles der Eröffnungskonzerte sowie dem „Lobgesang“ von Felix Mendelssohn Bartholdy hat gezeigt: Hamburg ist mit dem Großen Saal der Elbphilharmonie in den Kreis der Welthauptstädte der klassischen Musik aufgestiegen. Und die Musiker von Thomas Hengelbrock werden von Mal zu Mal besser. Sie haben den übermenschlich großen Erfolgsdruck und das erste Lampenfieber abgelegt und bilden einen sehr guten Klangkörper.

Aber das NDR Elbphilharmonie Orchester braucht noch viel Zeit um in den Kreis der Weltklasse-Orchester aufzusteigen. Zwischen dem Chicago Symphony Orchestra, das am Samstagabend und am Sonntagabend im Großen Saal spielte, und dem Hamburger Ensemble besteht noch ein gewaltiger Unterschied.

Die Hengelbrock-Musikerinnen und –Musiker spielen noch nicht so geschmeidig, noch nicht so homogen und noch nicht so facettenreich wie das Weltklasse-Orchester aus dem US-Bundesstaat Illinois. Es fehlt noch die vollkommende Präzision: Die NDR-Truppe spielt in der Elbphilharmonie noch nicht aus einem Guss. Immer wieder waren bei den ersten drei Konzerten im neuen Heimatsaal – kleine – Unstimmigkeiten zu hören.

Das NDR-Elbphilharmonie Orchester spielt sehr gut, keine Frage, aber noch nicht herausragend. Es kommt trotz vieler Proben noch nicht vollkommen mit „der sehr ehrlichen Halle, die Schwächen nicht verbirgt“ (Riccardo Muti, Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra), klar.

Es ist aber nicht so schlimm, wie das Hamburger Abendblatt schreibt: „Unbarmherzig offenbarte die Akustik noch die leiseste Inhomogenität der Klangformung. Die Geigen klangen leicht scharf, Holz- und Blechbläser mischten sich kaum, jedes Instrument war für sich zu hören, direkt, geheimnislos. Kein Aroma, nirgends.“

„Kein Aroma, nirgends“ – diese Kritik ist überzogen. Nein, dieses Orchester vermag in Teilen schon Wohlklang und Glücksgefühle zu produzieren. Aber es stimmt: Thomas Hengelbrock wird noch viel Zeit benötigen, um seine Formation so richtig auf die Spur zu bringen, damit sie einen Klang in Perfektion zelebrieren kann wie Riccardo Muti und sein Chicago Symphony Orchestra.

Der Große Saal der Elbphilharmonie werde erst in drei bis vier Jahren in voller Blüte ertönen, sagte der Akustiker Yosuhisa Toyota im Gespräch mit klassik-begeistert.de. „Geben wir diesem Konzertsaal seine Zeit.“

Die Elbphilharmonie fordert alle Sinne – Eröffnungskonzert, Elbphilharmonie Hamburg

Fest steht nach den ersten sechs Auftritten im Großen Saal der Elbphilharmonie: Im Hamburger Hafen steht ein neuer Klassik-Tempel, der Klassik-Liebhaber aus allen Kontinenten begeistern wird.

BR-Klassik sah es nach dem dritten Konzert am Freitag (Jörg Widmann/“Arche“; Kent Nagano/Philharmonische Staatsorchester Hamburg), einer wunderbaren Auftragskomposition und Uraufführung, noch etwas kritischer: „Steril ist der Klang im viel gefeierten Saal nicht, aber sehr direkt, übergenau, schnell scharf, dafür beneidenswert wortverständlich. Eine Ausnahme-Akustik, keine Frage, und ein wirklicher Musiktempel, mit dem alle Mystiker und Melancholiker allerdings nicht glücklich werden dürften. Raunende, schattenhafte, verrätselte Hörerlebnisse erscheinen kaum denkbar. In dieser Saison setzt Hamburg sowieso auf Monumentalität. Es wird geklotzt, mit Bruckners und Mahlers Achter und Schönbergs ‚Gurreliedern’. Jetzt wollen es die Kaufleute aber wissen.“

Das Wochenende, die elbphilharmonischen Spieltage Nummer vier und fünf mit den Konzerten vier bis sechs, haben es indes gezeigt: In der „Elphi“ geht Perfektion. Es müssen nur herausragende Dirigenten am Pult stehen und herausragende Orchester leiten. Die Zukunft gehört diesem „Klangwunder“, diesem Jahrhundertprojekt, das 866 Millionen Euro gekostet hat.

Chicago Symphony Orchestra, Riccardo Muti, Elbphilharmonie Hamburg

Jetzt bricht in der Hansestadt Hamburg eine neue akustische Ära für Klassik-Begeisterte an.

Der Beginn am Sonntagvormittag war wieder ein Traum – wie bei den beiden Eröffnungskonzerten. Das Oboensolo „Pan“ (Nr. 1 aus den Sechs Metamorphosen nach Ovid op. 49, von Benjamin Britten komponiert 1951) blies Kajev Kuljus, Solo-Oboist des NDR Elbphilharmonie Orchesters, wieder lupenrein und einfühlsam. Bravo, Herr Kuljus! Danach folgte ein wunderschönes Arrangement aus vier Jahrhunderten – von Emilio de’ Cavalieris Arie „Dalle più alte sfere“ von 1589 über die Prélude für großes Orchester „Photoptosis“ von Bernd Alois Zimmermann von 1969 bis zu dem Werk für Streichorchester, Cimbalon und Percussion von Henri Dutilleux von 1989. Der Countertenor Rupert Enticknap sang zwei sehr schöne frühbarocke italienische Arien – erreichte aber nicht das außergewöhnlich helle und klare, das magische Niveau eines Philippe Jaroussky bei den Eröffnungskonzerten. Seine Stimmfärbung war dunkler.

Dabei wurde klar: Der große Saal kann das alles bewältigen – Barock bis Moderne. Die Transparenz und die Durchsichtigkeit der Instrumente waren ein Hochgenuss. Die glasklare Sicht in die Tiefe der Klänge war faszinierend. Bewegend gestalteten Thomas Hengelbrock und sein Orchester den Übergang vom Oboensolo zum fahlen Beginn des „Mystère de l’instant“ von Dutilleux, das schließlich mit den Streichern an Dynamik und Fülle gewann.

Bei Olivier Messiaens 10. Satz aus der Turangalila-Sinfonie blieb die Frage offen, ob nach oben hin, ins Fortissimo, noch mehr geht. Ob die Instrumente noch mehr an Lautstärke zu offenbaren vermögen? Beim Pianissimo hingegen fehlte dem Orchester noch das Vertrauen, noch weiter in die fast unendliche Stille hinabzugleiten. Hier mangelt es noch an Harmonie und Geschlossenheit. Vielmehr war ein Kaleidoskop aus lauter Einzelklängen zu hören, die sich nicht richtig mischten.

Nach der Pause dann Neuland für das NDR-Orchester: Die erste romantische Sinfonie in diesem Saal: Felix Mendelssohn Bartholdys 2. Sinfonie, der „Lobgesang“ für Soli, Chor und Orchester. Ein richtiger „Hamburger Jung“ ertönt in Hamburgs neuem Flagschiff. Das liegt Thomas Hengelbrock und dem NDR Elbphilharmonie Orchester. Und das liegt den sehr guten Chören: dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem NDR Chor. Die Damen und Herren füllten den Saal mit Wohlklang, sehr textverständlich und schön.

Der einzige Makel: Nur vier Sängerinnen – sie standen nebeneinander in der mittleren Reihe auf den Plätzen 2 bis 5 von links – schauten bei dem Werk mit seinen vielen bekannten Melodien und seinem Choral zum Dirigenten und ins Publikum. Die restlichen Sänger, vor allem die Herren, blickten überwiegend stur in die Noten. Das sieht nicht gut aus. Und fördert nicht den Wohlklang, der sicher noch opulenter hätte ertönen können.

Vollkommen unverständlich blieb indes, warum die Chorsängerin in der oberen Reihe auf Platz 7 von links während der drei ersten Instrumentalsätze einer nicht angemessenen Nebenbeschäftigung nachging. Das sieht ganz schlecht aus und lenkt alle Beteiligten ab!

„Schon nach dem Auftakt dreier Posaunen mit dem Zuversichtsthema, das später im Chor ‚Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!‘ wiederkehrt, zeigte das NDR Elbphilharmonie Orchester eine bessere Abstimmung und musizierte mit dem Herzen“, schreibt Die Welt zurecht. „Gewiss, Mendelssohn ist eine Literatur, die Thomas Hengelbrock liegt. In der Sinfonia fächerten sich die Streicher brillant auf, der Solo-Klarinettist wuchs mit einer im Raum verklingenden Kantine über sich selbst hinaus. Hengelbrock ließ das Orchester über lange Strecken ganz selbständig spielen. Die romantische Orchesterliteratur, erst recht ein so liedhaft zartes Thema wie im Adagio religioso sind das Terrain dieses Orchesters. Jeder Kirchenraum und selbstverständlich auch die Laeiszhalle wären indessen beim Einsatz zweier so fülliger Chöre erbebt. Nicht so die Elbphilharmonie“.

Die Solisten waren eine reine Freude! Allen voran die fulminante Hanna-Elisabeth Müller, die die zweite Sopranpartie für die erkrankte Julia Kleiter übernahm. Müllers Stimme verbreitet Wohlklang und Anmut von der ersten Sekunde an. Sie ist strahlend in der Höhe, fehlerlos, perfekt.

Frau Müller, es dürfte Ihnen klar sein: Sie stehen vor Beginn einer Weltkarriere! Ihr Sopran gehört zu den besten Frauenstimmen, die klassik-begeistert.de in den letzten Jahren gehört hat. Ihr Timbre hat dieses Besondere, dieses: Bitte-Singen-Sie-weiter!, das sonst nur Solistinnen wie Anna Netrebko, Elina Garanca und Olga Peretyatko zu bieten in der Lage sind. Es überrascht nicht, dass Sie das Ensemble der Bayerischen Staatsoper verlassen haben und in diesem Jahr noch die Marzelline in Ludwig van Beethovens „Fidelio“ an der Metropolitan Opera in New York sowie die Donna Anna in Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ im Teatro alla Scala in Milano singen werden.

In Deutschland sind sie im Juli bei den Münchner Opernfestspielen als Pamina in Mozarts „Zauberflöte“ zu hören. Und im Februar bereits als Sophie in Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“ an der Bayerischen Staatsoper.

Hanna-Elisabeth Müller war bereits am Mittwoch und Donnerstag bei den Eröffnungskonzerten kurzfristig eingesprungen – für Camilla Tilling, die wiederum für den Weltstar Anja Harteros einspringen sollte. Müllers spektakuläres Debüt lief laut SWR so: „’Aus dem Schnee in die Elbphilharmonie Hamburg – das ging schnell! Heute gebe ich mein Debüt in Hamburg: bei der Eröffnung des neuen Tempels der Kunst’, schrieb Müller am Mittwoch gegen 16 Uhr auf ihrer Facebook-Seite.

Im Gespräch mit dem SWR verriet sie dann am Donnerstag, dass sie der Anruf aus Hamburg beim Yoga im Skiurlaub erreicht hatte, rund einen Tag vor dem geplanten Auftritt. ‚Da habe ich ganz spontan ja gesagt’, erzählt die Sängerin weiter.

Müller durfte am Eröffnungsabend die Solopartie in der 9. Sinfonie von Beethoven übernehmen – sicher zur göttlichen Freude der Besucher an diesem Abend unter denen auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel waren. Aber auch bei ihr selbst sprühten wohl die Götterfunken, denn sie ist offensichtlich einfach begeistert von dem neuen Konzerthaus: ‚Das ist eine Akustik, die alles zulässt, die viel erlaubt. Es ist unfassbar schön, da zu singen.’

Müller hat sowohl zu Rheinland-Pfalz als auch zu Baden-Württemberg enge Beziehungen. Geboren in Mannheim, aufgewachsen in Dannstadt im Rhein-Pfalz-Kreis, erhielt sie dann ihre musikalische Ausbildung“: an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim.

Auch die Sopranistin Maria Bengtsson sowie der Tenor Pavol Breslik, der bei den Eröffnungskonzerten phantastisch für den Weltstar Jonas Kaufmann eingesprungen war, boten eine glänzende, makellose und textverständliche Partie!

„Wie der Tenor Pavel Breslik war Bengtsson wild entschlossen, den opernhaften Duktus mancher Passagen des pseudoreligiösen Werkes mit weltlicher und christlicher Botschaft herauszuarbeiten“, analysierte Die Welt. „Viel heller und schlanker in der Stimmfarbe setzte sich die für die erkrankte Julia Kleiter eingesprungene junge Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller von beiden ab.“

Der erste Mendelssohn in der Elbphilharmonie hat bewiesen: Auch Musik der Romantik ist in der Elbphilharmonie zu Hause. Es war ein Hochgenuss, diese Premiere eines richtigen Hamburgers in Hamburgs neuem zweiten Wahrzeichen (neben der Hauptkirche St. Michaelis, den die Hamburger liebevoll „Michel“ nennen) zu erleben.

Andreas Schmidt, 16. Januar 2017
klassik-begeistert.de

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