Eine Missa, die aufrüttelt und aufwühlt

Ludwig van Beethoven, Rezension Missa solemnis, Klassik-begeistert.de

Foto: BRSO Gardiner 210923 © Astrid Ackermann

Herkulessaal, München, 24. September 2021

Missa solemnis von Ludwig van Beethoven

von Frank Heublein

Zum Saisonstart des Symphonieorchesters und Chors des Bayerischen Rundfunks tritt am zweiten Abend hintereinander Sir John Eliot Gardiner ans Pult im Herkulessaal in München und lässt Beethovens Missa solemnis (feierliche Messe) erklingen.

Der Titel lässt erahnen, diese Messe hat nicht die Liturgie, die Unterstützung eines Gottesdienstes zum Ziel. Keine Kontemplation, innere Einkehr und Ruhe. Das ganze Gegenteil geschieht in mir.

Nach wenigen ruhigen Tönen setzt der Chor ein mit dem Kyrie im Forte. Ansatzlos ist der Übergang zuerst zum Tenor. Dieser Wechsel zwischen Chor und Solostimmen ist wie eine musikalische Welle, die aufwallt und heranbrandet in mein Inneres, einen Strand, an dem sich diese musikalischen Wellen brechen.

BRSO Gardiner 210923 (c) Astrid Ackermann

Das Gloria beginnt stürmisch wuchtig. Die göttliche Herrlichkeit als musikalischer Sturm, der in mir hereinbricht. Ich bin ausgesetzt, diese Musik wirkt beherrschend bis zum Atemanhalten: Deus pater omnipotens (Gott allmächtiger Vater). Der musikalische Wechsel hin zum Stillen und Langsamen signalisiert mir den gnädigen Gott. Zärtliche Flötentöne. Die Solisten setzen ein mit Qui tollis peccata mundi (Du nimmst hinweg die Sünden der Welt). Die Musik und ich mit ihr halten inne. Das folgende Preisen des Herrn ist energetisches Forte, strahlt in mich hinein.

Im Credo spüre und höre ich die Spannung zwischen Elysium, einen Ort ohne Schmerz und dem Mysterium, dass allein der Glaube dorthin führt. Das Mysterium erkenne ich in Chor und gesamten Orchester, dem Forte, der Energie, der Wucht. Das Elysium in den Solisten, die orchestral eher solistisch unterstützt insbesondere von der Flöte, sanft verheißend in mich hineinwirken. Diesen Ort will ich erreichen, die Musik ist kurz davor, einen marschierenden Rhythmus aufzunehmen, treibt mich stürmisch an. Dieser Wiederstreit spinnt sich bis ins abschließende Amen fort. Die Solisten, der Chor und ein zweites Mal die Solisten mit dem führenden Sopran. Das zuversichtlich Verheißende bleibt damit mein ausklingendes Gefühl des Credo.

Der ruhige Beginn des Sanctus in Fagott und Posaunen, die Solisten setzen fast sprechend ein. Ein wallendes Crescendo, den der einsetzende Chor ins Forte bringt. Das Präludium wird angeführt von der solistischen Geige des Konzertmeisters. Die Geige wird unterstützt von der Flöte und sitzenden Chorbässen. Diese eine „erste“ Geige führt ins Benedictus und vereint darin Chor, Orchester und Solisten. Die Lobpreisung Osanna in excelsis (Hosanna in der Höhe) ist – auch – die musikalische Verschmelzung vorheriger Gegensätze.

BRSO Gardiner 210923 (c) Astrid Ackermann

Das Agnus Dei beginnt mit dem Solo Bass mit tief dunkel getragender Wirkung. Die Pauken und die Trompeten wühlen meine Stimmung auf, treiben die Solisten an, das Orchester erwacht. Die Bitte miserere nobis (Erbarme dich unser) gewinnt an Dynamik und Kraft. Die abschließende Bitte um Frieden – Agnus Dei: dona nobis pacem. (Lamm Gottes: Gib uns Frieden.) – wird in allen Facetten versucht: pianissimo, forte, flehend, bittend, fordernd.

Die Aufführenden verschmilzt Sir John Eliot Gardiner zu einer starken Einheit. Das physische Stellen der Solisten und Solistinnen rechts hinter den Streichern verrät, dass sie ein gleichgestelltes Element des Ganzen sind. Bis zum Credo werden sie als dem Chor gegenübergestellte Einheit eingesetzt. Die Gegenüberstellung des unfassbar Großen im Chor, dem Wuchtigen, dem ich nichts entgegenzusetzen habe mit dem solistisch Rettenden, in dem ich schmerzlose Heimstatt finde. Im Sanctus und Agnus Dei dann vereinigt Beethoven Chor und Solisten und vereinbart sie auf ein gemeinsames Ziel: Frieden für die Menschheit zu erbitten, einzufordern.

BRSO Gardiner 210923 (c) Astrid Ackermann

Der letzte Ton, das letzte Wort ist verklungen. Es ist ein Ausruf: pacem! – Frieden! Hoffnung, Glaube, Erlösung? Diese Missa rüttelt mein Inneres auf, fordert, bestimmt: so, genau so muss es sein: Agnus Dei: dona nobis pacem [!] (Lamm Gottes: Gib uns Frieden [!]). Dieses Ausrufezeichen drückt meine Empfindung aus.

Frank Heublein, 25. September 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Programm

Ludwig van Beethoven – Missa solemnis

Livemitschnitt des Abends unter https://www.br-klassik.de/concert/ausstrahlung-2637542.html

Besetzung
Sopran Lucy Crowe
Mezzosopran Gerhild Romberger
Tenor Julian Prégardien
Bass Tareq Nazmi
Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Peter Dijkstra)

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Leitung Sir John Eliot Gardiner

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.