Das einzige Manko ist die Musik: Die Familienoper Coraline in ihrer deutschen Erstaufführung am Theater Freiburg

Mark-Anthony Turnage, Coraline,  Theater Freiburg

Foto: Birgit Hupfeld (c)
Theater Freiburg
, 13. Juli 2018
Coraline. Familienoper in zwei Akten von Mark-Anthony Turnage nach dem Roman von Neil Gaiman
Philharmonisches Orchester Freiburg
Musikalische Leitung                                                  Fabrice Bollon
Regie                                                                                   Aletta Collins
Coraline                                                                             Samantha Gaul
Mutter/Andermutter                                                   Inga Schäfer
Vater/Andervater                                                          John Carpenter
Mr. Bobo/Anderer Mr. Bobo/Geisterkind 2        Roberto Gionfriddo
Miss Spink/Andere Miss Spink/Geisterkind 1   Amelie Petrich
Miss Forcible/Andere Miss Forcible                      Anja Jun
Geisterkind 3                                                                    Daeho Kim

von Leah Biebert

Eine weiße Maus trippelt zum Staccato über Mr. Bobos Hände. Ein Karton läuft wie von selbst durchs Zimmer, und eine einsame Hand tastet suchend über den Kaminsims. Dazu ein buntes Wirrwarr im Orchester. Zwischen all dem: Die 11 Jahre alte Coraline, Titelfigur aus Neil Gaimans gleichnamigem Roman, im blauen Regenmantel und gelben Gummistiefeln. Am Theater Freiburg kam Mark-Anthony Turnages Oper zu ihrer deutschsprachigen Erstaufführung – mit wunderbar schrulligen Figuren und jeder Menge Irrwitz.

Die elfjährige Protagonistin findet ihr neues Zuhause schrecklich langweilig, ihre Eltern haben keine Zeit für sie, müssen Umzugskisten auspacken, arbeiten; der Vater tüftelt an seiner neuesten Erfindung, einer Müllvernichtungsmaschine. Da entdeckt Coraline im Wohnzimmer eine geheime Tür in der Wand, durch die sie in eine andere Welt gelangt. Dort sieht alles so aus wie vorher, und auch ihre Eltern sind da. Sie sind unglaublich nett zu Coraline, kochen die leckersten Dinge für sie – und tragen Knöpfe als Augen. Es sind ihre Andereltern, die ihr anbieten, für immer bei ihnen zu bleiben und ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Unter einer Voraussetzung: Auch Coraline muss sich Knöpfe über die Augen nähen lassen. Immer wieder ertönen Geisterstimmen, die das Mädchen warnen, und so bittet Coraline die Andermutter um Bedenkzeit und kehrt zurück in ihre eigene Welt. Doch dort ist alles verlassen, ihre Eltern und auch die Nachbarn sind verschwunden. Coraline irrt einsam durchs Haus und hört schließlich ihre Eltern um Hilfe rufen: Die Andermutter hat sie gefangengenommen. Coraline muss in die andere Welt zurückkehren, um ihre Eltern zu retten.

Samantha Gaul spielt das Mädchen liebenswert und mit kindlicher Freude, wippelt mit den Beinen, verschränkt trotzig die Arme, zieht eine Schnute. Springt wieder auf, ihr glockenheller Sopran dringt durch den Raum. Die Becken rumsen, und der blau-bunt geblümte Regenschirm, den sie zuvor noch aufbruchsbereit in die Höhe gereckt hat, klappt zu.

Doch so dynamisch Gauls Spiel auch ist, so zäh schleppt sich der Beginn der Oper dahin. In Turnages Musik ist wenig Veränderung, oft ist sie geradezu unmelodisch, langsam. Sie wird Coralines Aufbruchstimmung nicht gerecht, kündet lediglich in Dissonanzen von den Merkwürdigkeiten, die sich hinter der niedrigen Tür im Wohnzimmer der Familie Jones abspielen.

Sphärischer Bläserklang. Auf der Bühne wabert der Nebel silbern schimmernd, als Coraline durch die Tür steigt – wo die Andermutter sie schon erwartet. Schläge auf Holz begleiten ihre Schritte wie Wassertropfen. Ein wohliges Grauen, wenn Inga Schäfer (Mezzosopran) die Zähne fletscht, an Coralines Haaren herumfingert und ihr mit herrischer Stimme einen Käfer zum Abendessen anbietet.

Das Orchester unter der Leitung von Fabrice Bollon bringt Coralines Verzweiflung zum Erklingen, als sie sich voller Heimweh in eine Decke kuschelt. Ein nervöses chromatisches Auf- und Ab, als sie sich wehmütig an ihre Eltern erinnert und den Entschluss fasst, sie zu retten.

Und das gelingt natürlich – oder doch nicht? In der letzten Szene, Coraline hat die Andermutter besiegt und macht sich gerade fertig für die Schule, glücklich umringt von ihren sie liebenden Eltern und den gutgelaunten Nachbarn, als erneut alarmierende Stimmen erklingen: „Coooraline!“, rufen sie das Mädchen. Die dissonanten Klangfarben der Musik wecken eher die Sorge auf ein neues Unheil, als dass sie das herbeigesehnte Happy End bestätigen.

Das Opernensemble des Theater Freiburg beweist wieder einmal seine Stärke, Hauptrollen authentisch und charakterstark in Szene zu setzen. Aber auch die Nebenfiguren werden dank ihrer herausragenden Darsteller zu skurril-liebenswürdigen Figuren. Mit divenhaftem Timbre in der Stimme verleihen Amelie Petrich (Sopran) und Anja Jung (Mezzosopran) den beiden alten gescheiterten Schauspielerinnen Miss Spink und Miss Forcible eine exzentrische Dramatik; Roberto Gionfriddo (Tenor) mimt den litauischen Dirigenten Mr. Bobo mit kauzigem Ernst.

Die eigenwillige Tonsprache des britischen Komponisten jedoch nimmt den Besucher nicht so schnell für sich ein wie die verschrobenen Figuren. Sie verbleibt zu häufig im Unruhigen, weist wenig lyrische Abschnitte auf. Begrüßenswert sind die perkussiven Akzente, die das Philharmonische Orchester punktgenau auf Schlüsselstellen der Handlung setzt: Ein Paukenschlag, als Coraline durch die verborgene Tür in die Anderwelt verschwindet. Die Musik ist das Manko der Oper, das aber keinesfalls verschuldet ist vom Ensemble des Freiburger Theaters.

Leah Biebert, 14. Juli 2018, für
klassik-begeistert.de

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