Meine Lieblingsoper (59), Aida von Giuseppe Verdi

Meine Lieblingsoper (59), Aida von Giuseppe Verdi  klassik-begeistert.de

Mittlerweile empfinde ich die auch musikalische Oberflächlichkeit mancher Massenszenen der Oper Aida als störend. Gäbe es nicht Radamès‘ „Celeste Aida“ am Anfang der Oper, könnte man auch erst nach der Pause kommen. Nach der Pause wirkt Verdis Komposition dann umso intensiver. Ein Ratschlag sollte das aber nicht sein, denn auch ich bin diesem bisher nie gefolgt.

Foto: Aida als großes Spektakel am 10.08.2013 in der Arena von Verona,
Jubiläumsaufführung mit Neueinstudierung in den Dekorationen der Premiere aus dem Jahre 1913 (Foto: R. Wegner)

von Dr. Ralf Wegner

Verdis Aida gleicht einer Chimäre, einerseits bietet diese Oper ein massentaugliches Spektakel, andererseits handelt es sich um ein intimes Kammerspiel, in dem zwei Frauen um einen Mann buhlen. Wie bei Verdi üblich, vor politischem Hintergrund. Aida ist die am ägyptischen Hof versklavte Tochter des äthiopischen Königs, die sich zwischen der Liebe zu dem Feldherrn Radamès und ihrer väterlichen Heimat entscheiden muss. Ohne Verrat kann sie sich diesem Zwiespalt nicht entziehen. Radamès wird aber auch von der Pharaonentochter Amneris geliebt, die in Aida ihre Rivalin erkennt und sich mit Macht gegen die Verurteilung des Feldherrn stemmt. Am Schluss steht ein Sterbegesang, aber auch das ist bei Verdi ja üblich.

Ungebrochen ist die Beliebtheit des großen optischen Spektakels, wie es in der Arena von Verona geboten wird. Wir hatten 2013 das Glück, einer Jubiläumsaufführung beiwohnen zu dürfen. Es handelte sich um eine Neueinstudierung der Premiere von 1913. Einen solchen bühnenhandwerklichen Aufwand hatten wir auch noch nie erlebt. Dem damals bis auf den letzten Platz besetzten Arenarund (ca. 15.000 Zuschauer) stand ein monumentales, bei jedem Akt wechselndes bombastisches Bühnenbild gegenüber, welches bis auf die Zinnen der Arena reichte. Allein im Schlussbild waren mehr als 70 Fackelträger aufgeboten, um dem Rund einen prächtigen Rahmen zu geben. Alles wirkte gewaltig mit mächtigen Säulen, meterhohen Sphingen, großen Portalen und stimmkräftig auf den Rängen postierten Chören, nicht zu vergessen vier berittenene Schimmel, die beim Triumphmarsch zum Einsatz kamen.

Das akustische Erlebnis reichte allerdings nicht an den optischen Eindruck heran. Die Stimmen erreichten zwar das Ohr, aber nicht die Seele. Es fehlt hierfür die physische Erregung, die sich nur durch genügenden Schalldruck mitteilt. Dafür ist selbst die von vielen wegen hervorragender Akustik gelobte Arena in Verona nicht geeignet. In Anbetracht der Größe der Arena mag das, im Vergleich mit anderen Aufführungen unter freiem Himmel, stimmen. Der volle Raumklang eines Opernhauses wird aber nicht im Entferntesten erreicht. Aber immerhin, es wurde nicht mikrofonverstärkt gesungen.

Zum Gesanglichen, Fiorenza Cedolins verhauchte sich an der Aida und Marco Berti stemmte seinen Tenor mit Kraft durch die Partie des Radamès. Am besten kam noch Violeta Urmana als Amneris mit den akustischen Gegebenheiten zurecht. Den Amonasro sang Ambrogio Maestri. Ein Gesamterlebnis war es allemal. Und wenn nur ein Bruchteil der touristischen Zuschauer diese Aufführung als Anlass nimmt, um später auch einmal das heimische Opernhaus aufzusuchen, mögen die veronesischen Opernspektakel noch weitere einhundert Jahre andauern.

Eine ganz andere, auch in sich schlüssige Aufführung (Torsten Fischer) erlebten wir ein Jahr später in München im Prinzregententheater (damals Ausweichquartier des Staatstheaters am Gärtnerplatz). Das Bühnenbild (Herbert Schäfer) bestand aus großen Blechplatten, die in die Höhe gehoben werden konnten und den Hintergrund freigaben, zum Beispiel für glühend gelbes Sonnenlicht am Ende des Nilaktes. Amneris und der König steckten in Abendgarderobe, Radamès in einer Art Kampfanzug. Aida war in eine Burka gehüllt, zum Singen machte sie allerdings ihr Gesicht frei. Amonasro hätte als verkleideter Arafat durchgehen können, ihm fehlte nur der Schal. Ramphis war als eine Art Geheimdienstchef sonnenbebrillt.

Aida 2014 am Münchner Gärtnerplatztheater: Sae Kyung Rim (Aida), Gaston Rivero (Radamès), Francesco Landolfi (Amonasro), Holger Ohlmann (König), Monika Bohinec (Amneris), Sergii Magera (Ramphis) (Videostills, Youtube)

Dramaturgisch war das alles schlüssig. Der Triumphmarsch geriet zum spektakulären Höhepunkt des ersten Aktes, aber anders als üblich. Die gefangenen Äthiopier wurden von Radamès einzeln brutal durch einen weißen, das Bühnenportal ausfüllenden und langsam zerreissenden Papiervorhang an die Rampe geworfen. Amonasro zettelte von dort aus einen Aufstand an, der von Radamès kampftechnisch mit Springen und Fallen niedergekämpft wurde. Man hätte für diese sportliche Leistung ein Double vermutet, es war aber offensichtlich der muskelkräftige, wie ein Ringer wirkende Tenor Gaston Rivero selbst, der mit diesem Kampfsporteinsatz vor allem athletisch überzeugte. Auch das Schlussbild war beeindruckend: Amneris, ausdrucksstark gesungen von Monika Bohinec, lag auf einer an Seilen hängenden Gitterplatte, die sich langsam auf das dem Tode geweihte Liebespaar senkte und diese erdrückte. Kurz vorher ging aber der Vorhang runter. Der Beifall war jubelnd. Das war wohl vor allem der beeindruckenden Inszenierung geschuldet. Denn die

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anfangs stimmstarke Aida von Sae Kyung Rim hielt im Laufe des Abends nicht ganz das vermutete Niveau. Bei der Nilarie kletterte sie mit enger werdender und zur Schärfe neigender Stimme zum hohen C, ohne dort oben wirklich aufzublühen.

Zum hohen C der Aida: Es ist schon Trapezkunst und selbst für manche begnadete Sängerin nicht mehr zu erreichen. Es wird vermutet, dass Giulietta Simionato (Amneris) ihrer Mitsängerin Renata Tebaldi (Aida) diesen Ton für eine Plattenaufnahme lieh (Kesting 1993). D.h., das hohe C von Frau Simionato wurde offenbar in Tebaldis Nilarie hineingeschnitten. Denn der Anstieg zum C mit Aufblühen der Stimme ist ein wesentliches Kriterium für die Bewertung der sängerischen Leistung einer Aida. Unübertroffen ist Leontyne Price in einer Aufnahme der Metropolitan Opera in New York aus dem Jahre 1985.

Ich habe diese fabelhafte Verdisängerin, die in der Saison 1972/73 in Hamburg als Aida auftrat, leider nie in dieser Partie, aber 1968 bei einem Konzert im Großen Saal des Deutschen Museums in München hören dürfen. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis. Die unten verlinkte Aufnahme aus der Met zeigt, was diese Sängerin auszeichnet: Eine reine, klare Stimme, eine weit gespannte Farbigkeit verbunden mit einem unvergleichlichen Klang über alle Höhen und Tiefen sowie eine grandiose Ausdauer beim hohen C und auch beim die Arie abschließenden, lang gehaltenen A. Das ist nicht mehr nur schöner Gesang, sondern ein tiefer Blick in die Seele der an einer unlösbaren Aufgabe scheiternden Aida. Am minutenlangen Jubel des New Yorker Publikums zeigt sich, was diese Stimme in den Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer auszulösen imstande ist.

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Aus der Nilarie (Klavierauszug, Ricordi 1965)

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Nilarie: Leontyne Price 1985 in der New Yorker Metropolitan Opera und Margaret Price 1981 in der San Francisco Opera (Videostills, Youtube) https://www.youtube.com/watch?v=XD3tCTA8kfo&list=RDXD3tCTA8kfo&start_radio=1; Min. 6:25 https://www.youtube.com/watch?v=b8rsOzPzYr8; Std. 1:38

Die beste von mir gehörte Aida war Margaret Price, die mit dieser Partie 1982 in der Hamburgischen Staatsoper mit dem ihr eigenen warmen, weichen, makellos schönen, beim hohen C aufblühenden Sopran zu erleben war. Die Farbigkeit und stupende interpretatorische Kraft der Stimme ihrer Namensvetterin erreichte sie jedoch nicht. Zudem war Frau Price etwas unglücklich für ihre Figur in ein recht ausgeschnittenes, ärmelloses Kleid gepresst, was im Schlussbild zusammen mit ihrem körperbetont kostümierten Partner Franco Bonisolli (Radamès) leicht befremdend wirkte. Die damalige Aufführung wurde von Giuseppe Sinopoli herausragend dirigiert. Dieser Dirigent hatte bereits zwei Jahre zuvor Aida dirigiert mit Martina Arroyo als Aida, Carlo Cossutta als Radamès und Jelena Obraszowa als Amneris. Eine gute Besetzung erlebte ich auch noch 1971 mit Marina Krilovici als Aida und Bruno Prevedi als Radamès. Auch Annabelle Bernard (1971) sang eine sehr gute Aida, ebenso Latonia Moore (2010). Als Amneris beeindruckten außerdem Livia Budai (1993, 1994; mit Maria Guleghina als Aida und Michael Sylvester als Radamès) sowie Michaela Schuster (2014).

Die 2014 von mir gesehene Aufführung war die beste des letzten Jahrzehnts mit einer grandiosen Liudmyla Monastyrska als Aida, einem fabelhaften Johan Botha als Radamès und einem als Amonasro immer noch überzeugenden Franz Grundheber. Frau Monastyrskas großvolumige, den Raum flutende Stimme klang über den gesamten Frequenzbereich warm, rund und nie scharf. Das hohe C in der Nilarie hätte vielleicht noch etwas strahlender, überwältigender sein können, das soll aber nur eine beckmesserische Anmerkung sein. Bothas von der Stimmfarbe her eher uncharakteristischer Tenor bestach durch stupende Technik, großes Volumen und nicht enden wollende Ausdauer im Halten der Töne. Er be- herrschte das strahlende Forte ebenso wie die Pianotöne. Das B in der Eingangsarie „Celeste Aida“ sang er, wie bei Verdi verzeichnet, wie wenige andere an- und abschwellend (morendo). Bei dem damals kurz vor seinem 77. Geburtstag stehenden Grundheber schien das Alter kaum Spuren hinterlassen zu haben, vielleicht mit etwas Einbuße an Glanz im Vergleich mit seinem zwei Jahre zuvor hier gehörten Amonasro. In den 1970er Jahren war David Ohanesian auf den Amonasro abonniert, später sangen ihn überzeugend Ingvar Wixell und Andrzej Dobber.

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Kristin Lewis als Aida im Schlussbild (2018) im Bühnenbild von Johannes Leiacker (Foto Hans Jörg Michel)

Die aktuelle Hamburger Aida-Inszenierung aus dem Jahre 2010 von Guy Joosten beeindruckte vor allem dank der künstlerischen Leistung von Johannes Leiacker. Dieser schuf für den Regisseur ein verschachtelte Räume aufweisendes Bühnenbild, in dem die Wände eine Vielzahl horizontaler Linien zeigen, wie in einem Schulheft. Im Krabbeln erstarrte, ca. halbmetergroße, graphisch gestaltete, das Staatswesen symbolisierende Ameisen verirren sich auf und zwischen den Wandlinien. Vorn steht bis vor dem Schlussbild ein großes Bett, als Hinweis auf das Intime des Stücks. Beeindruckend das Schlussbild, da war dem Bühnenbildner sein Meisterstück gelungen. Man blickt aus dem Parkett in einen sich unendlich in die Tiefe erstreckenden, sicher mehr als 100 Meter langen Tunnel, in dem das Liebespaar Radamès/Aida (zu dem sich am Ende Amneris gesellt) eingeschlossen wird. Natürlich ist das Bühnenhaus nicht mehr als 100 m lang, es sieht aber so aus. Das Auge findet in diesem Tunnel keinen endlichen Haltepunkt. Erreicht wird die Wirkung durch lineare Verkürzung der Abstände zwischen den Linien an den Wänden und Decken. Der Effekt ist gewaltig, zum Beispiel, wenn Radamès seine Aida für eine Geisterscheinung hält; sie befindet sich bei ihrem Schlussauftritt in der Tiefe der Bühne und wirkt vor den Linien mit den kurzen Abständen, wie in einem Trugbild, bedeutend größer als der vorn stehende Radamès.

Die letzte von mir in Hamburg am 28.03.2018 gehörte Aida-Aufführung litt deutlich unter dem überlaut aufspielen lassenden Renato Palumbo. Dem Radamès von Marco Berti, den wir bereits in Verona erlebt hatten, fehlte es nicht an Lautstärke, aber an Piano- und Legatokultur. Im riesigen Rund der New Yorker Metropolitan Opera, in der er auch den Radamès sang, fällt das wohl nicht so auf, vielmehr beeindruckte er dort wohl eher mit seinem bis auf die Oberränge gut tragenden schallstarken Gesang. International gefragt ist auch Kristin Lewis als Aida, die mit dieser Rolle nach Hamburg in Wien auftrat. Auch mit ihrer Stimme hatte ich meine Schwierigkeiten. Nicht, dass die dem lyrischen Spintofach zugerechnete Lewis nicht zu schönen Tönen fähig war, ihre ebenfalls große Lautstärke und die dabei auftretende leichte Schärfe mag auch dem Orchester und dem Partner geschuldet sein. Was ich aber vermisste, waren die überzeugenden Tonbindungen und die Wärme in der Stimme, wie man sie bei einer Aida erwartet. Einen großartigen Eindruck hinterließ dagegen Elena Zhidkova als Amneris. Ihr schöner, manchmal wie mit einem Silberfaden durchzogener Mezzo war zum einen den Klangfluten gewachsen, zudem gefiel ihre Stimme auch noch im Piano.

Verdi sah für diese Oper auch zwei Basspartien vor, den König und Ramphis, den Oberpriester und eigentlichen Machthaber Ägyptens. Während der König auf der Bühne mehr repräsentiert als singt, hat der Komponist Ramphis durchaus mehr Noten zugebilligt, wenngleich nicht viele. Wenn für diesen Part gute Sänger angesetzt waren wie Kurt Moll, Martti Talvela, Jewgenij Nesterenko oder Harald Stamm, konnte auch Ramphis gesanglich beeindrucken.

Mittlerweile empfinde ich die auch musikalische Oberflächlichkeit mancher Massenszenen der Oper Aida als störend. Gäbe es nicht Radamès‘ „Celeste Aida“ am Anfang der Oper, könnte man auch erst nach der Pause kommen. Nach der Pause wirkt Verdis Komposition dann umso intensiver. Ein Ratschlag sollte das aber nicht sein, denn auch ich bin diesem bisher nie gefolgt.

Dr. Ralf Wegner, 24. Januar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Aida, Giuseppe Verdi, Wiener Staatsoper

2 Gedanken zu „Meine Lieblingsoper (59), Aida von Giuseppe Verdi
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  1. Den Sie so beeindruckenden Bombast der Veroneser Aufführung braucht niemand, ausser Touristen, die eigentlich Oper nicht goutieren. Denen ist dann auch stimmliche Unzulänglichkeit egal. Solch ein Bombast erschlägt die Musik.
    Also: Bombast ist überflüssig, wenn nicht gar unzulässig. Denn, vergessen wir nicht, Aida ist musikalisch eigentlich ein Kammerspiel. Das zeigte beeindruckend der begnadete Regisseur Giancarlo Del Monaco einmal, indem er auf jeden Zirkus verzichtete und lediglich mit Andeutungen und Licht operierte. Die Aida war die einzigartige Maria Chiara. Del Monaco ist einer der wenigen Regisseure, der von Oper etwas versteht. Er hat 120 Partien mit Text im Kopf und kann sie ansingen. Seine Personenführung ist unerreicht, jeder Chorist wird bei ihm szenisch einstudiert.
    Ich hörte noch in den sechziger Jahren Galina Vishnevskaja in Covent Garden mit dem tollen Walisischen Radames Charles Craig. Und danach sehr viele, die wenig in mir auslösten. Sehr beeindruckend war Carlo Bergonzi, der den Radames so sang wie er notiert ist.

    Robert Forst

  2. Ein Tipp für Verona, Herr Dr. Wegener!
    Nello Santi, den ich vor Jahrzehnten in Köln kennenlernte, hat dort sehr oft dirigiert. Ich hörte ihn einmal, als er die speziellen Probleme der Akustik beschrieb, kein Dach, große Entfernungen und Verzögerungen beim Schall wegen der 80 m breiten Tribüne. In der Tat hört man auf den teuren Parkettplätzen nur vorn gut. Trotz des in weiten Teilen doppelt besetzten Orchesters entschwebt der Schall auf den hinteren Plätzen in den Himmel. Auf den Rängen hingegen hört man verblüffend gut. Die Freaks kommen deshalb schon um 18:00 und machen ein Picknick auf den teils heißen Stufen. Mittlerweile gibt es in den unteren Reihen nummerierte Plätze. Letztlich aber kommt es auf die großartige Atmosphäre an!

    Joh. Capriolo

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