Auf die Kleinigkeiten kommt es an:
Tobias Feldmann begeistert in Hannover

NDR Radiophilharmonie, John Storgårds, Tobias Feldmann,  Großer Sendesaal des NDR, Hannover, 7. März 2019

Foto: Tobias Feldmann © Kaupo Kikkas
Großer Sendesaal des NDR, Hannover, 
7. März 2019

NDR Radiophilharmonie
John Storgårds Dirigent
Tobias Feldmann Violine 

JEAN SIBELIUS
„Pohjolas Tochter“, Sinfonische Fantasie op. 49
MIECZYSLAW WEINBERG
Violinkonzert g-Moll op. 67
PETER TSCHAIKOWSKY
Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36 

von Leon Battran

Viele Überraschungen und Entdeckungen musikalischer Art gab es an diesem bunten Konzertabend mit der NDR Radiophilharmonie zu erleben. In direkter Nähe zum Maschsee präsentierte das Orchester im Großen Sendesaal ein reichhaltiges und vielgesichtiges Programm und erhielt dabei Unterstützung von dem Geiger Tobias Feldmann und dem Dirigenten John Storgårds.

Von Pohjolas Tochter handelt Jean Sibelius‘ fantasie- und farbenreiche Tondichtung, die sich thematisch aus der Sagenwelt des finnischen Nationalepos Kalevala speist. Das Cello singt sich selig aus und bezaubert gleich zu Beginn. Oboe und Flöte trillern um die Wette. Sibelius‘ „Sinfonische Fantasie“ ist eine Spielwiese für das Orchester, die Gelegenheit bietet für pralle Tutti und filigrane Soli.

Der Dirigent John Storgårds – wie Sibelius Finne – scheint dafür genau der rechte Mann. Storgårds brennt wahrlich für diese Musik mit ihrer urfinnischen poetischen Substanz, und dieses Feuer überträgt sich auf das Orchester. Der Finne verlangt der beherzt musizierenden NDR Radiophilharmonie vollen Körpereinsatz ab. Ein toller Auftakt!

Sehr spannend auch das folgende Werk: Das Violinkonzert g-Moll des zunächst vergessenen und jüngst wiederentdeckten polnisch-russischen Komponisten Mieczysław Weinberg. Er war ein Zeitgenosse Dmitrij Schostakowitschs, von diesem einerseits hoch geschätzt, andererseits überschattet.

Seit einigen Jahren erfreut sich Weinberg wieder höchster Beliebtheit, nicht nur aufgrund seiner Opern. Seine Werke werden neu herausgegeben und seine Musik in die Konzert- und Opernhäuser dieser Welt hinaus- und in die Herzen der Musikliebhaber hineingetragen.

So auch am heutigen Abend in Hannover: Ein Violinkonzert, vier Sätze, jede Menge Überraschungen. Man mag sich musikalisch an Schostakowitsch erinnert fühlen. Weniger hörenswert ist Weinberg deswegen aber ganz und gar nicht.

Wenn der erste Satz auch etwas sperrig anmuten mag – das sei ja anstrengend, wird im Publikum gemurmelt – es lohnt sich durchaus, genauer hinzuhören. Denn unterschwellig lässt sich hier viel von Melodie und Sangbarkeit erkennen. Das ist nicht kantig, das ist edgy. Und der Geiger Tobias Feldmann hat ein Ohr für diese Feinheiten. Die Solostimme spielt der 28-Jährige wunderbar detailverliebt, kostet jeden Moment aus. Zu Beginn eilt er noch etwas.

In den Folgesätzen ist die musikalische Form deutlich gefügter. Das Allegretto wartet mit energischer Leidenschaft auf, mit einem mächtigen Streicher-Unisono. Melodie wird hier großgeschrieben.

Die anschließende Solopassage entlockt Tobias Feldmann seiner Gagliano-Geige von 1769 in einem äußerst vorsichtigen Piano. Der Bogen scheint auf den Saiten zu schweben, hauchzart und geschmeidig, touchiert sie kaum. Ungetrübt die musikalische Beredsamkeit und Ausdruckskraft. Das Publikum ist begeistert, nimmt die kleine virtuose Zugabe dankend an.

Anlass zur Kritik gibt ausgerechnet das populärste Werk des Abends. Tschaikowskys Vierte: Große Musik, groß gespielt, zweifellos. Nur kommt dieser Vierten ein bisschen der Feinschliff abhanden. Und auf die Kleinigkeiten kommt es eben an, gerade in der Musik. Wo bleiben sie hier, die so schwer greifbaren, aber umso entscheidenderen Zwischentöne?

Wer John Storgårds bei der Arbeit zusieht, kommt nicht auf die Idee, der könnte an irgendetwas sparen. Der finnische Dirigent setzt auf große Gesten. Er durchlebt Tschaikowskys Partitur mit unbändigem Ausdruckswillen und spornt die Spielerinnen und Spieler der NDR Radiophilharmonie immer wieder aufs Neue dazu an, alles zu geben.

An einem aber spart John Storgårds, und das sind klare Impulse, wo sie gebraucht werden. Stellenweise driftet das Orchester leicht auseinander. Die Sinfonie gerät ins Eiern. Umeinander wirbelnde Stimmen finden nicht zusammen. So bleiben Teile der Partitur letztlich splitterhaft.

Davon abgesehen ist die Sinfonie ein voller Erfolg. Im Finale lässt es John Storgårds noch einmal richtig Knallen und fährt großzügigen Schlussapplaus und Jubel für das Orchester ein.

Leon Battran, 8. März 2019, für
klassik-begeistert.de

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