Gäste aus Ungarn bringen Liszts großes Oratorium nach Wien

Franz Liszt, Christus, Oratorium, Pannon Philharmonic Orchestra, Gergely Kesselyak  Musikverein, Wien, 18. Oktober 2026

Blick auf die Solisten, den Dirigent und das Orchester – Foto: privat.

Im Auftakt der Konzertreihe „Musik der Meister“ erklang Franz Liszts Oratorium Christus erstmals seit langer Zeit wieder im Musikverein. Das Pannon Philharmonic Orchestra, der Ungarische Nationalchor und fünf exzellente Solisten ließen sowohl die klangliche Vielfalt des Werks als auch die musikalische Ausdeutung des christlichen Heilsgeschehens eindrucksvoll hervortreten.

Franz Liszt
Christus. Oratorium für Soli, Chor, Orgel und großes Orchester.

Pannon Philharmonic Orchestra
Ungarischer Nationalchor
Gergely Kesselyak,  Dirigent

Adriana Kučerová,  Sopran
Szilvia Vörös,  Alt
Mauro Peter,  Tenor
Adrian Eröd,  Bariton
Miklós Sebestyén,  Bass

Musikverein, Wien, 18. Oktober 2026

von Dr. Rudi Frühwirth

In seinem zweiten Oratorium Christus wird Franz Liszts tiefe Verwurzelung im katholischen Glauben besonders deutlich. Er fühlte sich der Kirche so verbunden, dass er 1865 in Rom die niederen Weihen empfing und in der Folge häufig als Abbé Liszt angesprochen wurde. Diese Verbundenheit spiegelt sich auch in der Gestaltung des Oratoriums wider: Neben Bibeltexten verwendet Liszt kirchliche Texte der katholischen Tradition und greift auf liturgische Melodien wie den gregorianischen Choral zurück.

by Fritz Luckhardt, albumen carte-de-visite, 1871

Anders als in Bachs Passionen oder im Weihnachtsoratorium wird in Liszts Christus keine fortlaufende biblische Geschichte erzählt. Vielmehr lässt sich die Textzusammenstellung als Folge von Vignetten verstehen, die zentrale Aspekte des Lebens Christi beleuchten. Das Oratorium gliedert sich in drei Teile: Weihnachts-Oratorium, Nach Epiphania sowie Passion und Auferstehung.

Die musikalische Gestaltung ist außerordentlich vielfältig: Kühne harmonische Fortschreitungen stehen neben schlichten liturgischen Gesängen, fugierte Abschnitte neben Momenten romantischer Entrückung, tief empfundene Klagen neben triumphaler Klangpracht und orchestrale Ballungen neben zarten Chören a cappella. In einigen Sätzen werden die zugrunde liegenden Texte nicht gesungen, sondern rein instrumental musikalisch ausgelegt. Dies gilt insbesondere für drei Sätze des ersten Teils: Die Einleitung, der Hirtengesang an der Krippe und Die Heiligen Drei Könige kommen ohne gesungenen Text aus.

Blick auf Orchester und Chor – Foto: privat.

Eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Liszts Botschaft von Freude, Leid, Frieden und Erlösung kommt dem Chor zu. Der Ungarische Nationalchor, dessen Mitglieder ausschließlich professionelle Sängerinnen und Sänger sind, war fabelhaft einstudiert und überzeugte in sämtlichen Stimmgruppen. Die A-cappella-Passagen waren makellos intoniert, die dramatischen Szenen zeichneten sich durch kontrollierte Präzision und klangliche Durchschlagskraft aus.

Das Stabat Mater speciosa wird ebenso vollständig vom Chor getragen wie das Pater noster, Die Gründung der Kirche und der Einzug in Jerusalem. Der umfangreichste Satz des Oratoriums ist das Stabat Mater dolorosa, das einige seiner bewegendsten und musikalisch eindringlichsten Momente enthält. Hier tritt zum Chor das Solistenquartett hinzu, in dem die Altpartie die Rolle der prima inter pares übernimmt. Die warm timbrierte Stimme von Szilvia Vörös durchströmte den Saal mühelos und mit großem Ausdruck.

Adrian Eröd. Foto: Nikolaus Karlinský. © 2010-2026 Adrian Eröd

Auch die Sopranistin Adriana Kučerová, der Tenor Mauro Peter und der Bassist Miklós Sebestyén gestalteten ihre Partien auf hohem Niveau. Die Stimme Christi, gesungen von Adrian Eröd, ist in drei Sätzen zu hören: in den Seligkeiten, im Wunder auf dem Meer und im ersten Satz des dritten Teils. Eröd bewältigte die anspruchsvolle Partie souverän und fand im Tristis est anima mea zu besonders schmerzlich eindringlichem Ausdruck.

Das in Pécs beheimatete Pannon Philharmonic Orchestra mag zwar nicht zur absoluten Spitzenklasse zählen, erwies sich jedoch als ein ebenbürtiger Partner für Chor und Solisten. Während den Streichern bisweilen etwas Glanz fehlte, präsentierten sich die Bläser von hervorragender Qualität. Die große Orgel des Goldenen Saals blieb stumm – wohl auch, um das Orchester nicht zu überdecken. Stattdessen kamen ein eigens auf dem Podium aufgestelltes Orgelpositiv sowie das in einigen Sätzen vorgeschriebene Harmonium zum Einsatz.

Gergely Kesselyak, der Chefdirigent des Orchesters, pflegt einen ausgesprochen expressiven Stil mit weit ausladender Gestik, die mitunter etwas theatralisch wirken kann. Zugleich gelingt es ihm, dem Orchester sowohl eindrucksvolle als auch fein differenzierte Klänge zu entlocken. Als Beispiele seien der leicht ungarisch gefärbte Marsch der Heiligen Drei Könige und das wirbelnde Stimmengewirr zu Beginn des Einzugs in Jerusalem genannt. Auch die Koordination von Solisten, Chor und Orchester war mustergültig.

Gergely Kesselyak. Quelle: Facebook-Profil des Dirigenten.

Das Oratorium mündete in das triumphale Resurrexit, in dem sich die musikalischen Kräfte noch einmal vereinten, um die Auferstehung Christi machtvoll zu verkünden. Solisten, Chor und Orchester entfalteten dabei eine festliche Klangpracht, die der österlichen Frohbotschaft besonderen Nachdruck verlieh. Das Publikum dankte den Mitwirkenden und dem Chorleiter Csaba Somos mit überaus herzlichem, lang anhaltendem Beifall.

Historische Randbemerkung

Mehr als ein Jahr vor der Uraufführung des vollständigen Oratoriums im Jahr 1873 in Weimar wurde der erste Teil im Wiener Musikverein uraufgeführt. Anton Rubinstein leitete den Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde übernahm den Chorpart, Anton Bruckner spielte die Orgel. Eduard Hanslick äußerte sich in der Neuen Freien Presse sehr abfällig: “Christus scheint mir das unerquicklichste Werk von Liszt zu sein, ein Fortschritt nur auf dem Wege der äußerlichen Künstelei und der inneren musikalischen Verarmung.” Lediglich das Stabat Mater speciosa ließ er als “eine Art erquickender Oase in der Wüste” gelten. Artur Rubinstein war seinerseits mit dem Orgelspiel Bruckners unzufrieden. Seine Gründe dafür sind dazu leider nicht überliefert.

Dr. Rudi Frühwirth, 19. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD/Blu-ray Besprechung: Carl Loewe, Palestrina Oratorium klassik-begeistert.de, 27. Februar 2026

A Child of Our Time, Oratorium von Michael Tippett  (1944) Herz-Jesu-Kirche München, 4. Juli 2025

Georg Friedrich Händel (1685-1759), Israel in Egypt, Oratorium in zwei Teilen Elbphilharmonie, Großer Saal, 26.  März 2024

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