Beethoven und Strauss faszinieren aus nächster Nähe in Solothurn

Sinfonieorchester Biel Solothurn TOBS!  Stadttheater Solothurn, 18. Oktober 2026

Sinfonieorchester Biel Solothurn TOBS! © Joel Schweizer

Klein, aber fein: In Solothurn gab es neben Beethovens erster Symphonie drei Repräsentanten einer Generation zu erleben, die musikalisch ganz unterschiedliche Wege beschritten: Claude Debussy, Richard Strauss und Charles Ives.

Stadttheater Solothurn, 18. Oktober 2026

Sinfonieorchester Biel Solothurn TOBS!

Laurent Zufferey / Leitung
Tommaso Duca / Oboe

Claude Debussy (1862-1918) / Prélude à l’après-midi d’un faune
Richard Strauss (1864-1949) / Konzert für Oboe und kleines Orchester D-Dur
Charles Ives (1874-1954) / The Unanswered Question
Ludwig van Beethoven (1770-1827) / Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21

von Julian Führer

Solothurn liegt an der Aare in der Schweiz, hat gerade einmal 17 000 Einwohner, der gleichnamige Kanton keine 300 000. Und doch steht hier das älteste Barocktheater der Schweiz mit originalen Dekorationsmalereien des 18. Jahrhunderts. Es hat knapp 350 Plätze bei nur sieben Parkettreihen und ist einer der Spielorte des Theater Orchester Biel Solothurn TOBS! Wenige Tage zuvor war das Programm bereits in Biel zu hören, dort allerdings im Kongresszentrum, einem modernen und sehr breiten Saal, so dass die Solothurner Aufführung eine Umstellung auf akustisch gänzlich andere Gegebenheiten verlangte.

Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune war das erste Werk, das der Franzose als reines Orchesterwerk schrieb. Es wurde 1894 mit großem Erfolg uraufgeführt. Die Flöte spielt eine bedeutende Rolle, die Harfe kommt hinzu, die Stimmung belebt sich – kein musikalisches Programm im engeren Sinne, eher ein Weiterspinnen der zugrundeliegenden hochsymbolistischen Dichtungen Mallarmés. Für französische Werke dieser Epoche erwartet man vielleicht ein impressionistisches Herumwolken, ein Orchester mit viel Pedal gewissermaßen; in dem sehr kleinen Saal war die Wiedergabe unter Laurent Zufferey jedoch sehr transparent, jede Instrumentengruppe klar erfassbar.

6 Sinfonieorchester Biel Solothurn TOBS (c) Hanspeter Baertschi

Richard Strauss wurde zwei Jahre nach Debussy geboren, produzierte vor dem Ersten Weltkrieg mit Salome einen Riesenskandal und mit dem Rosenkavalier einen Riesenerfolg und blieb über Jahrzehnte produktiv. Das Oboenkonzert schrieb er 1945 innerhalb weniger Wochen nach einem Gespräch mit einem Soldaten der US-Army, der auch Oboist war. Vollendet wurde es in Baden (zwischen Solothurn und Zürich), gewidmet dem Tonhalle-Orchester in Zürich, das 1946 die Uraufführung besorgte. Der späte Strauss ist unverkennbar – nach den Riesenorchestern von Salome, Elektra, Die Frau ohne Schatten und so mancher symphonischer Dichtung eine reduzierte Besetzung und eine ganz tonal gehaltene Klangsprache. Der Solopart, von Tommaso Duca souverän gemeistert, hat eine ungeheure Länge (und wurde zwischenzeitlich bei manchen Aufführungen gekürzt). Die Form ist fast anachronistisch-konventionell gehalten mit drei Sätzen und einer Kadenz für den Solisten. Brieflich hatte Strauss 1943 sein kompositorisches Werk als abgeschlossen angesehen und von „Noten, die ich als Handgelenksübung […] jetzt noch für den Nachlaß zusammenschmiere“ gesprochen. Sein Handwerk beherrschte er aber auch 1945 noch perfekt, und einige seiner Vorlieben, etwa für sehr hohe Violinlagen, waren auch hier unüberhörbar.

Nach der Pause Charles Ives mit „The Unanswered Question“, einem Werk, das in letzter Zeit häufiger zu hören ist. Zu sehr leisen und sehr langsamen Streicherakkorden mit nur ganz wenig Veränderung formuliert die Trompete eine ‚Frage‘, auf die das Holz erst langsam und dann immer schneller und immer mehr durcheinander keine rechte Antwort zu finden scheint. Die Trompete war in Solothurn auf der Galerie plaziert, so dass ein atmosphärisch sehr gelungener und von Ives auch gewünschter Effekt erzielt wurde. Das intime Werk passte gut in den kleinen Saal.

5 Sinfonieorchester Biel Solothurn TOBS (c) Joel Schweizer

Beethovens erste Symphonie – vielleicht muss man sie sich so vorstellen, wie sie in Solothurn gespielt wurde. Im Jahr 1800 gab es keine Konzertsäle für 2000 Menschen wie heute, und die unmittelbare Nähe zum Orchester im kleinen Solothurner Theater machte den Eindruck einer Aufführung zur Entstehungszeit vielleicht physisch erfahrbarer als ein Originalklangensemble in einem großen Konzertsaal. Die Vibrationen gerade der tieferen Streicher, für die Beethoven eine Vorliebe hatte, gingen durch und durch, was nicht an einer übermäßig hohen Lautstärke lag. Zu Beginn fragt man sich, was eigentlich die Tonart ist, bevor Beethoven das Thema präsentiert; Haydn und Mozart hatten für die klassische Symphonie die gültige Form gefunden, auf deren Basis Beethoven sich bereits bei der ‚Ersten‘ etliche Neuerungen und auch Wildheiten erlaubt.

Das Publikum dankte mit herzlichem Applaus. Das Theater Biel-Solothurn bietet in seiner Musiksparte ein ambitioniertes Programm, das unbedingt Aufmerksamkeit verdient.

Julian Führer, 19. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.ch

Marek Janowski, Dirigent, Schubert und Beethoven Tonhalle Zürich, 15. Oktober 2026

Bach und Mozart, Zlata Chochieva, David Fray Tonhalle Zürich, 13. Oktober 2026

Arnold Schönberg, Moses und Aron (1954) PREMIERE – Theater Basel, 3. Oktober 2026

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