Eroica mit großem Ernst: Riccardo Muti und sein Luigi Cherubini Orchester spielen ein Gedenkkonzert in Bergamo

Riccardo Muti, Luigi Cherubini Orchester, Beethoven, Eroica, Teatro Donizetti Bergamo, 21. März 2021

Foto: Riccardo Muti. © Silvia Lelli

Teatro Donizetti Bergamo, 21. März 2021 (Livestream)

Gaetano Donizetti
Sinfonia zu der Oper Don Pasquale

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr.3 Eroica

Orchestra Giovanile Luigi Cherubini
Leitung: Riccardo Muti

von Kirsten Liese

Das prächtige Teatro Donizetti allein, das aussieht wie ein kleines Geschwisterchen der nicht weit entfernten Mailänder Scala, wäre schon eine Reise wert. Wenn, ja wenn denn endlich wieder normales kulturelles Leben dort einkehren könnte!

Dass die herrlichen Opernhäuser, über die Italien so zahlreich verfügt, für Publikum wieder öffnen dürfen, konnte Riccardo Muti trotz unzähliger Bemühungen leider noch nicht bewirken. Aber in diesen Zeiten, in denen noch nicht einmal in Deutschland die Sächsische Staatskapelle Dresden mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann in einer leeren Semperoper ohne Publikum proben und für einen Stream Strauss’ Heldenleben spielen darf, ist man schon dankbar, dass Muti und sein Luigi Cherubini Jugendorchester zumindest einen so prächtigen, herrlichen Raum wie eben das Teatro Donizetti in Bergamo bespielen dürfen. Man wird ja bescheiden.

Wenn die Kamera den Raum aus unterschiedlichen Perspektiven durchmisst, mal die Sicht aus einer Loge einnimmt, mal die leeren Reihen im Parkett ins Visier nimmt, kommen mir die verlassenen, teils schon halb verfallenen, restaurierten oder umfunktionierten einst prächtigen Filmtheater in den USA in den Sinn, denen sich vor einigen Jahren eine imposante Foto-Ausstellung im Deutschen Filmmuseum Frankfurt widmete. Da, wo einst erfolgreiche Produktionen aus der Traumfabrik in Anwesenheit der Stars vor Tausenden Menschen ihre Weltpremiere erlebten, war nichts als eine unheimliche Ödnis übrig geblieben. Werden unsere europäischen Konzerthäuser und Theater eines Tages einen ähnlich trostlosen Anblick bieten? Trauriger Gedanke. Sprechen wir besser über das Konzert selbst.

Wieder einmal hatte Muti für dieses Gedenkkonzert an die Corona-Opfer von Bergamo in idealer Weise das Programm zusammengestellt.

Und da der 1848 in Bergamo verstorbene Donizetti, nach dem das Theater benannt ist, als der wohl prominenteste Künstler dieser Stadt gilt, verstand es sich von selbst, dass er musikalisch gewürdigt werden würde.

Die Wahl fiel auf die Sinfonia aus seiner Oper Don Pasquale. Das Luigi Cherubini Orchester musizierte sie unter Muti mit Verve, Präzision und ungemein delikat in den Überleitungen und der Gestaltung des neckischen Ohrwurm-Themas aus der berühmten Norina-Arie. Ein toller Muntermacher!

Den Hauptblock der Matinee bildete Beethovens Dritte, die Muti nahezu nahtlos an die Ouvertüre anschloss. Im Hinblick auf den berühmten „Trauermarsch“ schien auch sie wie zugeschnitten auf den Anlass.

Schon mehrfach konnte man sich in den vergangenen Wochen und Monaten von den herausragenden Qualitäten dieses Jugend-Orchesters – die italienische Antwort auf Barenboims West Eastern Divan Orchestra – überzeugen, und wiewohl hoch maskiert, erreichten die Musikerinnen und Musiker mit ihrem grandiosen Spiel diesmal einen so hohen Level, der von arrivierten Spitzenorchestern kaum noch getoppt werden kann.

Daran zeigt sich freilich auch, was es ausmacht, dass Muti sich ihnen noch weit intensiver widmet, seit seine Arbeit mit dem Chicago Symphony Corona-bedingt brachliegt.

Über weite Strecken fühlte ich mich an die Eroica-Interpretation der Sächsischen Staatskapelle unter Christian Thielemann vor einem halben Jahr erinnert. Muti wählt vergleichbar bedächtige Tempi, lässt die Musik weit ausschwingen, wird da kraftvoll, wo sich die Musik vor allem im ersten Satz entsprechend erhebt, und ziseliert jedes noch so kleine Motiv in den Holzbläsern filigran aus. Es ist insgesamt ein sehr schlanker, warmer Ton in den Streichern vernehmbar, das Hauptthema spielen die Celli mit wunderbarem Legato, schön im Ton, aber ohne zu dickes, schwülstiges Vibrato.

Der Marcia funebre, dem berührenden Herzstück dieser Sinfonie, gibt Muti die Langsamkeit, die es braucht, damit sich die Musik bis in kleinste Seufzer-Motive hinein entfalten kann, und das über weite Strecken knisternd leise und geheimnisvoll. Es ist nicht leicht, diesen Satz ohne Pathos und Sentimentalität zu gestalten, aber in dieser bewegenden Wiedergabe droht dies keinen Moment, verordnet doch Muti seinem Orchester eine angemessene Schlichtheit mit entsprechend sparsamen Zeichen und vielsagender Mimik. Ein großer Ernst steht ihm ins Gesicht geschrieben, Trauer und Schwermütigkeit hängen atmosphärisch im Raum. Und jeder Einsatz, den der Maestro gibt, und jedes kurze Ausbremsen im Dynamischen, wenn er einzelnen Instrumenten bedeutet, noch leiser zu spielen, wirkt wie aus dem Moment heraus empfunden.

Wie schön, dass auch das Scherzo, bei dem viele Dirigenten die Zügel gerne anziehen, hier nicht zu schnell daherkommt, so dass gerade auch in den Forte-Passagen des Orchester-Tutti nichts von dem Reichtum der klanglichen Fülle und auch dem Gestus der Musik verloren geht. Bei alledem waltet hier ein Klang von großer Kompaktheit. Muti achtet dabei auch sehr auf die Akzente in einzelnen Takten, die man in der Präzision nicht immer zu hören bekommt.

Wer Beethoven so exquisit musiziert, braucht keine Scheu haben, im Finalsatz zu breit zu werden. Im Gegenteil, hier wirkte sich das gemessene Tempo abermals bestens aus, da auf diese Weise das bis zum Exzess gesteigerte große Schluss-Thema, das zusehends gewichtiger und breiter wird, aufs Herrlichste erstrahlen konnte, im Blech gleichermaßen wie bei den Streichern.

Zumindest einen Moment der Stille hätte man nach dem letzten kraftvollen Schlusston allerdings gerne noch genossen, wenn denn schon der Beifall ausfällt. Das war einem leider nicht gegönnt. Nichts gegen die allemal schöne slawische Musik, die sich wenige Sekunden später über den Abspann legte, aber hier war sie einfach nicht passend.

Gerne hätte man noch einmal das Orchester und seinen Dirigenten gesehen, bevor sie die Bühne verließen. Und die Kulisse dieses herrlichen Theaters, in dem man hofft, die Interpreten physisch wiederzusehen, wenn auch Publikum wieder eintreten darf.

Kirsten Liese, 21. März 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Riccardo Muti dirigiert Verdi, Teatro Regio di Torino

Gaetano Donizetti, Don Pasquale, Royal Opera House, London, 14. Oktober 2019

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