Großer Gesang im Einkaufszentrum - Hannover kann große Oper! Hannover kann Wagner!

Richard Wagner, Der fliegende Holländer,
Staatsoper Hannover, 20. 10.2017

Musikalische Leitung, Ivan Repušić
Inszenierung, Bernd Mottl
Bühne, Friedrich Eggert
Kostüme, Doey Lüthi
Licht, Elana Siberski
Choreographie, Anastasiya Bobrykova
Choreinstudierung, Lorenzo Da Rio
Dramaturgie, Christopher Baumann

Daland, Shavleg Armasi
Senta, Kelly God
Erik, Robert Künzli
Mary, Mareike Morr
Der Holländer, Krzysztof Szumanski
Der Steuermann, Edward Mout
Chor der Staatsoper Hannover
Extrachor der Staatsoper Hannover
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

von Sebastian Koik

Hannover kann große Oper! Hannover kann Wagner! Dieser Hannoveraner Fliegende Holländer macht Spaß und ist musikalisch sehr stark!

Allen voran leitet der Generalmusikdirektor Ivan Repušić seine Musiker exzellent durch den Abend. Von den ersten Tönen der wunderbaren Ouvertüre an packen er und das Orchester das Publikum und lassen es bis zum Ende nicht mehr los. Sie halten ganz vorzüglich die Spannung und Repušić arbeitet bei aller leidenschaftlicher Energie mit dem Staatsorchester viele Details und Klangfarben der Komposition heraus, deckt die Sänger niemals zu und hält stets elegante Balance. Das Orchester spielt sich mit erfrischender Wildheit in den Rausch oder klingt herrlich zart … und musiziert dabei immer wundervoll.

Zu diesem Dirigenten und Generalmusikdirektor kann man Hannover nur beglückwünschen. Das mst großartig! Die einzige winzige Imperfektion aus dem Graben ist eine gelegentlich etwas zu laute und zu schrille Querflöte.

Beglückwünschen kann man das Hannoveraner Haus und Publikum auch zu ihrem großartigen Ensemble! Außer Krzysztof Szumanski in der Rolle des Holländers sind alle Solisten Ensemblemitglieder und sie alle singen und spielen auf sehr, sehr hohem Niveau!

Der amerikanische Tenor Edward Mout als Steuermann singt unglaublich zart, fein und elegant. Seine Stimme ist leicht und schwebend, dabei aber doch auch kraftvoll und nie zu leise. Wunderbar!

Der georgische Bass Shavleg Armasi gibt einen in allen Tonlagen begeisternden Daland. Er singt klangmächtig und sehr textverständlich, seine Tiefen sind schön sonor, sein Atem ist sehr lang. Shavleg Armasi ist ein herrlich vielseitiger, kompletter und eleganter Bass, der so viel mehr kann als nur tief zu dröhnen.

Die niederländische Sopranistin Kelly God ist sensationell als Senta! Im Look eines Gothic-Girls spielt sie eine rebellierende Teenagerin, die ihre Umwelt komplett ablehnt. Und ebenso wie alle ihre Solisten-Kollegen spielt sie ihre Rolle extrem überzeugend. Sie singt und agiert mal trotzig, mal kämpferisch und mal sensibel, ist aber immer freiwillige Außenseiterin.

Kelly God singt klangschön, souverän in allen Lagen, erschütternd in ihren kräftigen und hellen Höhen. Sie beherrscht das Hochdramatische ebenso wie die leisen Töne. Sie legt innerhalb dieser durchweg starken Solisten-Riege den wohl beeindruckendsten und unvergesslichsten Auftritt hin.

Der österreichische Tenor Robert Künzli gibt einen herrlichen Erik. Er wurde zwar vorweg für mögliche Schwächen aufgrund einer Erkältung entschuldigt. Von Beeinträchtigungen war allerdings nichts zu merken. Mit schönem Schmelz in der goldenen Stimme singt er herrlich lyrisch und mit viel Eleganz und Ausdruck.

Mareike Morr als Mary ist die einzige Deutsche unter den Solisten. Auch sie gibt ihre kleinere Rolle sehr gut.

Die internationale Zusammenarbeit von sechs Solisten aus sechs verschiedenen Ländern unter der Leitung eines Dirigenten noch einmal anderer Nationalität funktioniert wunderbar.

Der polnische Bariton Krzysztof Szumanski als Holländer ist dabei der einzige, bei dem  der Akzent und falsche Silbenbetonungen beim deutschen Gesang manchmal ein ganz klein wenig stören. Er ist nicht nur körperlich, sondern auch darstellerisch ein prachtvoller Holländer. Sein Gesang ist in allen Tonlagen und verschiedenen Stimmungen sehr klangschön und souverän – wenn es darauf ankommt!

Denn in den schönsten und wichtigsten Stellen ist er voll da und seine Stimme klingt groß. In weniger bedeutenden Passagen merkt man allerdings, dass er sich seine Stimme einteilt und nicht von Natur aus und nicht mühelos mächtig singen kann. Das ist seine erste Wagner-Rolle und er macht das als Holländer wirklich hervorragend, doch Wagner-Rollen mit längerer Singzeit dürften nach den Eindrücken von diesem Abend schwierig für ihn werden.

Die Chöre sind ebenfalls auf hohem Niveau. Ganz besonders überzeugt der reine Männerchor, der mächtig und präzise singt und beeindruckende Lautstärke erreichen kann.

Zur Regie: Senta als Gothic Girl/ Grufti ist ein sehr, sehr schöner Einfall! In schwarzer Kleidung und bleich geschminkt passt sie äußerlich hervorragend zum bleichen Holländer in schwarzer Renaissance-Rüstung. Die Ablehnung der Welt, in der sie lebt und ihre Todessehnsucht werden in dieser Figuren-Interpretation sehr deutlich gemacht.

Überhaupt sind die Kostüme von Doey Lüthi stark.

Andere Ideen von Regisseur Bernd Mottl und Bühnenbildner Friedrich Eggert zünden dagegen nicht wirklich. Das betrifft vor allem das aufwändige und eigentlich beeindruckende Bühnenbild. –  Das dann allerdings kein Schiff oder Hotel, sondern ein Einkaufszentrum darstellen soll. Wenn es dem Regie-Team so sehr um Gesellschaftskritik geht, wie man hinterher aus dem Programmheft lesen kann, dann sollte man die Szenerie auf jeden Fall eindeutiger gestalten.

Doch auch wenn man das Bühnenbild nicht im Sinne der Regie auffasst,
sieht die Produktion auf jeden Fall auch visuell gut aus und macht Spaß.

Weitere unverständliche Regie-Gedanken sind ein Steuermann, der sich seltsam benimmt, seltsam aussieht und zwischendurch seltsame Ticks à la Tourette hat und ein Untergehen von Holländer und Senta in einem großen Feuer statt im Meer. Das hat etwas von Hexenverbrennung. Bekommt Senta die gerechte Strafe für das Sprayen von kopfstehenden Kreuzen auf weiße „Kaufhaus“-Säulen?

Wie auch immer: Musikalisch ist dieser Fliegende Holländer aus Hannover wirklich stark. Hannover und Wagner-Freunde können sich auf die nächsten Wagner-Stücke unter der Leitung vom Generalmusikdirektor Ivan Repušić sehr freuen. Man mag es kaum glauben: Dieses glänzende Holländer-Dirigat von Repušić war dessen allererste Wagner-Einstudierung. Unter dieser musikalischen Führung hat die Staatoper Hannover eine glänzende Zukunft!

Sebastian Koik, 21. Oktober 2017,
für 
klassik-begeistert.de

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